Der Körper spricht, er drückt sich aus, er verfügt über seine eigene Art von Sprache – für mich eine klare Tatsache, aber nicht jedem wirklich geläufig.
Man kann mit dem Körper bewusst Dinge zum Ausdruck bringen – das ist die Körpersprache. Hängende Schultern oder auch durchgedrückter Rücken, das sind beispielsweise deutliche Signale. Oder auch die Freude beim Tanzen. Da drücken wir mit dem Körper bewusst etwas aus.
Etwas ganz anderes ist es, wenn der Körper etwas übernimmt, etwas ausdrückt, was als Entlastung für den Organismus dient. Das setzen wir nicht bewusst ein. Das können wir gar nicht. Das tut der Körper ganz von selbst. Wenn die Psyche beispielsweise erschöpft und ermüdet ist, wird auf der körperlichen Ebene etwas wie Schmerz erlebbar. Manche Menschen können auch eine Konversion entwickeln, wobei eine Körperfunktion gänzlich ausfällt. Dann hinken sie zum Beispiel plötzlich und ziehen den Fuß nach und wenn man neurologisch oder orthopädisch nachschaut, wird die Ursache nicht gefunden. Das bedeutet aber nicht, dass die Störung eingebildet ist. Der Körper entwickelt diese Störung und wir können sie medizinisch dennoch nicht darstellen. Das Symptom drückt einfach nur einen Konflikt, eine Unfähigkeit aus.
Wenn wir von der Somatisierung sprechen, ist das eigentlich ein physiologischer Prozess. Als Kinder verfügen wir nicht über die kommunikativen Fähigkeiten eines Erwachsenen, und wir drücken uns über unseren Körper aus. Dann haben wir Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen oder Schwindel, wenn uns etwas belastet oder ängstigt. Kleine Kinder leiden zum Beispiel beim Abschied von der Mutter, sie können noch nicht gut assoziieren, dass sie sehr wahrscheinlich zurückkommen wird. Sie können ihr Unwohlsein, ihre Verlustangst nicht anders ausdrücken als auf unbewusst körperlicher Ebene – beispielsweise mit einem „Grummeln im Bauch“. Auch andere Ausdrucksformen wie Kunst oder Musik stehen den Heranwachsenden zunächst nicht zur Verfügung. Und in dieser Zeit übernimmt der Körper den Part, Emotionen erlebbar zu machen und auszudrücken. Diesen Prozess nennen wir physiologische Somatisierung.
Im Rahmen unserer Entwicklung kommt es dann zu einer Desomatisierung – weil wir andere Wege lernen, uns auszudrücken. Angefangen mit der Sprache, dem wachsenden Wortschatz, mit Möglichkeiten, Resonanzen im Außen zu finden – die Mentalisierungsfähigkeit nimmt insgesamt zu.
Und je mehr wir mentalisieren können, desto mehr verstärkt sich die Desomatisierung. Nun kann es aber sein, dass ein einschneidendes Erlebnis, eine Extremsituation den Organismus eines Menschen so überfordert, dass er zurückfällt auf eine frühere Entwicklungsstufe. Diesen Prozess nennen wir dann wiederum Resomatisierung. Der Mensch fällt in eine kindliche Art, innerseelische Prozesse zu verarbeiten. Das kann zu einer pathologischen Form der Somatisierung führen.
Dieser Prozess ist meiner Meinung nach sehr wichtig, um das Krankheitsbild der Somatisierung besser zu verstehen. Wir müssen verstehen, dass das nichts Abwegiges oder Krankhaftes ist, weil wir das eigentlich als Menschen, als Kinder ja eigentlich immer machen. Das ist per se nichts Pathologisches. Es kann nur dann, wenn wir in einer Krise regredieren, also eine Entwicklungsstufe zurückgeworfen werden, zu einem Krankheitsbild werden.
Relevant ist hier, dass Menschen in dieser Situation oft gesagt wird, dass ihr Erleben einfach eingebildet sei. Also: Ihr Schmerz kann gar nicht sein, weil wir nichts finden. Blutbild, Röntgen – alles normal. Dennoch müssen Behandler akzeptieren, dass die Symptomatik real existiert. Wir müssen sie ernst nehmen, beobachten und beruhigend auf den Patienten einwirken. Das ist manchmal schon Teil einer Therapie. Das Angebot, die Symptome weiter zu beobachten, ist wichtig. Auch den Patienten in die Ursachensuche einzubeziehen, ist hilfreich. Die Frage ist: was könnte der Auslöser gewesen sein? Was ist davor passiert? Manche Patienten haben durchaus eine Idee davon, warum ihr Problem entstanden ist.
Zu mir kam einmal ein Patient, der synkopiert war. Er war kardial durchgecheckt, Blutwerte waren in Ordnung. Nun war die Angst da, dass er wieder umkippen könnte. Also wollte er von mir wissen, warum er denn umgefallen ist. Nach einem langen Gespräch stellte sich heraus, dass er vor dem Umfallen mit der Polizei in den Keller gegangen war, um die Tür aufzuschließen. Denn seine Lebensgefährtin war verschwunden. Es lag die Vermutung im Raum, dass sie sich etwas angetan haben könnte. Beziehungsprobleme gab es aber nach seiner Erzählung überhaupt keine. Es stellte sich heraus, dass der Patient dermaßen von seiner Beziehungsproblematik überfordert war, dass er sie nicht einmal wahrnehmen konnte – sodass er letztendlich zusammengebrochen ist, als das Unglaubliche geschehen war: Die Partnerin hatte sich von ihm getrennt, war zurück zu ihrer Tochter gezogen. Letztendlich habe ich ihm nicht wirklich helfen können, seine Verdrängung war so stark. Aber zumindest hat er durch unser Gespräch verstanden, dass es einen Zusammenhang gibt, den er vorher nicht sehen konnte.
Als sehr junge Ärztin habe ich einmal erlebt, dass eine hochschwangere Frau am Geburtstermin in die Klinik kam und über Schmerzen im Unterleib klagte. Als ich den Ultraschallkopf auf ihren Bauch hielt und den Geburtseintritt feststellte, sagte die Patientin: Das kann nicht sein! Sie sei überhaupt nicht schwanger. So stark kann Verdrängung sein. Die Psyche kann das. Sie kann Dinge scheinbar ungeschehen machen – und der Körper hat dann die Aufgabe, das zu regulieren. In dem Fall die Geburt.
Fazit: Es ist wichtig zu akzeptieren, dass es sein kann, dass der Körper seine eigene Sprache spricht. Dass wir alle in der Kindheit diese Phase haben, in der wir das so erleben. Und dass wir später andere Wege finden, uns auszudrücken – Sprache, Kunst, Sport und vieles mehr. Je mehr wir das können, desto weniger brauchen wir die Regression in krisenhaften Situationen durch den Körper.
Wir Ärzte sollten diese Form der Körpersprache immer mitdenken und ein bisschen lesen können. Eine diagnostische Medizin ist unumgänglich und eine große Errungenschaft, die Medizin ist durch laborchemische Untersuchungen und bildgebende Verfahren hochtechnologisiert, sie sind wichtig – aber nicht alles!
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