Die männliche Psyche und ihr Einfluss auf das Prostatakarzinom

Männer geben sich auch heute noch gern außen mit harter Schale. Fast nichts kann sie vermeintlich aus der Bahn werfen. Dass dies nur ein Klischee ist, ist sicher allen klar, dennoch wird der männlichen Psyche in der Urologie oftmals noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Das hat Auswirkungen auf Prognosen und Outcome, nicht nur beim Prostatakarzinom.

Männer geben sich auch heute noch gern außen mit harter Schale. Fast nichts kann sie vermeintlich aus der Bahn werfen. Dass dies nur ein Klischee ist, ist sicher allen klar, dennoch wird der männlichen Psyche in der Urologie oftmals noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Das hat Auswirkungen auf Prognosen und Outcome, nicht nur beim Prostatakarzinom.

Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass sich in Barcelona mehr als 13.000 Urologen aus Europa, Japan, China, den USA und Australien sowie vielen weiteren Staaten zum EAU-Kongress trafen; und ich war mitten drin, auf der Suche nach einem spannenden Aufhänger für diesen meinen nächsten Blog-Beitrag.

Aufmerksam wurde ich dabei auf drei Beiträge, die sich mit der männlichen Psyche und deren Einfluss auf den Ausgang eines Prostatakarzinoms beschäftigten. Vielleicht erfassen Sie ja schon bald den mentalen Status Ihres Patienten in der täglichen Praxis? Ein solches Vorgehen könnte sich tatsächlich für beide Seiten lohnen.

Neurosen verschlimmern Nebenwirkungen

Als erstes Beispiel möchte ich Ihnen sehr gern eine Studie1 vorstellen, welche sich mit Persönlichkeitstests bei PCa-Patienten befasste. Wussten Sie beispielsweise, dass etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Männer in Industrieländern als neurotisch gelten? Was das mit Urologie zu tun hat? Nun eine ganze Menge, wie Sie gleich sehen werden.

Neurotische Männer neigen eher dazu, Nebenwirkungen der Therapie des Prostatakarzinoms stärker wahrzunehmen. Sie leiden daher beispielsweise nach Prostatektomie oftmals stärker unter erektiler Dysfunktion oder Inkontinenz, weshalb ihre Rekonvalenszenz gefährdeter ist. Das bedeutet für die Betreuung dieser Männer in erster Linie, dass sie zusätzlich einer intensiven psychologischen Begleitung bedürfen.

Im einem Standard-Fragebogen zur Lebensqualität erreichten die neurotischen Patienten im Vergleich zu nicht-neurotischen stets um etwa 20% niedrigere Punktzahlen. Interessant daran ist, dass viele UrologInnen bisher davon ausgingen, dass die Auswirkungen der radikalen Prostatektomie vor allem von der Operationstechnik und den Begleiterkrankungen des Patienten beeinflusst würden. Dass jedoch auch Persönlichkeitsmerkmale hier einen so starken Einfluss entwickeln, zeigt, wie nötig es ist, zukünftig die Psyche der Patienten genauer mitzubedenken.

Die Autoren der Studie schlugen sogar vor, vor einem Eingriff einen Persönlichkeitstest zu machen. Nur so sei sichergestellt, dass jeder Mann die für ihn passende Nachsorge und Unterstützung erhält. Hier bieten sich somit tolle Anknüpfungspunkte für einen interdisziplinären Umgang mit Männern und deren Prostatakarzinom. Im Übrigen sind neurotische Menschen keineswegs psychisch krank. Im Grunde sind wir alle ein wenig neurotisch, genauso wie es eben intorvertierte und extrovertierte Menschen gibt. Klare Neurotiker sind nur etwas ängstlicher oder können weniger gut mit Stress umgehen als der Rest von uns.

