Migräne bei Männern: Klinische Besonderheiten und diagnostische Herausforderungen
Migräne betrifft nicht nur Frauen: 5 bis 10 Prozent der Männer leiden darunter, mit einem Häufigkeitsgipfel im dritten und vierten Lebensjahrzehnt. Dennoch sprechen epidemiologische Daten für eine relevante Untererfassung männlicher Migränepatienten.
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Diagnostik
Bei männlichen Patienten mit rezidivierenden Kopfschmerzen werden häufiger alternative Diagnosen erwogen – Spannungskopfschmerz, zervikogene Beschwerden, stressbedingte Symptomatik –, bevor Migräne in Betracht gezogen wird. Das liegt nicht allein am Patientenverhalten: Auch im medizinischen Umfeld hält sich hartnäckig das Bild der Migräne als primär weibliche Erkrankung, weshalb Männer seltener gezielt dahingehend untersucht werden 1.
Atypische Symptome: Das klinische Bild beim Mann
Migräne wird bei Männern oft später oder gar nicht erkannt, weil sie sich häufig weniger klassisch präsentiert. Begleitsymptome wie Übelkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit sind seltener ausgeprägt, Attacken im Durchschnitt kürzer, die angegebene Schmerzintensität geringer als bei Frauen 2. Dadurch werden die Beschwerden leichter fehlgedeutet.
Verlässliche klinische Signale bleiben dennoch erkennbar: einseitige, pulsierende oder stechende Schmerzen, Verstärkung unter körperlicher Belastung, Dauer von mehreren Stunden bis zu drei Tagen. Wichtig ist zudem die Migräne mit Aura, bei der es vor oder während der Kopfschmerzen zu vorübergehenden Sehstörungen, Gefühlsstörungen oder Sprachproblemen kommen kann – und die bei Männern sogar häufiger auftritt als bei Frauen 2. Treten solche Muster wiederholt auf, sollte eine Migräne gezielt abgeklärt werden.
Unbehandelt droht die Chronifizierung
Bleibt die Erkrankung unerkannt, steigt das Progressionsrisiko messbar. Etwa 2,5 bis 5 Prozent der Betroffenen mit episodischer Migräne entwickeln im Verlauf eines Jahres eine chronische Verlaufsform (≥ 15 Kopfschmerztage/Monat, davon ≥ 8 mit Migränecharakter gemäß ICHD-3) 3. Begünstigende Faktoren sind hohe Attackenfrequenz, unzureichende Akuttherapie und – besonders relevant bei nicht diagnostizierten Patienten – unkontrollierter Analgetikakonsum, der seinerseits einen Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch induzieren kann.
Unterschiede zwischen Frauen und Männern:
Männer mit Migräne…
- gehen seltener zum Arzt
- bagatellisieren ihren Kopfschmerz häufiger
- haben oft weniger ausgeprägte Begleitsymptome
- haben kürzere Attacken
- geben eine geringere Schmerzintensität an
- haben häufiger Migräne mit Aura
- erhalten häufiger eine Diagnose für eine andere Kopfschmerzart
Empfehlung: Auch bei unvollständiger Symptomkonstellation an Migräne denken!
- Triller P et al.; Raffaelli B. Sex hormone profiles in men with migraine. Front. Neurol. 2025;16:1648017.
- Vetvik KG, MacGregor EA. Sex differences in the epidemiology, clinical features, and pathophysiology of migraine. Lancet Neurol. 2017;16(1):76–87.
- Lipton RB, Fanning KM, Buse DC et al. Migraine progression in subgroups of migraine: results of the CaMEO Study. Neurology. 2019;93(24):e2224–e2236.