Warum M. Alzheimer zuweilen als Diabetes "Typ III" bezeichnet wird

Im vergangenen Jahr waren weltweit 50 Mio. Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen.1 Bis 2050 könnten es etwa 152 Mio. sein.2Umgehende Maßnahmen sind nötig, um den stetig steigenden Zahlen zu begegnen.

Da derzeit keine effektive Therapie in Sicht ist, wäre es umso wichtiger, mehr über die modifizierbaren Risikofaktoren für diese Erkrankung zu wissen und auf selbige – im Sinne der Prävention – wesentlich mehr Wert zu legen.

Mit mehr Wissen zu vermeidbaren Risikofaktoren gegen die Alzheimer-Epidemie

Ein bekannter wichtiger Faktor, über den wir an anderer Stelle berichteten, ist chronischer Alkoholabusus.

Die sehr große 'Rotterdam-Studie' deutet außerdem darauf hin, dass eine qualitativ hochwertige Ernährung, die reich an Gemüse, Obst, Fisch und Nüssen ist, eine gute Präventionsstrategie zur Erhaltung der kognitiven Leistungsfähigkeit auch im Alter sein könnte.

Wir wollen im heutigen Beitrag bei der Ernährung bleiben, aber auf einen Aspekt eingehen, der in den bisherigen Beiträgen noch nicht speziell angesprochen wurde: könnte die weit verbreitete Zucker-Lastigkeit der Ernährung mit der Entwicklung der Alzheimer-Belastung zusammenhängen?

Nicht immer so süß: Die Geschichte mit dem Zucker

Bis vor etwa 100 Jahren war Zucker nicht weit verbreitet und die meisten Menschen konnten ihn sich ohnehin nicht leisten. Wir möchten Ihnen jetzt keineswegs um die Weihnachtszeit den Lebkuchen schlechtreden. Und wie Sie sicher gehört haben, ist Schokolade fast Gemüse, da Kakaobohnen an Sträuchern wachsen. Nein, es geht um den chronischen Überkonsum von raffiniertem Zucker, der im Gegensatz zu Rohzucker keinerlei Mineralien mehr enthält und in vielen Getränken und verarbeiteten Lebensmitteln steckt, die man gar nicht mehr als gesüßt registriert (Suppen, Saucen, Brot etc.).

Gesundheitlich besonders problematisch ist bspw. Maissirup (HFCS), der von der Industrie bevorzugt anstelle von Haushaltszucker verwendet wird, da er billiger ist und bereits geringe Mengen ausreichen, um als süß empfunden zu werden. Dieser kann Insulin-Resistenz, Hypertonus, Hyperurikämie u. v. m. verursachen. Folgeerkrankungen wie KHK, Diabetes, Krebs und Adipositas haben drastisch zugenommen, seit HFCS verbreitet eingesetzt wird.
Der Anteil von Zuckersirup (Isoglukose) auf dem EU­‑Markt war früher auf 5 % begrenzt. Durch Bestrebungen der Zucker und Genmais produzierenden Industrie gibt es diese Regelung seit 2017 nicht mehr. Wesentlich höhere Zusätze zu Lebensmitteln (bis 50 %) sind seither erlaubt. Die Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft warnen vor einer "Zuckersirup-Schwemme".3

Die WHO veröffentlichte einen Artikel zu Zucker, in welchem sie empfahl, den Gehalt an zugesetzten Zuckern auf 10 % zu begrenzen, da dieser die Qualität der Ernährung gefährde. Laut Berichten des Center for Science and Democracy von 2014 drohte daraufhin die Sugar Association dem WHO‑Direktor, den US Congress zur Streichung der staatlichen Fördermittel für die WHO zu überreden, sollte die Studie nicht zurückgezogen werden.4-6 Im folgenden Jahr, als die WHO ihre globale Strategie zu Gesundheit und Ernährung veröffentlichte, war keine Rede mehr von der kritischen Studie zum Zucker. Bei einem anderen Anlass zahlte die Zuckerindustrie selbst für eine Konter-Studie, die die Ergebnisse einer beunruhigenden Untersuchung der Universität Kaliforniens widerlegen sollten. Laut des Berichtes empfahl ein Referent, die Konter-Studie nur zu veröffentlichen, wenn sich das Ergebnis dazu eigne, die genannte Arbeit anzufechten. Andernfalls "könne man die Daten einfach vergraben."

