Es war einmal eine Zeit, da ging ein Patient zum Hausarzt, wenn er krank war.
Der Hausarzt schaute sich den Patienten an, hörte zu, untersuchte ihn, stellte eine Diagnose und entschied anschließend, was zu tun war. Manchmal überwies er zum Facharzt, manchmal ins Krankenhaus, manchmal sagte er auch einfach: „Das ist nicht gefährlich, wir beobachten das.“
Ein erstaunlich analoges System. Und offenbar dringend reformbedürftig.
Denn inzwischen entdecken immer mehr Menschen, dass man medizinische Versorgung auch wunderbar steuern kann. Am besten digital, standardisiert und natürlich möglichst effizient. Und wer wäre dafür besser geeignet als die Krankenkasse? Sie kennt zwar den Patienten nicht persönlich, hat ihn vielleicht noch nie gesehen und war bei seiner Untersuchung nicht dabei. Aber sie kennt seine Versichertennummer. Und das ist im modernen Gesundheitswesen schließlich auch schon eine Art Beziehung.
Die neue Idee klingt zunächst harmlos: bessere Steuerung, koordinierte Termine, strukturierte Ersteinschätzung. Doch irgendwann stellt sich die unangenehme Frage:
Wer entscheidet eigentlich, ob ein Patient einen Arzt braucht? Der Arzt?
Oder eine Stelle, die vor allem darauf achten soll, dass Versorgung wirtschaftlich bleibt? Und wer entscheidet, wie dringend ein Termin ist? Der Hausarzt, der den Menschen vor sich sitzen hat? Oder ein System, das den Fall anhand von Parametern, Algorithmen und Zuständigkeiten sortiert? Vielleicht kommt demnächst auch noch die digitale Ansage: „Ihre Beschwerden wurden erfolgreich klassifiziert. Bitte haben Sie Verständnis, dass Ihr Hausarzt Sie erst in 14 Tagen sehen kann.“
Herzlichen Glückwunsch.
Wir haben dann zwar keine bessere Medizin – aber immerhin einen perfekt organisierten Warteprozess.
Ich habe nichts gegen Digitalisierung. Im Gegenteil.
Ich habe auch nichts gegen sinnvolle Steuerung, Koordination oder Teamversorgung. Aber ich habe etwas dagegen, wenn unter dem Etikett der „Primärversorgungsreform“ schleichend die ärztliche Entscheidungskompetenz aus der Arztpraxis heraus verlagert wird. Denn eine Krankenkasse ist ein Kostenträger.
Sie ist kein Arzt. Und sie sollte auch keiner werden. Der Hausarzt ist nicht der verlängerte Arm der Krankenkasse. Er ist auch kein medizinischer Sachbearbeiter, der die Patientenströme nach wirtschaftlichen Vorgaben sortiert. Er ist Arzt.
Und das bedeutet: Er entscheidet unabhängig, fachlich und eigenverantwortlich.
Natürlich brauchen wir eine starke Primärversorgung.
Aber wenn Primärversorgung am Ende bedeutet, dass der Patient zunächst durch eine zentrale Steuerungsinstanz muss, bevor er überhaupt einen Arzt erreicht, dann haben wir das Pferd von hinten aufgezäumt. Die Hausarztpraxis ist keine Telefonzentrale. Sie ist kein Callcenter. Und sie ist schon gar keine Filiale der Krankenkasse.
Hier findet medizinische Ersteinschätzung statt. Hier wird entschieden, was notwendig ist. Hier kennt man häufig die Krankengeschichte, die familiäre Situation und die Besonderheiten eines Menschen. Medizin besteht eben nicht nur aus Daten.
Manchmal erkennt man eine ernste Erkrankung daran, dass ein Patient anders aussieht als sonst. Manchmal daran, dass die Ehefrau sagt: „Irgendwas stimmt heute mit ihm nicht.“ Und manchmal daran, dass der Hausarzt nach 30 Jahren Erfahrung einfach weiß: „Das gefällt mir nicht.“
Dafür gibt es keinen Krankenkassen-Algorithmus.
Wenn wir die hausärztliche Versorgung stärken wollen, bin ich sofort dabei.
Wir brauchen mehr HZV.
Wir brauchen funktionierende Teamversorgung.
Wir brauchen qualifizierte MFA, VERAH, Primary Care Managerinnen, Physician Assistants und andere Gesundheitsberufe. Wir brauchen Digitalisierung, die Ärzte entlastet und nicht weitere Bürokratie produziert. Und wir brauchen eine verbindliche Primärversorgung, in der die Hausarztpraxis tatsächlich der erste und zentrale Ansprechpartner bleibt.
Aber eines brauchen wir ganz sicher nicht: Eine Krankenkasse, die durch die Hintertür zum medizinischen Mitentscheider wird. Denn dann sollten wir konsequent sein. Vielleicht drucken wir künftig neben der Gesundheitskarte gleich noch einen neuen Berufstitel auf die Krankenkassenkarte:
„Krankenkasse – Fachbereich Allgemeinmedizin, Terminvergabe und medizinische Ersteinschätzung.“ Das wäre zumindest ehrlich.
Ich wünsche mir von der Politik deshalb weniger Vertrauen in Steuerungsmodelle und mehr Vertrauen in die Menschen, die jeden Morgen ihre Praxistür aufschließen und Verantwortung übernehmen. Die Freiberuflichkeit ist kein romantisches Relikt aus vergangenen Zeiten. Sie ist die Grundlage dafür, dass ärztliche Entscheidungen nicht danach getroffen werden, was für einen Kostenträger am bequemsten ist, sondern danach, was für den Patienten medizinisch richtig ist. Darüber sollten wir reden. Und zwar bevor aus „mehr Koordination“ irgendwann „mehr Kontrolle“ geworden ist. Denn am Ende ist die Sache eigentlich ganz einfach:
Die Krankenkasse darf bezahlen.
Die Verwaltung darf organisieren.
Das Team darf unterstützen.
Aber Medizin macht der Arzt.
Und wenn wir das ändern wollen, sollten wir wenigstens den Mut haben, es auch so zu nennen.
Wo hört für Sie Koordination auf und wo fängt Kontrolle an? Und was müsste eine Primärversorgungsreform garantieren, damit Sie ihr als Hausärztin oder Hausarzt zustimmen würden?