Die »weiße Pest«: Geschichte und Gegenwart der Tuberkulose

Lange bevor Antibiotika die Medizin veränderten, prägte die Tuberkulose Gesellschaften und wissenschaftliches Denken. Ihre Geschichte ist zugleich eine Geschichte der Medizin – von der Ratlosigkeit zur Erkenntnis, von der Ohnmacht zur Therapie.

Eine Krankheit, die die Menschheit seit jeher begleitet

Kaum eine Infektionskrankheit hat die Menschheitsgeschichte so beständig begleitet wie die Tuberkulose. Archäologische und molekularbiologische Befunde legen nahe, dass die Gattung Mycobacterium vor Millionen von Jahren entstanden sein könnte und frühe Formen von Mycobacterium tuberculosis bereits Hominiden vor jeglicher schriftlichen Überlieferung infizierten.

In ägyptischen Mumien aus einer Zeit vor mehr als vier Jahrtausenden fanden sich Skelettveränderungen, die auf eine tuberkulöse Infektion hindeuten – darunter charakteristische Wirbeldeformitäten, wie sie für den Morbus Pott typisch sind.

Auch aus dem alten Indien und China sind historische Aufzeichnungen überliefert, die tuberkulosetypische Symptome beschreiben – ein Hinweis darauf, dass die Erkrankung lange vor der Entstehung der wissenschaftlichen Medizin bereits weithin bekannt war.

In der klassischen Antike war die Tuberkulose unter dem Namen Phthisis bekannt. Ärzte des antiken Griechenlands beschrieben das Krankheitsbild eingehend und erkannten den chronischen Verlauf sowie die schwere Prognose. Symptome wie persistierender Husten, Fieber, Hämoptyse und fortschreitende Kachexie wurden bereits dokumentiert.

Diese frühen Dokumentationen belegen, dass die Tuberkulose in der antiken Medizin bereits als eigenständiges klinisches Krankheitsbild verstanden wurde.

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Der griechische Arzt Hippokrates erkannte die Tuberkulose und beschrieb ihr klinisches Erscheinungsbild. In Buch eins seiner „Epidemien" bezeichnet er sie als Phthisis. (The tuberculosis timeline: Of white plague, a birthday present, and vignettes of myriad hues – Scientific Figure on ResearchGate).

Von mittelalterlichen Vorstellungen zu frühen medizinischen Theorien

Auch im Mittelalter hinterließ die Tuberkulose Spuren – im medizinischen Denken ebenso wie im kulturellen Leben der Zeit. Eine ihrer bekanntesten Erscheinungsformen war die Skrofulose – eine tuberkulöse Infektion der Halslymphknoten –, die als »Königskrankheit« bekannt wurde.

Jahrhundertelang glaubte man, dass Skrofulose durch die sogenannte Königsberührung geheilt werden könne: ein Ritual, das von englischen und französischen Monarchen praktiziert wurde. In England hielt sich dieser Brauch bis ins 18. Jahrhundert, in Frankreich noch länger – ein eindrücklicher Beleg dafür, wie eng Medizin, Religion und politische Macht in vormodernen Gesellschaften miteinander verflochten waren.

Gleichzeitig begannen Ärzte zunehmend, wissenschaftlichere Erklärungsansätze für die Krankheit zu formulieren. Im 16. Jahrhundert schlug der italienische Arzt Girolamo Fracastoro vor, dass bestimmte Krankheiten durch unsichtbare Partikel übertragen werden könnten – ein früher theoretischer Rahmen für das Konzept der Kontagion.

Weitere Erkenntnisse folgten im 17. Jahrhundert. Ärzte wie Franciscus Sylvius beschrieben charakteristische Lungenläsionen sowie die Bildung von Tuberkeln und legten damit die pathologische Grundlage, auf der die Erkrankung später ihren Namen erhalten sollte.

Die »weiße Pest« des Industriezeitalters

Im 18. und 19. Jahrhundert erreichte die Tuberkulose in Europa und Nordamerika epidemische Ausmaße. Die rasche Urbanisierung, enge Wohnverhältnisse, Mangelernährung und unzureichende sanitäre Versorgung schufen ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung des Erregers.

In einigen Regionen Westeuropas lagen die Sterblichkeitsraten bei bis zu 900 Todesfällen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Tuberkulose war zu dieser Zeit eine der häufigsten Todesursachen.

