Wer kümmert sich künftig um die Menschen mit Diabetes?

Die diabetologische Versorgung gerät zunehmend unter Druck: Fachkräftemangel, fehlende Praxisnachfolger, der Rückzug stationärer Strukturen. Dr. Iris Dötsch beschreibt, was sie in ihrer Schwerpunktpraxis bereits beobachtet – und welche Fragen die Politik beantworten muss.

Fachfremde Gesundheitspolitiker – und viele Fragen offen

Wir Diabetologinnen und Diabetologen erleben unsichere, verunsichernde Zeiten. Wie längst bekannt ist, ist die Ruhestandswelle in der deutschen Ärzteschaft kein Zukunftsszenario mehr, sondern bereits real spürbarer Alltag. Damit für Menschen mit Diabetes keine eklatanten Versorgungslücken entstehen, müssen jetzt grundlegende gesundheitspolitische Weichenstellungen vorgenommen werden. Das fordert der Bundesverband Niedergelassener Diabetologen, dem ich angehöre. Und er adressiert damit die Interessen von Millionen Betroffenen, Tendenz steigend.

Noch nie so viele Fragezeichen bei der Zukunft der Versorgung

Was genau treibt uns um? Es gibt einen neuen, fachfremden Gesundheitsminister. Zudem wurde Tino Sorge als parlamentarischer Staatssekretär aus dem Bundesgesundheitsministerium entlassen und durch eine ebenfalls fachfremde Person ersetzt. Mit ihm geht ein sehr erfahrener und geschätzter Gesundheitspolitiker, mit ihm verschwindet Expertise aus der Politik. 

Das nehme ich in dieser Situation, da Reformen von der ehemaligen Ministerin angestoßen worden sind, nicht als stabile Signale wahr. Diese unvollendete Transformation führt zu einer großen Verunsicherung – nicht nur in der Ärzteschaft, sondern auch bei den Patientinnen und Patienten. Sie kommen und fragen: “Was bedeutet das alles für mich? Darf ich nicht mehr zu Ihnen kommen? Brauche ich erst eine Überweisung? Was ist, wenn ich die nicht bekomme?" Wir überlegen auch, wie es mit chronischen Patientinnen und Patienten weiter geht. Bekommen die eine Jahresüberweisung? Oder müssen sie sich jedes Quartal beim Hausarzt vorstellen? Was ist mit der Krankschreibung ab dem ersten Tag? Kommt die nun oder eben doch nicht? 

Das bedeutet nicht nur für die hausärztliche Praxis mehr Arbeit, mehr Bürokratie, sondern auch für uns. Und das unter den Bedingungen des Fachkräftemangels, dem Zuwachs an Menschen mit Diabetes und dem zunehmenden Wegfall der stationären Versorgung. Mit so vielen Fragezeichen war die Zukunft der medizinischen Versorgung noch nie versehen!

Der Sparzwang geht im nächsten Jahr sehr heftig weiter

Rund 20 Milliarden Euro sollen 2027 eingespart werden. Bislang ist unsere spezialisierte Versorgung noch nicht betroffen. Dennoch wissen wir nicht, was dieser Spardruck für die Versorgung von chronisch Kranken künftig bedeutet. Einerseits lassen die Digitalisierung und die Verringerung der Bürokratie immer noch auf sich warten. Andererseits spüren wir inzwischen die Auswirkungen der Krankenhausreform deutlich. Die stationäre diabetologische Spezialversorgung bricht vielerorts weg. Zeitnahe Reaktionen der umgebauten Bundesregierung bleiben aus. Die Gesundheitspolitik wirkt perspektivlos. Das verstärkt die Unsicherheit.

Deutlich mehr und schwerer erkrankte Menschen in der Praxis

Ich beobachte in meiner Schwerpunktpraxis zunehmend Patientinnen und Patienten, die schwerer erkrankt sind, dagegen ganz Wenige mit neuer Diagnose, die zur Schulung zu uns kommen und danach wieder in ihre Hausarztpraxis gehen. Über die KV-Hausarztvermittlung, die ich eigentlich gar nicht abrechnen kann, habe ich aktuell an einem Tag vier neue Patienten bekommen – jeder einzelne schwer krank. Zwei haben vermutlich Typ-1-Diabetes und waren bisher nicht ausreichend diagnostiziert, einer hat ein diabetisches Fußsyndrom und eine Patientin ist schwanger. Eigentlich hätte ich erst in vier Monaten wieder Termine, was aber in diesen Fällen natürlich nicht geht. Diese Menschen kommen dann zusätzlich in die normale Sprechstunde. Allgemein müssten viele Patientinnen und Patienten früher zu uns in die spezialisierte Versorgung geschickt werden, aber auch reguläre Hausarztpraxen sind überlastet.  

Wer tut sich noch eine 70-Stunden-Woche an?

Kolleginnen und Kollegen gehen in den Ruhestand und finden niemanden für die Praxis-Nachfolge. Oder sie arbeiten lieber im Angestelltenverhältnis. Eine 60-, 70-Stunden-Woche tun sich immer weniger an. Der Fachkräftemangel wird sich weiter ausweiten – und das nicht nur bei den Ärztinnen und Ärzten, sondern auch bei den Diabetes-Edukations-Berufen. Und dieser Mangel trifft auf unsere alternde Gesellschaft samt ihren Komplikationen. 

Zugleich wird die Krankenhausexpertise zurückgefahren. Insgesamt eine ungute Mischung, wenn man zudem den Sparzwang vor Augen hat. Was ist, wenn eine Sepsis droht, wenn die Nieren beteiligt sind, wenn der Patient dement ist? Da ist durchaus das Krankenhaus gefragt. Noch kenne ich Krankenhäuser im Umfeld und Kolleginnen vor Ort aus der Zusammenarbeit und kann mich für eine notwendige Einweisung meiner Patientinnen und Patienten stark machen. Aber keiner weiß, ob und wie lange diese Strukturen noch erhalten bleiben.

Es geht nicht nur ums Geld – die Verunsicherung ist allgemein

Es geht nicht nur um Geld. Es geht um eine ganze Versorgungsstruktur, um ein einst stabiles System, das unter den derzeitigen Voraussetzungen nicht mehr funktionieren kann und wird. Diabetologische Schwerpunktpraxen sind sehr personalintensiv, wir brauchen Wundschwestern und Schulungspersonal. Als Folge der personellen Engpässe müsste man sicherlich bestimmte Leistungen herunterfahren. Wer sich dann um die kranken Menschen kümmern kann, wenn an dieser Struktur gerüttelt wird, ist derzeit völlig offen. 

Vor allem aber geht es um die starke allgemeine Verunsicherung, die diese Transformation bei allen Beteiligten auslöst. Unsere Aufgabe wird es sein, die Politik dafür zu sensibilisieren und die Relevanz aufzuzeigen. Denn Gesundheit ist wichtig. Eine stabile und gerechte Gesundheitsversorgung stärkt Demokratie und Vertrauen. Und beides ist derzeit wichtiger denn je.