Intuition vs. Score: Treffen Sie ins Schwarze?

Gibt es in einer evidenzbasierten, genormten Medizin überhaupt noch Platz für ärztliche Intuition? Am Beispiel der Einschätzung, ob NierenpatientInnen perioperative Komplikationen entwickeln, haben ForscherInnen kürzlich Intuition und drei medizinische Scores kontrolliert gegeneinander antreten lassen – mit spannendem Ausgang.

Gibt es in einer evidenzbasierten, genormten Medizin überhaupt noch Platz für ärztliche Intuition? Am Beispiel der Einschätzung, ob NierenpatientInnen perioperative Komplikationen entwickeln, haben ForscherInnen kürzlich Intuition und drei medizinische Scores kontrolliert gegeneinander antreten lassen – mit spannendem Ausgang. 

Können ChirurgInnen aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen das Risiko für perioperative Komplikationen bei NierenpatientInnen treffsicherer abschätzen als validierte Risiko-Scores? Die Antwort auf diese Frage wurde bisher nie untersucht, aus Patientensicht jedoch ist sie entscheidend, denn: Vertraue ich meinem Arzt/meiner Ärztin und deren persönlicher Einschätzung oder möchte ich lieber dem Risiko-Score eines statistisch validierten Fragebogens meine Gesundheit anvertrauen? 

 European Urology Focus hat hierzu in der aktuellesten Ausgabe eine Arbeit aus Frankreich vorgestellt, die sich dieser Frage stellt und dabei eine durchaus überraschende Antwort gefunden hat. Hierfür verfolgten die AutorInnen das Schicksal von 100 PatientInnen, die sich einer roboterassistierten partiellen Nephrektomie unterzogen hatten.

Scores versus Erfahrung

Die präoperative Bildgebung diente in der vorgelegten Studie dazu, PADUA-, RENAL- und MAP-Scores anhand einer visuellen Analogskala zu bestimmen und darüber das Risiko der PatientInnen für perioperative Komplikationen sowie technische Schwierigkeiten einer roboterassistierten Nephrektomie abzuschätzen. PADUA und RENAL legten dabei den Fokus auf die Tumoranatomie, während MAP zusätzlich das perirenale Fett mit berücksichtigte.

Dem gegenüber gestellt wurde die Einschätzung der Operateure, welche aufgrund ihrer jeweiligen Erfahrungen die Situationen individuell bewerten sollten. 

"And the winner is ..."

Im Ergebnis zeigte sich, dass die drei Scores sehr gut mit den Einschätzungen der ÄrztInnen korrelierten. Dabei schnitt der RENAL-Score sogar am besten ab. Allerdings, und daran zeigt sich der Einfluss ärztlicher Erfahrung, waren ÄrztInnen eindeutig besser darin, das Gesamtrisiko für Komplikationen richtig abzuschätzen (Chancenverhältnis (odds ratio, OR) = 5,42, p < 0,001).

Das Gesamtrisiko für Komplikationen muss nämlich ebenso Faktoren wie Komorbiditäten, BMI oder Antikoagulationstherapien mit einschließen, die natürlich über die Scores nicht erfasst werden. Somit helfen die drei Scores ÄrztInnen zwar in der operativen Risikoabschätzung, allerdings können ÄrztInnen "intuitiv" und aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen das perioperative Gesamtrisiko besser abschätzen.

Originalquelle: Khene Z-E et al., EUFOCUS 2020; 6(2): 313–319 

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