Der US‑Rückzug aus der WHO und seine internationalen Konsequenzen

Der Austritt der USA aus der WHO verändert die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen der internationalen Gesundheitszusammenarbeit und führt zu strukturellen Anpassungen innerhalb der Organisation.

Die US-amerikanische Abkehr von der WHO und die globalen Auswirkungen

Im Februar 2026 steht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor der wohl größten Bewährungsprobe seit ihrer Gründung im Jahr 1948. Mit dem Austritt der USA am 22. Januar 2026 verlor sie nicht nur ihren wichtigsten Geldgeber, sondern geriet zugleich in eine strukturelle und politische Krise. Der Rückzug, der im Januar 2025 durch eine “Executive Order” des Präsidenten Donald Trump eingeleitet wurde, stellt einen Bruch mit dem Verständnis globaler Gesundheit als gemeinschaftliche Aufgabe dar. Die US-Regierung rechtfertigt ihre Entscheidung mit der Kritik am COVID-19-Management der WHO, der Skepsis bezüglich ihrer Unabhängigkeit und mit dem Wunsch, künftig stärker auf bilaterale Partnerschaften zu setzen.1, 2, 3

COVID‑19‑Kritik und Vertrauensverlust

Mit dem Austritt manifestiert sich eine zunehmende Skepsis der USA gegenüber multilateralen Organisationen. Das Außenministerium und das Department of Health and Human Services (HHS) führten als wesentliche Gründe Fehler der WHO während der COVID‑19‑Pandemie, den politischen Einfluss einzelner Mitgliedstaaten, insbesondere Chinas, und eine unzureichende Reformfähigkeit an. Die US‑Regierung kritisiert die WHO dafür, dass sie den internationalen Gesundheitsnotstand und die Pandemie zu spät ausgerufen hat und dass sie zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse verzögert anerkannt hat. Washington bewertet insbesondere den Umgang der WHO mit China als kritisch. Trotz früherer Hinweise auf Informationszurückhaltung sei China Unterstützung gewährt worden.

Die Ermittlung des Virusursprungs wird ebenfalls als Belastungsprobe angesehen. Die USA kritisieren, dass der WHO‑Bericht die Möglichkeit eines Laborunfalls weitgehend ausschloss, obwohl relevante Daten nicht vollständig verfügbar waren. Dies habe das Vertrauen in die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Organisation weiter geschwächt und ihre Glaubwürdigkeit auf internationaler Ebene nachhaltig beeinträchtigt.1, 2

Reformunfähigkeit und strategische Neuausrichtung

Die US‑Regierung beschreibt die WHO als zu bürokratisch und reformresistent. Der Austritt wird daher als Versuch dargestellt, Verantwortung gegenüber den eigenen Steuerzahlern zu übernehmen und globale Gesundheitsinitiativen künftig außerhalb multilateraler Strukturen umzusetzen. Die folgende Tabelle 1 gibt einen Überblick über die finanziellen Beiträge der USA an die WHO sowie über aktuell ausstehende Zahlungen.

Tabelle 1: Finanzielle Kennzahlen der US‑Beteiligung (Ø‑Werte aus dem Jahr 2025)1, 6, 5, 4

Durchschnittliche jährliche Beteiligung der USA
Pflichtbeiträge (Assessed Contributions)  ~111 Millionen USD  
Freiwillige Beiträge (Voluntary Contributions) ~570 Millionen USD 
Gesamte US-Finanzierung (2022-2023) ~1,284 Milliarden USD
Anteil am Kernbudget der WHO   ~22 %
Ausstehende Zahlungen (Stand Jan 2026) ~278 Millionen USD  

Rechtlicher Schwebezustand

Der Austrittsprozess dauerte ein Jahr und ist völkerrechtlich umstritten. Trotz einer Kongressresolution von 1948, die einen Austritt an die Erfüllung finanzieller Verpflichtungen knüpft, haben die USA ausstehende Mitgliedsbeiträge bisher nicht beglichen. Washington sieht den Prozess als beendet an, während die WHO von einem rechtlichen Schwebezustand spricht, der faktisch einer vorübergehenden Abwesenheit entspricht.1, 3