Die Krankheit wurde weithin als »weiße Pest« bezeichnet – ein Verweis auf das blasse, ausgezehrte Erscheinungsbild der Erkrankten. In vielen Städten ging jeder vierte Todesfall auf Tuberkulose zurück, besonders bei jungen Erwachsenen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Erkrankung waren enorm. Ganze Familien waren betroffen, und der schleichende Verlauf der Krankheit machte sie zu einem prägenden Motiv in Literatur und bildender Kunst.

Die medizinischen Debatten jener Zeit spiegelten das begrenzte Wissen über die Krankheitsursachen wider. Einige Ärzte hielten Tuberkulose für eine Erbkrankheit, andere vermuteten eine infektiöse Genese.

Einen wichtigen Schritt zur Klärung der Frage nach dem Ursprung leistete 1865 der französische Arzt Jean-Antoine Villemin. Ihm gelang es, Tuberkulose experimentell zu übertragen, indem er Material von erkrankten Patienten in Versuchstiere inokulierte.

Seine Arbeit lieferte die Belege dafür, dass die Erkrankung durch einen spezifischen Infektionserreger hervorgerufen wird.

Robert Koch und die moderne Bakteriologie

Der entscheidende Durchbruch im wissenschaftlichen Verständnis der Tuberkulose ereignete sich am 24. März 1882, als Robert Koch der Physiologischen Gesellschaft Berlin seine Entdeckung des Tuberkel-Bazillus vorstellte.

Mithilfe innovativer Labortechniken wies Koch nach, dass ein spezifischer Mikroorganismus Tuberkulose auslöst. Mit verbesserten Färbemethoden auf der Grundlage alkalischen Methylenblaus sowie neu entwickelten Kulturtechniken auf koaguliertem Blutserum gelang es ihm, den später als Mycobacterium tuberculosis bezeichneten Bazillus zu identifizieren, zu isolieren und anzuzüchten. Anschließend erzeugte er die Erkrankung in Versuchstieren durch die Inokulation gezüchteter Bazillen und wies damit einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem Mikroorganismus und der Krankheit nach.

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Heinrich Hermann Robert Koch (Wilhelm Fechner http://www.mic.ki.se/West.html).

Kochs Arbeit lieferte einen der überzeugendsten Belege für die sich entwickelnde Keimtheorie der Krankheiten und trug maßgeblich zur Etablierung jenes methodischen Rahmens bei, der später als Koch'sche Postulate bekannt wurde – ein Kriterienkatalog zur Verknüpfung bestimmter Mikroorganismen mit bestimmten Erkrankungen.

Die Auswirkungen dieser Entdeckung waren unmittelbar und weitreichend. Zum ersten Mal wurde Tuberkulose nicht als erbliche oder konstitutionelle Erkrankung verstanden, sondern als Infektionskrankheit mit einem klaren ätiologischen Erreger. In Anerkennung seiner Beiträge zur Mikrobiologie und Infektionsforschung erhielt Koch 1905 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

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Plakat des amerikanischen Roten Kreuzes zur Weihnachtsbriefmarkenkampagne zur Tuberkulosebekämpfung, um 1919 (Library of Congress, Washington, D.C. - LC-DIG-ppmsca-43170).

Von Sanatorien zu Antibiotika

Noch vor der Entwicklung antimikrobieller Therapien versuchten Ärzte, Tuberkulose durch unterstützende Maßnahmen zu behandeln.

Die Sanatoriumsbewegung, die sich im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika ausbreitete, setzte auf eine Behandlung mit längerer Bettruhe, Freiluftkuren und gesunder Ernährung. Sanatorien wurden häufig in Gebirgs- oder Waldlagen errichtet, was der damaligen Überzeugung Rechnung trug, dass reine Luft und ein geregelter Tagesablauf den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen könnten. Obwohl diese Ansätze die Tuberkulose nur selten heilten, verlängerten sie bisweilen die Überlebensdauer und spielten durch die Isolierung der Patienten eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Krankheit.

Ein bedeutender Schritt in Richtung Prävention gelang Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung des BCG-Impfstoffs (Bacillus Calmette-Guérin), der 1921 von Albert Calmette und Camille Guérin eingeführt wurde. Er wird bis heute in vielen Ländern eingesetzt, insbesondere zum Schutz vor schweren Verlaufsformen im Kindesalter.

