Pflanzliche Heilmittel – wissen Sie, was Ihre Patienten einnehmen?

Für viele Patienten gehören pflanzliche Heilmittel zur Therapie dazu. Oft geschieht dies ohne Absprache mit dem:der behandelnden Ärzt:in. Doch bei der Kombination von bestimmten Phytopharmaka und einer NOAC-Therapie kann es zu potenziell gefährlichen Wechselwirkungen kommen.

Nach vier Jahren problemloser oraler Antikoagulation mit einem nicht-Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulans (NOAC) entwickelt ein 80-Jähriger mit Vorhofflimmern plötzlich Hämatemesis und Teerstuhl. Die Endoskopie zeigt diffuse Schleimhautblutungen, eine Intensivbehandlung und Antidotgabe sind notwendig. Der Patient verstarb innerhalb von 24h.1 Was ist hier passiert?

Im berichteten Fall ist die gastrointestinale Blutung wahrscheinlich auf eine Selbstmedikation mit einer gekochten Mischung aus Zimt und Ingwer (200 ml 2 x täglich) während der letzten 2 Tage zurückzuführen.1
Bekannt sind Wechselwirkungen von pflanzlichen Wirkstoffen mit Vitamin-K-Antagonisten (VKA) schon längere Zeit. Doch auch für NOACs, wie in diesem Fall, kann ein Interaktionspotenzial vorhanden sein.2

Interaktionspotenzial von Medikamenten mit NOACs

Für mögliche Interaktionen sind maßgeblich die körpereigenen Systeme für die Metabolisierung (Cytochrom-P450-Isoenzyme) und Absorption (P-Glykoprotein) relevant.
Apixaban wird, wie die anderen NOACs auch, im Wesentlichen über das Leberenzym CYP3A4/5 metabolisiert und ist außerdem ein Substrat des Efflux-Transporters P-Glykoprotein.3 Bei der gleichzeitigen Einnahme/Anwendung von Apixaban mit anderen Medikamenten sollte deshalb beachtet werden:

Fragen Sie Ihre Patienten nach pflanzlicher Selbstmedikation

Ebenfalls können auch Bestandteile pflanzlicher Heilmittel mit dem Enzym CYP3A4 und dem P-Glykoprotein interagieren oder die Thrombozytenfunktion hemmen (siehe Tabelle).4 Wie stark deren Einfluss auf die Wirkung der NOACs ist, ist nicht abschließend geklärt. Das Interaktionspotenzial könnte sich zudem erst bei der gleichzeitigen Einnahme über einen längeren Zeitraum hinweg voll entfalten.4

Ein Beispiel ist das Johanniskraut, ein bekannter starker Induktor von CYP3A4.2 Es kann daher potenziell die Wirksamkeit der NOACs vermindern.4
Ein potenziell erhöhtes Blutungsrisiko in Kombination mit NOACs ergibt sich darüber hinaus für:

§ in Anwesenheit von zusätzlichen Faktoren, die die Apixaban-Exposition erhöhen, z. B. schwere Nierenfunktionsstörung


Referenzen

  1. Maadarani O et al. Adding Herbal Products to Direct-Acting Oral Anticoagulants Can Be Fatal. Eur J Case Rep Intern Med 2019; 6(8):1190.
  2. Di Minno A et al. Old and new oral anticoagulants: Food, herbal medicines and drug interactions. Blood Rev 2017; 31(4):193–203.
  3. Fachinformationen Eliquis® 5 mg / 2,5 mg, aktueller Stand.
  4. Abendroth A et al. Ginkgo, Ginseng und Gerinnung. Zeitschrift für Phytotherapie 2021; 42(06):301–11.