Wochenrückblick: Gesundheitssystem unter Druck: Resilienz, Versorgung und Innovation im Fokus

Der Berliner Blackout hat die Debatte über die Krisenfestigkeit des Gesundheitssystems neu entfacht. Gleichzeitig verschärfen sich Probleme bei Wartezeiten, Klinikfinanzen und der Einführung neuer Arzneimittel.

Nach Blackout in Berlin: Debatte über die Resilienz des Gesundheitssystems

Nach dem durch einen Sprengstoffanschlag auf eine Starkstrom-Kabelbrücke über den Teltowkanal ausgelösten Stromausfall ist in Berlin eine Debatte über die Krisenfestigkeit von Gesundheitseinrichtungen entbrannt. Der Anschlag am Samstag, 3. Januar, führte zu einem viertägigen Blackout im Südwesten der Hauptstadt, von dem rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.000 Gewerbebetriebe betroffen waren.

Auch fünf Krankenhäuser verloren zeitweise die reguläre Stromversorgung. Wie vorgeschrieben sprangen die Notstromaggregate automatisch an und stellten den Betrieb sicher. Vier Kliniken konnten bereits am Sonntag wieder ans öffentliche Netz angeschlossen werden, die fünfte folgte am Montag. Ebenfalls betroffen waren 205 Arztpraxen; wie viele davon ihren Betrieb einschränken oder einstellen mussten, ist bislang unklar.

Auch wenn der Vorfall die medizinische Versorgung offenbar nicht ernsthaft gefährdete, verweisen Experten vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges auf eine veränderte Bedrohungslage. Charité-Vorstandschef Professor Heyo Kroemer sagte im ZDF: „Auch ein großes einzelnes Krankenhaus kann Krisen nicht allein bewältigen. Entscheidend ist die Vernetzung mit anderen Krankenhäusern, Rettungsdiensten, Behörden und Versorgern. Resilienz entsteht erst im Zusammenspiel.“

Kroemer verwies auf Empfehlungen des von ihm geleiteten Expertenrats „Gesundheit und Resilienz“, die auf eine umfassende „Health Security“-Strategie zielen. Diese soll den Gesundheitsschutz bei Pandemien, Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder militärischen Konflikten gewährleisten. Eine solche Strategie mit klaren rechtlichen Zuständigkeiten, verbindlichen Koordinationsmechanismen und regelmäßigen Übungen existiere bislang nicht. Auch eine strukturelle Verankerung im Nationalen Sicherheitsrat des Bundeskanzleramtes fehle. Der Anfang 2024 von Bundeskanzler Olaf Scholz eingesetzte Expertenrat hatte 14 Stellungnahmen erarbeitet und seine Arbeit im Oktober 2025 abgeschlossen.

Ein ebenfalls vor zwei Jahren von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angekündigtes Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsresilienz ist bislang nicht umgesetzt worden. Kritik kommt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Deren Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Ein Konzept des Bundes zur optimalen Nutzung aller ärztlichen Strukturen und zur Lösung von Lagerungsproblemen gibt es – ähnlich wie in Corona-Zeiten – auch knapp vier Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine nicht.“

Gassen sieht insbesondere Handlungsbedarf beim Schutz kritischer Infrastrukturen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen arbeiteten derzeit an einem einheitlichen Lage- und Kenntnisstand und stünden dazu im engen Austausch mit der Bundeswehr. Zudem würden Erfahrungen von Ärzten aus der Ukraine ausgewertet.

Ungeklärt ist weiterhin die Finanzierung des Aufbaus belastbarer Resilienzstrukturen. Das Deutsche Krankenhaus-Institut beziffert den Investitionsbedarf auf rund 2,7 Milliarden Euro.

Nach dem Ende Dezember veröffentlichten Krankenhaus-Barometer des Instituts sind 43 Prozent der Kliniken in der Lage, einen Stromausfall mithilfe von Notstromaggregaten mindestens drei Tage zu überbrücken. Allerdings kann nur jede zehnte Klinik ihre Leistungen dabei uneingeschränkt aufrechterhalten. Lediglich 20 Prozent verfügen für den Fall eines Blackouts über Kooperationsvereinbarungen mit benachbarten Krankenhäusern.

Wartezeiten: Zufriedenheit mit Hausärzten, Unmut über Facharzttermine

Die Mehrheit der gesetzlich Krankenversicherten ist mit den Wartezeiten bei Hausärzten zufrieden. Laut einer Anfang Januar veröffentlichten Versichertenbefragung des GKV-Spitzenverbandes empfinden 51 Prozent der Befragten die Wartezeit als genau ihren Vorstellungen entsprechend, weitere 35 Prozent halten sie für akzeptabel. Nur 14 Prozent äußern Unzufriedenheit.

