Zwischen Prognose und Menschlichkeit: Über Hoffnung in der Medizin

Wie viel Ehrlichkeit verträgt Hoffnung? Prof. Jalid Sehouli über Gespräche in existenziellen Situationen.

Über Hoffnung und Ehrlichkeit in der Medizin

Die 46-jährige Patientin ist Mutter von zwei Kindern. Bibliothekarin. Diagnose: platinresistentes Ovarialkarzinom. Vier vorangegangene Therapien. Der Tumor wächst weiter. In immer kürzeren Abständen. Zehn Monate nach der sechsstündigen Operation kommt das Rezidiv. Die Aszites kehrt zurück. Weitere vier Therapien. Das Bauchwasser hört nicht auf. Im Gegenteil – es nimmt zu. Auch die Bauchschmerzen. Jetzt sitzt sie vor mir. Die Hände ineinander verschränkt. Ein leiser Versuch, sich festzuhalten.

Ich kenne die Zahlen, die Studien, aber wer kennt schon die Wahrheit?

Ich kenne die Zahlen. Den Median. Die Hazard Ratio. Ich kenne die Sprache der Studien. Präzise. Geordnet. Und doch voller Lücken. Ich könnte jetzt sagen: Das ist die Wahrheit. Aber wer kennt die schon? Was wir haben, sind Wahrscheinlichkeiten. Spannbreiten. Erfahrungen. Und ein Mensch, der mehr ist als jede Statistik.

Viele glauben, man müsse sich entscheiden. Zwischen Ehrlichkeit und Hoffnung. Ich glaube das nicht. Man muss nicht alles sagen. Aber das, was man sagt, muss so wahrhaftig sein wie nur möglich. Keine Lügen. Keine Floskeln. Keine Ausweichbewegungen.

Denn Patientinnen spüren das. Wir können nichts ausschließen. Nie. Wir sprechen über Möglichkeiten. Über Risiken. Über Wege. Nicht über Gewissheiten.

Hoffnung bleibt, sogar, wenn das Leben zu Ende geht

Auf dem ESGO Congress 2026 in Kopenhagen sagte die Schauspielerin und Musikpädagogin Robin Gooch: „Hoffnung ist so wichtig. Und Hoffnung bleibt – sogar, wenn das Leben zu Ende geht.“

Dieser Satz bleibt. Weil er nichts verspricht. Und nichts verschweigt. Ich habe ihn mitgenommen. In Gespräche, zu Patientinnen. In diese stillen Momente, in denen jedes Wort Gewicht bekommt. Emily Dickinson schrieb: „Hoffnung ist das Ding mit Federn, das sich in der Seele niederlässt.“ Leise. Unaufdringlich. Aber da.

Und vielleicht liegt genau darin nicht die Wahrheit – sondern die Wahrhaftigkeit. Nicht darin, alles zu wissen. Sondern nichts zu verstecken. Nicht darin, Sicherheit zu geben. Sondern Orientierung. Wir sind nicht dafür da, über Leben zu entscheiden. Aber wir sind in der Verpflichtung, Menschen zu helfen, ihre Prioritäten zu finden.

Man nimmt den Menschen nichts, wenn man ehrlich ist

Was ist wichtig? Was trägt? Was bleibt? Ich habe über die Jahre inzwischen gelernt: Man nimmt Menschen nichts, wenn man ehrlich ist. Man nimmt ihnen etwas, wenn man sie alleine lässt.

Ehrlichkeit ohne Beziehung ist hart. Hoffnung ohne Ehrlichkeit ist leer. Aber wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas, das trägt. Kein Versprechen. Keine Sicherheit. Aber ein Weg. Gemeinsam. Und vielleicht ist das die ehrlichste Form von Hoffnung.

Patientinnen verstehen besser, wenn wir über Prognosen sprechen

Studien zeigen: Wenn wir über Prognosen sprechen, verstehen Patientinnen ihre Situation besser. Nicht alles. Aber genug, um Entscheidungen zu treffen. Die Beziehung leidet nicht darunter. Im Gegenteil. Sie trägt oft mehr. Ehrlichkeit allein reicht nicht. Sie braucht eine Form. Klarheit. Und Zuwendung. Zahlen erklären viel. Aber nicht alles. Was hilft, ist Einordnung. Es gibt nicht nur eine Zukunft, sondern mehrere Möglichkeiten. Es geht darum, was wahrscheinlich ist. Was möglich bleibt. Und was wir nicht wissen. Auch das gehört dazu.

Die Studien zeigen auch: Es macht einen Unterschied, ob jemand nur informiert – oder spricht. Wenn wir zugewandt sind, ruhig, präsent, dann sinkt nicht nur die Anspannung. Dann entsteht etwas anderes: das Gefühl, getragen zu sein.

Denn Hoffnung entsteht nicht durch Worte allein. Sondern durch Haltung und Respekt gegenüber der existentiellen Situation. Durch Erfahrung. Und durch das Angebot, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Ehrlichkeit nimmt nichts. Sie ordnet. Und manchmal ist genau das der Anfang von Hoffnung.

Wie finden Sie in Gesprächen mit schwer erkrankten Patienten und Patientinnen die Balance zwischen ehrlicher Prognose und dem Erhalt von Hoffnung – und was hat Ihnen dabei in Ihrer eigenen Praxis besonders geholfen?