Wie es überhaupt dazu kam, dass in verarbeiteten Nahrungsmitteln auch gesunde Fette eingespart und der fehlende Geschmack durch Zuckersirup ersetzt wird, lesen Sie hier.

Bereits leichte Insulin-Resistenz beschleunigt den kognitiven Abbau

Alles, was Insulin-Resistenz fördert, erhöht letzten Endes auch Ihr Risiko für Alzheimer.7,8 New York Times Bestseller-Autor und Neurologe David Perlmutter schrieb hierzu ein kurzweiliges Buch: "Grain Brain: The Surprising Truth about Wheat, Carbs, and Sugar – Your Brain's Silent Killers" (deutscher Titel: "Dumm wie Brot").
In diesem Beitrag hatten wir bereits aufgezeigt, dass Typ‑II-Diabetiker ein über 50 % erhöhtes Demenz-Risiko tragen. Man muss jedoch kein Diabetiker sein, auch leicht erhöhte Glukose-Spiegel wirken sich bereits relevant aus.9 Zuletzt folgte eine englische Studie 5.189 Menschen über 8 Jahre und zeigte (nach Korrektur für eine große Anzahl anderer anamnestischer Faktoren): je höher der HbA1C, desto schneller der kognitive Abbau, insbesondere von Gedächtnis und Exekutiv-Funktion.10

Studienergebnisse lassen annehmen, dass überschüssige Glukose direkt zu einer Atrophie des Hippocampus beiträgt, was das Gedächtnis beeinträchtigt.7,11 Des Weiteren ist gezeigt, dass bei Typ‑II-Diabetikern mit dem Altern mehr graue Substanz schwindet als erwartet. Diese Hirnatrophie ist ein weiterer Grund, warum Diabetiker ein höheres Demenz-Risiko haben und eine Demenz früher manifest wird als bei Nicht-Diabetikern.12

Alzheimer wurde auch schon als Typ‑III-Diabetes bezeichnet, als Wissenschaftler 2005 entdeckten, dass auch im Gehirn Insulin produziert wird, welches für das Überleben der Hirnzellen benötigt wird. Toxische Proteine, genannt ADDLs (amyloid beta-derived diffusible ligands), entfernen Insulin-Rezeptoren von den Zellen, sodass insulinresistente Neuronen zurückbleiben. Mit der Akkumulation von ADDLs beginnt das Gedächtnis zu schwinden.4,13

Übermäßiger Konsum von Zucker und nicht-pflanzlichen Kohlenhydraten macht noch auf einem anderen Wege krank: für Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit braucht es eine gesunde Darmflora.14

Demenz ist keine unvermeidliche Begleiterscheinung des Alterns

Bewegung, Vermeidung von Übergewicht sowie eine ausgewogene und gesunde Ernährung helfen wesentlich, Insulinresistenz  vorzubeugen und schützen infolgedessen auch die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter.7 Auch schlechter Schlaf und Schlafmangel scheinen das Gedächtnis und den Tau‑Metabolismus zu beeinträchtigen und das Einsetzen einer Demenz zu beschleunigen.15

Zu einfach, denken Sie jetzt vielleicht. Wie viel die Optimierung solcher Lebensstilfaktoren bereits nach relativ kurzen Zeiträumen bringen könnte, zeigt ein spannender Fallbericht, dessen Ansatz hochinteressant für eine große Studie wäre.

Bredesen entwickelte ein Programm aus 36 Lebensstil-Faktoren, welches er mit 10 Patienten durchführte, die an Gedächtnisverlust bei Alzheimer oder mildem kognitiven Defizit (MCI) litten. Die Alzheimer-Symptome waren bei 9 der 10 Patienten bereits nach 3-6 Monaten rückläufig. Ein Patient mit Alzheimer im Spätstadium zeigte als einziger keine objektive Verbesserung. Sechs der Patienten hatten bei Erstvorstellung aufgrund ihrer Symptome Schwierigkeiten bei der Berufsausübung oder konnten gar keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen. Alle sechs konnten anschließend ihren Beruf wieder aufnehmen bzw. mit besserer Leistung weiter arbeiten. Die Verbesserungen waren bis zum spätesten Follow-Up nach 2,5 Jahren deutlich und anhaltend.
Das Programm beinhaltete u. a. körperliches Training, ketogene Ernährung, Optimierung von Vitamin‑D- und Hormon-Spiegeln, Verbesserung des Schlafes, Meditation, Entgiftung sowie Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel und Gluten.7,16

