Taillenumfang korreliert mit kardiovaskulärem Risiko

Mythos des "gesunden Dicken" gilt als überholt

Von wegen fett und fit! Eine neue Studie zeigt, dass Menschen mit leichtem Übergewicht und ohne klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren bereits ein signifikant höheres Risiko für Herzkreislauferkrankungen haben als Normalgewichtige.

In Deutschland sind ca. zwei Drittel aller Männer und die Hälfte aller Frauen übergewichtig, als adipös gelten sogar rund ein Viertel aller Bundesbürger, Tendenz steigend. Dass zu viele Kilos auf den Rippen ungesund sind, wurde in letzter Zeit immer öfter in Frage gestellt. Es kursierte der Begriff des "gesunden Übergewichts". Menschen, die nur übergewichtig seien und sonst keine weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte oder erhöhten Blutdruck haben, seien nicht mehr gefährdet als Normalgewichtige. Doch immer mehr Studien finden Hinweise darauf, dass dem nicht so ist. Oft fehlte es aber an ausreichenden Patientenzahlen oder das Studiendesign war nicht optimal, sodass keine hieb- und stichfeste Aussage getroffen werden konnte.

520.000 Teilnehmer aus 10 europäischen Ländern

Daher wurde eine neue Studie auf Grundlage der Daten der "European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition Study" (EPIC) durchgeführt. Sie umfasste rund 520.000 Teilnehmer aus 10 europäischen Ländern, die zwischen 1991 und 1999 rekrutiert wurden. Zur besseren Auswertung der Studiendaten bedienten sich die Autoren eines Fall-Kohorten-Designs, in der eine zufällig ausgewählte Subkohorte als Referenzgruppe diente. Die Autoren teilten die Studienteilnehmer anhand ihres metabolischen Risikoprofils (Blutdruck, Hypertriglyceridämie, HDL-Cholesterin, Hyperglykämie, Taillenumfang) in zwei Gruppen ein. Waren mindestens drei Parameter pathologisch verändert, galten die Probanden als "metabolisch ungesund". Andernfalls galten sie als "metabolisch gesund".

In einem weiteren Schritt wurden die Probanden anhand ihres Body-Mass-Index (BMI) unterteilt. Hierbei folgten die Autoren den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (Normalgewicht 18,5-25, Übergewicht 25-30 und Adipositas ab 30 kg/m2). Insgesamt wurden in der Studienpopulation in einem Follow-Up-Zeitraum von ca. 12 Jahren 7.637 koronare Herzerkrankungen (KHK) neu diagnostiziert. Die Autoren analysierten nun, wie häufig die KHK in den unterschiedlichen Subgruppen auftrat.

Ungesunde Dicke vs. Gesunde Dicke: Wie hoch ist das KHK-Risiko?

Zuallererst konnten die Autoren bestätigen, dass ein ungesunder Metabolismus einen enormen Einfluss auf das kardiovaskuläre Risiko hat. So hatten ungesunde normalgewichtige Probanden ein 2,2-fach erhöhtes KHK-Risiko. Waren die Personen zugleich übergewichtig oder adipös, war das Risiko 2,3- bzw. 2,5-fach erhöht. Dies bestätigt die Relevanz der klassischen Risikofaktoren wie Hypertonus, Hypercholesterinämie und Diabetes.

Doch auch Übergewichtige und Adipöse mit gesundem Metabolismus, sprich die "gesunden Dicken", wiesen ein rund 27 % erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse auf (verglichen mit den metabolisch ungesunden Probanden war es jedoch nicht so stark ausgeprägt). Bei genauem Hinsehen finden sich bei "gesunden Dicken" bereits höhere Blutdruck-, Lipid- und Blutzuckerwerte, wenn auch innerhalb des Referenzbereichs.

Übergewicht als eigenständiger Risikofaktor

Doch auch wenn diese Parameter in die Auswertung mit einbezogen werden, bleibt das Übergewicht als eigenständiger Risikofaktor bestehen. Die Autoren gehen davon aus, dass die Erhöhung des KHK-Risikos durch Übergewicht zu rund 50 % der Erhöhung klassischer Risikofaktoren geschuldet ist. In den anderen 50 % der Fälle ist Übergewicht allein verantwortlich. Diese Ergebnisse widerlegen den Mythos vom gesunden Übergewicht, der zuletzt häufiger medial propagiert wurde. Zu viele Pfunde auf den Rippen sind demnach als eigener Risikofaktor zu werten, und das schon ab einem BMI von 25.

Vor dem Hintergrund, dass einige internationale Leitlinien keine Gewichtsreduktion bei metabolisch gesunden Menschen empfehlen, fordern die Autoren ein konsequentes Umdenken. So sollten auch die scheinbar "gesunden Dicken" mit einem BMI über 25 zum Abnehmen motiviert werden. Konservative Maßnahmen wie die Umstellung des Lebensstils durch eine angepasste Diät, körperliche Aktivität oder eine Verhaltenstherapie stellen die Grundlage jeder Therapie dar. In einigen Fällen könnte eine Therapie mit Orlistat oder eine bariatrische OP sinnvoll sein. Ziel sollte ein BMI unter 25 sein.

Erhöhter Taillenumfang gefährlicher als erhöhter BMI

Weiterhin konnten die Autoren zeigen, dass ein erhöhter Taillenumfang das kardiovaskuläre Risiko stärker erhöht als der BMI und, dass auch normalgewichtige Personen mit erhöhtem Taillenumfang bereits ein erhöhtes KHK-Risiko aufweisen. Da der Taillenumfang mit dem Anteil an viszeralem Fett korreliert, bestätigt die Studie, dass das viszerale Fettdepot einen entscheidenden kardiovaskulären Risikofaktor darstellt. Abnehmprogramme sollten daher vornehmlich auf die Reduktion von viszeralem Fett abzielen. Hier könnte eventuell Orlistat Abhilfe verschaffen, das in Placebo-kontrollierten klinischen Studien sein Potenzial zur Reduktion von viszeralem Fett unter Beweis stellen konnte und auch von der europäischen Gesellschaft für Kardiologie als Therapieoption empfohlen wird.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass das Konzept vom gesunden Übergewicht als überholt gilt. Zu viel Körperfett, insbesondere zu viel viszerales Fett, fördert als eigenständiger Risikofaktor die Entwicklung von Arteriosklerose und kann zu Herzkreislauferkrankungen führen. Daher sollten alle übergewichtigen und adipösen Patienten auf die Gefahr hingewiesen werden und ihnen sollten entsprechende Hilfen (Ernährungsberatung, Abnehmprogramme, Adipositas-Sprechstunde) angeboten werden.

Quellen:
1. Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008–2011.
2. Lassale, C., Tzoulaki, I., Moons, K. G. M., Sweeting, M., Boer, J., Johnson, L. et al. (2018). Separate and combined associations of obesity and metabolic health with coronary heart disease: a pan-European case-cohort analysis. Eur Heart J, 39(5), 397-406.

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