Chile kämpft mit strengen Gesetzen gegen Adipositas

Weltweit werden die Menschen immer dicker

Mit strengen Gesetzen versucht Chile, diese "Epidemie" in den Griff zu bekommen. Andere Länder hinken hinterher. Auch Deutschland.

Wer in Chile durch den Supermarkt geht, sieht im wahrsten Sinne des Wortes schwarz. Sie sind achteckig und nur schwer zu übersehen: Die schwarzen Warnsymbole auf ungesunden Lebensmitteln. Sie prangen auf der Vorderseite etlicher Verpackungen und warnen vor hohen Mengen an Zucker, Salz, Kalorien oder gesättigten Fettsäuren.

"Mir machen die Symbole ein schlechtes Gewissen", sagt C. Gajardo. Wenn sie einkaufen geht, sucht die 24-Jährige nach den Produkten ohne Labels, wie sie sagt. Doch nicht alle Chilenen lassen sich von der neuen Gesundheitskampagne beeindrucken. "Mir sind die Warnzeichen völlig egal", sagt Miguel Toledo. Der 31-jährige Mann aus Santiago macht aus seinem Übergewicht keinen Hehl. Er war schon als kleiner Junge dick, genau wie seine Eltern und Geschwister. 

In Lateinamerika und der Karibik ist knapp 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Wirtschaftswachstum, zunehmende Urbanisierung und höhere Durchschnittseinkommen sind einige Gründe dafür. Spitzenreiter sind die Bahamas (69 Prozent), Mexiko (64 Prozent) und Chile (63 Prozent), wie ein Bericht der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation belegt. Auch vor der Jugend macht der Trend keinen Halt. 44,5 Prozent aller Kinder in Chile sind laut OECD übergewichtig. Damit übertrifft das südamerikanische Land selbst den langjährigen Spitzenreiter USA (39,9 Prozent). In Mexiko sind es 35 Prozent. 

Es ist eine Entwicklung mit schwerwiegenden Folgen. Fettleibigkeit und Übergewicht erhöhen das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Im Kindesalter kann Adipositas neben körperlichen auch psychosoziale Schäden verursachen. Essstörungen, Depressionen und ein schwaches Selbstwertgefühl sind mögliche Folgen. Fettleibigkeit ist auch ein Kostenfaktor. Das mexikanische Gesundheitsministerium schätzt die 2017 entstandenen Kosten durch Folgeerkrankungen auf umgerechnet 10,4 Milliarden Euro.

Die Reaktionen auf die alarmierenden Zahlen fallen unterschiedlich aus. Kaum ein Land aber reagierte so radikal wie Chile. Dort hatte das Gesundheitsministerium im Juni 2016 die Notbremse gezogen und weitreichende Reformen veranlasst. Die schwarzen Warnsymbole auf ungesunden Lebensmitteln sind nur ein Resultat. Sie wirken wie Stoppzeichen, ganz besonders auf Kinder, erklärt Ex-Gesundheitsministerin Carmen Castillo. Sie hatte in ihrer Amtszeit unter der sozialistischen Präsidentin Michelle Bachelet erheblich an der Durchsetzung mitgewirkt.

Neben der Kennzeichnung wurden Werbe- und Verkaufsverbote erlassen. Die markierten Produkte dürfen nicht mehr auf chilenischen Schulhöfen verkauft werden. Tagsüber ist Werbung für diese Lebensmittel in Fernsehen, Radio und Kino verboten. Außerdem dürfen Verpackungen und Werbung nicht mehr gezielt auf Kinder unter 14 Jahren abzielen.

Von den Neuregelungen waren etliche Hersteller betroffen. Konzerne wie Kellogg's mussten Zeichentrickfiguren von ihren Müslischachteln entfernen, das Kinder-Überraschungsei wurde komplett aus den Regalen verbannt. Auch McDonald's musste sein berühmtes Happy Meal in Filialen in Chile anpassen. Viele Unternehmen und Lebensmittelverbände kritisierten den Kurs Chiles, Ferrero zog sogar vor Gericht - allerdings ohne Erfolg.

Mexiko ist von solchen Maßnahmen weit entfernt. Obwohl das Gesundheitsministerium Übergewicht und Diabetes 2016 zum epidemiologischen Notfall erkläre. Jedes zweite mexikanische Kind läuft Gefahr, Diabetes zu entwickeln. Trotzdem sammeln sich die kleinen Verkaufsstände mit den glänzenden, bunten Verpackungen am liebsten direkt vor den Schultoren. Lutscher, Schokoriegel und Chipspackungen werden hier neben Spielsachen und Sammelbildern direkt an die junge Zielgruppe vermarktet.

Laut der mexikanischen Nichtregierungsorganisation für Verbraucherschutz "El Poder del Consumidor" fehle es an verpflichtenden Maßnahmen, besonders beim Schulessen. Dort gebe es gut gemeinte Richtlinien, die in der Praxis aber entweder gar nicht oder nur unzureichend umgesetzt würden. Aus Sicht der Organisation müssen die Richtlinien endlich verpflichtend werden.

So wie 2016, als in Mexiko eine zehnprozentige Steuer auf zuckerhaltige Getränke veranschlagt wurde. Daraufhin sank der Konsum von Softdrinks um 6,3 Prozent, gleichzeitig nahm der Wasserkonsum um knapp 13 Prozent zu, wie Ernährungswissenschaftler im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift The Journal of Nutrition erklärten.

In Deutschland will man von solch einer Zuckersteuer nichts wissen und das obwohl laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts von Anfang dieses Jahres 13,7 Prozent der Mädchen und 17,6 Prozent der Jungen ein bis drei Mal am Tag zu zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken greifen. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt lieber auf Freiwilligkeit.

Statt einer Zuckersteuer präsentierte Klöckner Mitte Oktober eine Grundsatzvereinbarung mit Wirtschaftsverbänden. Darin verpflichtet sich die Ernährungsindustrie, ab 2019 den Gehalt an Zucker, Fetten und Salz in Fertiggerichten zu reduzieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wie auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mahnen seit Jahren, dass Selbstverpflichtungen zu wenig seien.

In Chile haben die neuen Gesetze bereits Wirkung gezeigt. Schon vor Inkrafttreten des Gesetzes hätten 20 Prozent der Hersteller die Menge an Salz, Zucker, Fett und Kalorien reduziert, erklärt Ex-Gesundheitsministerin Castillo. "Eine fantastische Reaktion." Abgenommen haben die Chilenen allerdings noch nicht. "Es ist sehr schwierig, gesunde Gewohnheiten zu implementieren", sagt Castillo. Es wäre verfrüht, nach so kurzer Zeit eine Bilanz zu ziehen. Dennoch sei Chile zu einem Vorbild für andere Länder geworden.

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