Eine erst kürzlich veröffentlichte Pilotstudie untersuchte den Einfluss von reizbarem Patientenverhalten auf das emotionale Innenleben, die klinischen Urteils- und Entscheidungsfähigkeit sowie Verhaltensweisen des betroffenen Ärzteteams. Es wurde eruiert ob, weitere Faktoren wie z.B. die Angst und Sorge vor schlechten klinischen Ergebnissen zu einer Verstärkung dieser Effekte beitragen konnten.1
Linda Isbell und ihr Forschungsteam haben folgende Situation in ihrer Studie beleuchtet: Derselbe Patient, derselbe Befund, dieselbe Diagnose – aber zwei Verhaltensvarianten. In der “ruhigen” Version bedankte sich der Patient freundlich bei der Pflegekraft. In der “gereizten” Version beschwerte er sich über den Lärm und lehnte das einzig verfügbare Bett ab. 134 erfahrene Notfallmediziner durchliefen zwischen Juni und August 2022 je vier solcher computersimulierten Fälle mit Videobegegnung, Akte und Untersuchungsbefunden. Patientenverhalten (ruhig vs. gereizt) und eine zusätzliche psychiatrische Vorgeschichte (vorhanden vs. nicht vorhanden) wurden systematisch variiert. Am Ende gaben die Ärzte ihre Diagnose ab, dokumentierten ihre klinischen Entscheidungen und berichteten, was der Kontakt mit ihnen gemacht hatte.1
Bereits auf der rein emotionalen Ebene zeigt sich ein deutlicher Unterschied darin, wie Ärzte auf das Verhalten ihrer Patienten reagieren. Dies wurde auf einer Skala von 0 bis 100 gemessen: Je höher der Wert, desto stärker die berichtete Emotion. Das Ergebnis fällt klar aus:
Auch Angst und Erschöpfung stiegen deutlich. Empathie, Freude und Engagement hingegen sanken. Noch drastischer fiel das Urteil über den Patienten selbst aus. Die ruhige Version bewerteten die Ärzte im Schnitt mit 72 von 100 Punkten als sympathisch, die gereizte Version nur mit 35 Punkten, die Sympathie halbierte sich also nahezu. Auch bei der wahrgenommenen Anamnesequalität schnitt der gereizte Patient schlechter ab (63 statt 77 Punkte). Ihm wurde zudem häufiger unterstellt, bei Schmerzen zu übertreiben, und weniger Therapietreue zugetraut (62 statt 79 Punkte). Wer sich gereizt zeigte, galt also nicht nur als unsympathischer – ihm wurde auch grundsätzlich weniger vertraut.1
Besonders spannend: Diese Effekte waren nicht bei allen Ärzten gleich stark. Ärzte, die bei unklaren Diagnosen schnell ängstlich oder besorgt reagieren, zeigten bei gereizten Patienten besonders starke Reaktionen. Hierbei schlug der Ärger bei gereizten Patienten besonders stark aus (Mittelwert von 55). Ärzte, die generell gelassener mit Unsicherheit umgehen, reagierten zwar ebenfalls spürbar gereizt, allerdings in abgeschwächter Form (Mittelwert von 18). Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der Sympathie: Auch hier fiel das Urteil über gereizte Patienten umso negativer aus, je stärker ein Arzt zu Stress bei Unsicherheit neigte.1
Die Neigung, bei diagnostischer Unsicherheit unter Stress zu reagieren, zeigte in der Untersuchung einen deutlichen Zusammenhang mit Burnout-Symptomen. Ärzte mit einer solchen Stressanfälligkeit litten spürbar häufiger unter emotionaler Erschöpfung und neigten stärker dazu, eine innere Distanz zu ihren Patienten aufzubauen. Gleichzeitig empfanden sie ihre berufliche Tätigkeit als weniger wirksam und weniger erfüllend. Wer ohnehin stärker unter Unsicherheit leidet, trägt also ein doppeltes Risiko: mehr emotionale Reaktion auf schwierige Patienten und ein höheres Burnout-Risiko.1
Die psychiatrische Vorgeschichte spielte praktisch keine Rolle. Ob der Patient zusätzlich eine Angststörung oder Depression in der Akte hatte, beeinflusste die beschriebenen Muster nicht. Das akute Verhalten überstrahlte die Stigmatisierung durch die Diagnose komplett.1
Und jetzt der Teil, der aufatmen lässt: Auf die eigentliche klinische Leistung hatte all das keinen nachweisbaren Effekt. Die Zahl bestellter Tests unterschied sich nicht, ebenso wenig die Priorisierung des Patienten, die Aufnahmeentscheidung oder die Konsilanforderung. Bei der Diagnose selbst lagen die Ärzte über alle Fälle hinweg in 37 % mit ihrer Differenzialdiagnose und in 53 % mit ihrer finalen Diagnose richtig – Werte, die sich zwischen ruhigen und gereizten Fällen nach Korrektur für multiples Testen nicht signifikant unterschieden. Mit anderen Worten: Der Ärger blieb ,,nur” im Kopf und im Bauch der Ärzte – die medizinische Urteilsfähigkeit trug keinen Schaden davon.1