Die eigentliche therapeutische Revolution vollzog sich jedoch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. 1944 entdeckten Selman Waksman und seine Mitarbeiter das Streptomycin – das erste Antibiotikum, das wirksam gegen Mycobacterium tuberculosis war. Es folgten die Entwicklung weiterer Wirkstoffe, darunter para-Aminosalicylsäure und Isoniazid, die die Einführung einer Kombinationstherapie ermöglichten und die Behandlungsergebnisse erheblich verbesserten.

Diese Fortschritte verwandelten die Tuberkulose von einer häufig tödlichen in eine weitgehend heilbare Krankheit – vorausgesetzt, die Erkrankung wird frühzeitig diagnostiziert und nach einem geeigneten Schema kombiniert therapiert.

Tuberkulose im 21. Jahrhundert

Trotz dieser Fortschritte zählt die Tuberkulose nach wie vor zu den bedeutendsten Infektionskrankheiten weltweit. Laut dem WHO Global Tuberculosis Report 2025 erkrankten im Jahr 2023 schätzungsweise 10,8 Millionen Menschen an Tuberkulose, darunter rund 6 Millionen Männer; 3,6 Millionen Frauen und 1,3 Millionen Kinder.

Bei HIV-negativen Personen verursachte die Tuberkulose etwa 1,25 Millionen Todesfälle; zusätzlich starben 161.000 Menschen mit HIV-Infektion an den Folgen der Erkrankung – damit gehört Tuberkulose zu den häufigsten Todesursachen, die auf einen einzelnen Infektionserreger zurückzuführen sind.

Die globale Krankheitslast ist heute ungleich verteilt. Auf eine kleine Gruppe von Ländern – darunter Indien, Indonesien, China, die Philippinen und Pakistan – entfällt der Großteil der Fälle. Soziale Faktoren wie Armut, Überbelegung, Mangelernährung und fehlender Zugang zur Gesundheitsversorgung begünstigen nach wie vor sowohl die Ausbreitung der Krankheit als auch einen schweren Verlauf.

Die Behandlung stützt sich heute auf eine kombinierte Antibiotikatherapie, die in der Initialphase in der Regel Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid umfasst, gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit weniger Wirkstoffen. Die zunehmende Verbreitung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) und rifampicinresistenter Stämme stellt jedoch eine erhebliche Herausforderung für die globalen Bekämpfungsmaßnahmen dar.

Auch der Impfung kommt bei der Prävention eine wichtige Rolle zu. Der 1921 eingeführte BCG-Impfstoff ist bis heute der einzige Zugelassene gegen Tuberkulose und wird in vielen Teilen der Welt eingesetzt.

Die BCG-Impfung wird vorrangig Neugeborenen und Säuglingen in Ländern mit hoher Inzidenz verabreicht. Sie schützt vor schweren Verlaufsformen im Kindesalter, insbesondere vor der tuberkulösen Meningitis und der disseminierten Tuberkulose. Gegenüber der pulmonalen Tuberkulose bei Erwachsenen ist die Schutzwirkung jedoch variabel, was erklärt, warum eine routinemäßige BCG-Impfung in Ländern mit niedriger Inzidenz nicht generell empfohlen wird.

So ist die BCG-Impfung beispielsweise in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Teilen Osteuropas Bestandteil der Regelimpfprogramme für Kinder, während sie in Ländern mit niedriger Inzidenz in der Regel ausgewählten Risikogruppen vorbehalten bleibt.

Neben der Impfung konzentrieren sich die globalen Strategien zur Kontrolle auf die Frühdiagnostik, eine wirksame Therapie sowie die präventive Behandlung von Personen mit latenter Tuberkuloseinfektion. Die WHO-Strategie »End TB« zielt darauf ab, die Tuberkuloseinzidenz und -mortalität durch einen verbesserten Zugang zu Diagnostik und neuen Wirkstoffen, präventive Maßnahmen sowie die Erforschung wirksamerer Impfstoffe drastisch zu senken. Die Strategie setzt ehrgeizige Ziele für die kommenden Jahre, darunter eine deutliche Reduktion der Inzidenz und Sterblichkeit bis zum Jahr 2035.

Die Geschichte der Tuberkulose ist damit nicht abgeschlossen. Der Weg von antiken Skelettbefunden zur modernen Molekulardiagnostik steht exemplarisch für die Errungenschaften der Medizin – und für die Herausforderungen, die noch vor ihr liegen.

Quellen
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