Mentale Gesundheit beeinflusst das Überleben beim PCa

Eine weitere Studie2, die ich Ihnen vom EAU 2019 aus Barcelona mitgebracht habe, geht sogar noch einen Schritt weiter und verlangt eine psychologische bzw. psychoonkologische Begleitung von Krebspatienten in der Urologie. Gerade Patienten mit Prostata-, Blasen- oder Nierenzellkarzinomen haben dieser Studie zufolge nämlich ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko, wenn Sie bereits vor Therapiebeginn unter mentalen Gesundheitsproblemen litten. Darüber hinaus haben Männer mit diesen drei Tumorentitäten auch ein generell erhöhtes Suizidrisiko.

Insgesamt schlossen die StudienautorInnen Daten zur mentalen Gesundheit von mehr als 190.000 Männern mit urologischen Tumoren ein, von denen sich etwa die Hälfte in den fünf Jahren vor Krebsdiagnose bereits in psychiatrischer Behandlung befunden hatten.

Je nach Schwere der mentalen Beeinträchtigung nahm auch das Sterblichkeitsrisiko der Patienten zu. Das bedeutet z. B. für einen krebskranken Mann, der zuvor stationär wegen mentaler Gesundheitsprobleme behandelt wurde, dass dessen Sterblichkeitsrisiko etwa um den Faktor 1,78 größer ist als bei einem nicht-beeinträchtigten Mann.

Besonders lässt jedoch das folgende Ergebnis dieser Arbeit aufhorchen: Während die Suizidrate generell nach Krebsdiagnose um 16% anstieg, nahm sie bei Männern mit psychiatrischer Vorgeschichte um bis zu 39% zu! Jetzt fragen Sie sich doch bitte einmal selbst im Stillen: Wissen Sie über den mentalen Status Ihrer Patienten Bescheid? Können Sie also wirklich abschätzen, wie sich diese nach Diagnosestellung oder Therapie verhalten werden? Ich finde diese Zahlen durchaus denkwürdig.

Auch Behandlungen selbst fördern mentale Erkrankungen

Neben den mentalen Faktoren, welche die Patienten in die Praxis mitbringen, schaffen UrologInnen auch zusätzlich mithilfe ihrer Therapieansätze in einem Teil der Patienten optimale Voraussetzungen für Probleme mit deren mentaler Gesundheit. So zeigte sich etwa, dass 773 von 5.570 Männern in einer dänischen Studie3 nach einer Prostatektomie auf Depressionen behandelt werden mussten.

Grund dafür war allerdings nicht, wie jetzt eventuell gedacht, die Erektionsproblematik oder eine Inkontinenz. Nein, sehr viel mehr erhielten diese Männer eine Androgendeptivationstherapie (ADT) und entwickelten aufgrund des Testosteronmangels schließlich psychische Symptome. Männer unter ADT hatten demnach ein 1,8-fach höheres Risiko für Depressionen als radikal ektomierte Männer ohne ADT.

Bedeutung für die Praxis

Diese drei Beispiele aus Arbeiten vom gerade zuende gegangenen EAU-Kongress in Barcelona zeigen Ihnen, wie wichtig es ist, auch die mentale Gesundheit der Patienten in der Uroonkologie mit zu berücksichtigen. Mentale Störungen und Depressionen infolge der Diagnose oder des Behandlungsregimes wirken lebenszeitverkürzend oder mindern in milderen Fällen die Lebensqualität und Chance auf eine schnelle Rekonvaleszenz.

Ich freue mich auf Ihre Meinungen zu diesem Thema. Vielleicht arbeitet der eine oder die andere ja sogar schon in dem Bewusstsein einer Psychohygiene in der urologischen Praxis als Mittel und Weg für mehr Patientenzufriedenheit und Lebensqualität? Ich bin gespannt. Nutzen Sie gern die Kommentarfunktion, um über Ihre Erfahrungen zu berichten. Ihre KollegInnen und Patienten werden es Ihnen danken. 

Quellen:
1. Axcrona EJK et al., Adverse effects after radical prostatectomy are strongly associated with the personality trait of neuroticism. EAU 2019
2. Klaassen Z et al., Utilization of psychiatric resources prior to genitourinary (GU) cancer diagnosis: Implications for survival outcomes. EAU 2019
3. Friberg AS et al., The hazard of depression after radical prostatectomy – A nationwide registry-based study. EAU 2019

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