Der Autor sieht darin eine Bestätigung dessen, dass kognitiver Abbau, zumindest im Anfangsstadium, zu einem großen Teil von metabolischen Prozessen angetrieben wird. Bedenkt man das bisherige Scheitern aller Einzelwirkstoffe bei Alzheimer, eröffnen diese Ergebnisse die Möglichkeit einer therapeutischen Plattform. Medikamente, die als Monotherapien nicht wirksam sind, könnten als Komponenten eines größeren therapeutischen Systems vielleicht Erfolg haben.

Referenzen:
1.  WHO | Infographic on dementia. WHO Available at: http://www.who.int/mental_health/neurology/dementia/infographic_dementia/en/. (Accessed: 19th December 2018)
2. Lancet, T. Dementia burden coming into focus. The Lancet 390, 2606 (2017).
3. Isoglukose: Warum der Zuckersirup zum Problem werden könnte. Available at: https://www.aerztezeitung.de/news/news_ticker/article/945677/isoglukose-zuckersirup-problem-koennte.html. (Accessed: 19th December 2018)
4. How Sugar Harms Your Brain Health and Drives Alzheimer’s Epidemic. Mercola.com Available at: http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2014/07/24/sugar-brain-function.aspx. (Accessed: 5th December 2018)
5. Added Sugar, Subtracted Science: How Industry Obscures Science and Undermines Public Health Policy on Sugar (2014) | Union of Concerned Scientists. Available at: https://www.ucsusa.org/center-for-science-and-democracy/sugar-industry-undermines-public-health-policy.html#.XBvZMPwxnyg. (Accessed: 20th December 2018)
6. Report: The Sugar Lobby Threatens Organizations, Buries Science on Health Effects. Available at: https://www.newsweek.com/report-sugar-lobby-threatens-organizations-buries-science-health-effects-256529. (Accessed: 20th December 2018)
7. Link Between Sugar and Alzheimer’s Strengthens. Mercola.com Available at: http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2018/02/22/link-between-sugar-and-alzheimers.aspx. (Accessed: 19th December 2018)
8. Willette, A. A. et al. Association of Insulin Resistance With Cerebral Glucose Uptake in Late Middle–Aged Adults at Risk for Alzheimer Disease. JAMA Neurol 72, 1013–1020 (2015).
9. Crane, P. K. et al. Glucose Levels and Risk of Dementia. New England Journal of Medicine 369, 540–548 (2013).
10. Zheng, F., Yan, L., Yang, Z., Zhong, B. & Xie, W. HbA1c, diabetes and cognitive decline: the English Longitudinal Study of Ageing. Diabetologia 61, 839–848 (2018).
11. Kerti, L. et al. Higher glucose levels associated with lower memory and reduced hippocampal microstructure. Neurology 81, 1746–1752 (2013).
12. Bryan, R. N. et al. Effect of Diabetes on Brain Structure: The Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes MR Imaging Baseline Data. Radiology 272, 210–216 (2014).
13. Researchers discover link between insulin and Alzheimer’s. EurekAlert! Available at: http://www.eurekalert.org/pub_releases/2005-03/l-rdl030205.php. (Accessed: 20th December 2018)
14. Perlmutter, D. & Loberg, K. Brain Maker: The Power of Gut Microbes to Heal and Protect Your Brain–for Life. (Little, Brown and Company, 2015).
15. Di Meco, A., Joshi, Y. B. & Praticò, D. Sleep deprivation impairs memory, tau metabolism, and synaptic integrity of a mouse model of Alzheimer’s disease with plaques and tangles. Neurobiology of Aging 35, 1813–1820 (2014).
16. Aging | Reversal of cognitive decline: A novel therapeutic program - Full Text. Available at: https://www.aging-us.com/article/100690/text#fulltext. (Accessed: 20th December 2018)

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