Systemische Folgen für die WHO

Die WHO musste aufgrund des Wegfalls des größten Beitragszahlers umfassende Einschnitte vornehmen. Das Budget für 2026–2027 wurde um über 20 % gekürzt. Zur Stabilisierung genehmigten die Mitgliedstaaten eine 20 %ige Erhöhung der Pflichtbeiträge, um den Anteil einer verlässlichen Kernfinanzierung langfristig zu sichern. Auf struktureller Ebene wurden Abteilungen fusioniert und ein erheblicher Personalabbau gestartet. Die WHO legt zukünftig den Fokus auf grundlegende Tätigkeiten wie Normsetzung, Standardisierung und die Überwachung von Ausbrüchen. 7, 8, 9, 10

Auswirkungen auf Mitgliedstaaten und Programme

Durch den Austritt der USA verliert die WHO den Zugang zu entscheidendem Fachwissen, vor allem von US‑Gesundheitsorganisationen wie dem Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Die Beendigung der Beteiligung amerikanischer Fachleute in Beratungsgremien schwächt die wissenschaftliche Autorität der Organisation deutlich. Zahlreiche Programme der WHO, deren Finanzierung größtenteils durch die USA erfolgte, sind von Einschränkungen oder dem Ende bedroht. Die Auswirkungen sind besonders bei Überwachungs- und Frühwarnsystemen für Infektionskrankheiten zu spüren, da deren Schwächung die Früherkennung neuer Ausbrüche erschwert. Selbst weltweite Initiativen wie die zur Ausrottung von Polio sowie Programme zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria stehen unter Druck. Durch die Mittelstreichungen entstehen Versorgungslücken, vor allem in Ländern mit geringem Einkommen. 11,12

Quellen:
  1. U.S. Department of Health and Human Services. Fact Sheet: U.S. Withdrawal from the World Health Organization. HHS Press Room. 2025 Jan 22. URL: https://www.hhs.gov/press-room/fact-sheet-us-withdrawal-from-the-world-health-organization.html
  2. U.S. Department of Health and Human Services. United States completes WHO withdrawal. HHS Press Room. 2026 Jan 22. URL: https://www.hhs.gov/press-room/united-states-completes-who-withdrawal.html
  3. European AIDS Treatment Group. Euronews: The United States has officially left WHO, ending a year of controversial health reforms. EATG HIV News. 2026 Jan 23. URL: https://www.eatg.org/hiv-news/euronews-the-united-states-has-officially-left-who-ending-a-year-of-controversial-health-reforms/
  4. Garrido M, Kulikov A. Member states to discuss US withdrawal from WHO as failure to pay fees violates agreement. Health Policy Watch. 2025 May 15. URL: https://healthpolicy-watch.news/member-states-to-discuss-us-withdrawal-from-who-as-failure-to-pay-fees-violates-agreement/
  5. Congressional Research Service. U.S. Withdrawal from the World Health Organization. CRS Reports (In Focus). 2024 Jun 21. Report No.: IN12496. URL: https://www.congress.gov/crs-product/IN12496
  6. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12664966/
  7. The US-WHO split: implications for global health governance. BMJ. 2025;389:r1066. doi: 10.1136/bmj.r1066. URL: https://www.bmj.com/content/389/bmj.r1066
  8. World Health Organization. In historic move, WHO member states approve 20% funding increase and 2026-27 budget. WHO News. 2025 May 20. URL: https://www.who.int/news/item/20-05-2025-in-historic-move--who-member-states-approve-20--funding-increase-and-2026-27-budget
  9. Morrison SJ. The Future of the WHO and How the United States Can Shape It. CSIS Analysis. 2024. URL: https://www.csis.org/analysis/future-who-and-how-united-states-can-shape-it
  10. Health Policy Watch. Nations approve WHO membership fee increase as US exit squeezes budget. 2025 May 22. URL: https://healthpolicy-watch.news/nations-approve-who-membership-fee-increase-as-us-exit-squeezes-budget/
  11. Ducharme J. U.S. Withdrawal From WHO: What It Means for World Health. TIME. 2025 Jan 23. URL: https://time.com/7357180/us-withdrawal-who-world-health-organization/
  12. World Health Organization. Financial and administrative implications for the Secretariat of resolutions proposed for adoption by the Executive Board. 158th Session of the Executive Board. 2025. Document No.: EB158/45. URL: https://apps.who.int/gb/ebwha/pdf_files/EB158/B158_45-en.pdf