Anders stellt sich die Situation bei Fachärzten dar: 30 Prozent der Versicherten bewerten die Wartezeiten als zu lang oder sogar viel zu lang. Grundlage der Erhebung sind Angaben von 3.520 GKV-Versicherten im Alter von 18 bis 80 Jahren, die im Februar und März des vergangenen Jahres befragt wurden.

Aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes belegen die Ergebnisse einen dringenden Handlungsbedarf für eine patientenorientierte Versorgungskoordination, insbesondere über eine gestärkte Primärversorgung. Zudem schlägt der Verband ein zentrales Online-Portal vor, über das Ärzte festgelegte Terminanteile für GKV-Versicherte anbieten. Bei der Terminvergabe dürfe nicht mehr nach dem Versicherungsstatus unterschieden werden.

Weitere Ergebnisse der Umfrage: Ein Viertel der Patienten wartet länger als 30 Tage auf einen Facharzttermin, während jeder Zweite innerhalb von zehn Tagen einen Termin erhält. 35 Prozent der Befragten, die ihren Gesundheitszustand als schlecht einschätzen, berichten über besondere Schwierigkeiten bei der Terminvereinbarung. Rund jeder Zweite hält eine Online-Terminvergabe für wichtig – ein deutlicher Anstieg gegenüber der Befragung aus dem Jahr 2022.

Krankenhäuser wirtschaftlich weiter unter Druck

Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser hat nach Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) einen historischen Tiefpunkt erreicht. „Seit Einführung des Fallpauschalensystems vor mehr als 20 Jahren war die Situation nicht schlechter“, erklärte DKG-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerald Gaß mit Blick auf die aktuellen Daten des Krankenhaus-Barometers.

Demnach schrieben Ende 2024 rund zwei Drittel der Kliniken Verluste. Lediglich sechs Prozent bewerteten ihre wirtschaftliche Lage als eher gut. Für das Jahr 2026 erwarten nur 13 Prozent der Krankenhäuser eine Verbesserung ihrer Situation.

Dabei hat sich die Erlössituation zuletzt deutlich verbessert: Für 2025 wird allein im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung ein Umsatzanstieg um fast zehn Prozent auf rund 110 Milliarden Euro erwartet.

Große Unsicherheit bei der Einführung neuer Arzneimittel

Ungewöhnlich große Unsicherheiten bei der Markteinführung neuer Arzneimittel in Deutschland sieht der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) in seiner Jahresvorschau 2026. Für 14 neue Arzneimittel und Impfstoffe hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) bereits eine Zulassung empfohlen; bei 30 weiteren Wirkstoffen könnte die Entscheidung noch in diesem Jahr fallen.

Ob diese Innovationen tatsächlich in Deutschland eingeführt werden, sei jedoch ungewisser denn je, so vfa-Präsident Han Steutel. Hintergrund seien zunehmend komplexe internationale Preis- und Erstattungsregeln. Die US-Regierung wendet seit dem vergangenen Jahr eine Meistbegünstigungsklausel an, mit der sie versucht, die bislang sehr hohen US-Preise auf das Niveau der niedrigsten Preise in anderen Industrieländern – etwa in Deutschland oder der EU – abzusenken.

Zugleich zielt die voraussichtlich noch 2026 in Kraft tretende EU-Pharmareform darauf ab, den Zugang zu Innovationen insbesondere in ärmeren EU-Mitgliedstaaten zu verbessern. Dazu wird die Dauer des Unterlagenschutzes an die tatsächliche Verfügbarkeit neuer Arzneimittel in den europäischen Märkten gekoppelt. Dies erhöht den Preisdruck in Europa – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Referenzpreise für den US-Markt. Zusätzlich wächst der Druck durch die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland, die angesichts steigender Ausgaben höhere Rabatte einfordern könnten. Eine breite Markteinführung in Europa könnte damit das wirtschaftlich besonders relevante US-Geschäft erheblich belasten.

Der Schwerpunkt der Arzneimittelinnovationen im Jahr 2026 liegt erneut in der Onkologie, auf die rund ein Drittel der neuen Wirkstoffe entfällt. Bei den Impfstoffen könnte erstmals ein Kombinationsimpfstoff gegen saisonale Influenza und Covid‑19 auf mRNA-Basis zugelassen werden. Knapp ein Drittel der neuen Arzneimittel verfügt über den Orphan-Drug-Status.