„Ich bin morgens immer müde“
In der Jugend verändern sich die Schlafgewohnheiten und biologische Prozesse. Die Jugendlichen werden später müde, bleiben länger auf und kommen morgens schlecht aus dem Bett. Einfach selbst schuld? Teil 3 unserer Schlafreihe.
„Ich bin morgens immer müde. Aber abends werd ich wach - Morgens bin ich so solide. Doch am Abend werd ich schwach“, so beginnt ein bekannter Song der Band Laing. Doch was sich lustig anhört, macht vielen Jugendlichen ernsthaft zu schaffen. Das Schlafverhalten der Jugendlichen ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Die zunehmende Autonomie erlaubt es Jugendlichen später zu Bett zu gehen. Auf der Ebene der Schlafregulation zeigen sich Veränderungen im homöostatischen System. Diese bedingen eine größere Toleranz gegenüber dem Schlafdruck. Dies hat Folgen für die Aufwachzeiten. Da die Aufstehzeiten häufig durch den Schulbeginn bestimmt werden, kann es zu einen großen Schlafdefizit kommen (siehe Abbildung 1).1 Daten aus den USA zeigen, dass US-amerikanische Jugendliche von der 6. Klasse (ca. 11-12 Jahre) bis zur 12. Klasse (ca. 17-18 Jahre) pro Nacht etwa 90 Minuten Schlaf verlieren. Bei beiden Gruppen betrug die durchschnittliche Gesamtschlafdauer pro Schulnacht bei den jüngsten Jugendlichen etwa 8,4 Stunden und bei den Ältesten etwa 6,9 Stunden. 1 Dieses Schlafdefizit kann negative Folgen auf die Noten und mentale Gesundheit der Jugendlichen haben. 1
Schlafbedürfnis bleibt
Trotz des abnehmenden Zeitrahmens, der mit Schlafen verbracht wird, deuten Studien darauf hin, dass sich das "Schlafbedürfnis" als solches während der Adoleszenz nicht dramatisch verändert. Wenn Jugendliche die Möglichkeit hatten bis zu 10 Stunden zu schlafen, nahmen sie diese Gelegenheit auch wahr, so Zahlen einer Längsschnittstudie.1 Die Jugendlichen im Alter von 10-12 bzw. 15-18 schliefen im Schnitt 9,25 Stunden, unabhängig von Alter oder Reife. Zudem schlafen Jugendliche an Nicht-Schultagen deutlich länger als an Schultagen. Eine Untersuchung gab Schülern die Möglichkeit am Vormittag eine Schlafpause einzulegen. Über 50 Prozent der Teilnehmenden schliefen in weniger als 2 Minuten ein und fielen in den REM-Schlaf.1 Diese Studie deutet darauf hin, dass die teilnehmenden Zehntklässler zu Beginn des Schultages unter einer pathologischen Schläfrigkeit litten, die möglicherweise auf eine gleichzeitige Verzögerung ihrer zirkadianen Rhythmen und die Verkürzung ihrer Schlafmöglichkeiten durch den früheren Schulbeginn zurückzuführen ist. 1
Abbildung 1: Die Auswirkung von verspätetem Schlaf und früherem Schulbeginn auf die Schlafdauer bei Heranwachsenden. Beispiel der dramatischen Schlafenszeitverkürzung, wenn Kinder in der Vorpubertät neben der verzögerten Schlafphase, die aufgrund der eintretenden Pubertät eintritt, noch zusätzlich auf eine höhere Schulart wechseln, die früher beginnt. (Beispiel aus den USA: Jahrgangsstufe 6 – Übergang in die Mittelstufe).2
(modifiziert nach 2)
Hormone beeinflussen innere Uhr
Es scheint, dass der veränderte Schlaf-Wach-Rhythmus mit der Verzögerung der zirkadianen Phase (Prozess C) zusammenhängt, die auf die Entwicklung der sekundären Geschlechtsorgane zurückzuführen ist. Jugendliche weisen eine Phasenverschiebung sowohl bei der bevorzugten Aktivitätsphase als auch bei der täglichen Melatoninausschüttung auf, die jeweils positiv mit der Entwicklung sekundärer Geschlechtsmerkmale korreliert.2 Dieser Zusammenhang wurde auch unter kontrollierten Laborbedingungen beobachtet. Daraus könnte man schlussfolgern, dass die Verzögerung des zirkadianen Timings auch dann bestehen bleibt, wenn psychosoziale Faktoren ausgeschlossen werden. Die Entwicklung zum „Spättyp“ (abendlicher Chronotyp oder Eule) ist während des Heranwachsens bei männlichen Jugendlichen ausgeprägter als bei weiblichen. Dieser Geschlechtsunterschied bleibt bis zum Alter von 50 Jahren bestehen, auch wenn sich der Chronotyp umkehrt bzw. eher wieder Richtung „Lerche“ verschiebt.2
Lernen im Schlaf
Müdigkeit – vor allem morgens – hat negative Konsequenzen im Alltag, insbesondere in der Schule. Die Aufmerksamkeit ist nicht gegeben, Noten können immer schlechter werden. Die betroffenen Jugendlichen haben auch kaum die Möglichkeit die Gegebenheiten zu ändern, da die Schulanfangszeiten nicht „verhandelbar“ sind. Dieser Leistungsabfall kann sich negativ auf die Psyche auswirken. Schlaf ist auch ein wichtiger Faktor in der Unterstützung der kognitiven Funktionen. Während des Schlafens finden organisatorische Veränderungen von neuronalen Netzwerkverbindungen statt. Diese steuern das Löschen und das Speichern von Daten und schaffen damit die Voraussetzungen für kognitive Prozesse im folgenden Wachzustand.3 Schlaf und Gehirnentwicklung scheinen in einem bidirektionalen Verhältnis zueinander zu stehen. 1
Auch der Schlaf kann in der Jugend kompliziert sein, spielt aber eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Heranwachsenden. Im nächsten Teil überspringen wir die Erwachsenen und gehen weiter zu den Besonderheiten des Schlafens im Alter.
- Tarokh L. “Sleep in adolescence: physiology, cognition and mental health” Neuroscience & Biobehavorial Reviews 2016;70: 182–188
- Hummer L. and Lee T. “Daily timing of the adolescent sleep phase: Insights from a cross-species comparison Neuroscience & Biobehavorial Reviews 2016; 70:171–181.
- Wiater A. „Physiologie und Pathophysiologie des Schlafes“ Monatsschrift Kinderheilkunde 2016; 12:1070–107