Differenzialdiagnose Narkolepsie vs. Epilepsie

Narkolepsie und Epilepsie überschneiden sich klinisch stärker, als es die Seltenheit ihrer Komorbidität vermuten lässt. Verwechslungen sind deswegen häufig. Umso wichtiger ist deshalb die Differenzialdiagnostik für eine optimale Versorgung der Patienten*innen.

Was ist gleich, was ist anders?

Sowohl Narkolepsie als auch Epilepsie sind Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die sich durch plötzliche, anfallsartige Ereignisse äußern können. Das führt in der klinischen Praxis zu einer hohen Verwechslungsgefahr. Beispielsweise listet die Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“ Narkolepsie-Kataplexie als wichtige Differenzialdiagnose bei epileptischen Anfällen bei Erwachsenen.1 Eine Kataplexie bei Narkolepsie- ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus, der typischerweise emotionsgetriggert und ohne Bewusstseinsverlust auftritt – könnte leicht als atonischen oder myoklonischen Anfall, wie sie bei einer Epilepsie auftreten, fehlgedeutet werden, besonders bei Kindern.2-4 Epileptische Anfälle können im EEG durch epileptiforme Muster identifiziert werden, während das EEG bei Narkolepsie meist unauffällig ist. Kataplexien können klinisch epileptischen Anfällen ähneln. Daher reicht eine Routine-EEG-Untersuchung zur Differenzierung nicht aus. Zur Sicherung der Narkolepsie-Diagnose sind schlafmedizinische Untersuchungen unerlässlich.2 Eine Differenzialdiagnose ist deshalb essenziell, vor allem, um falsche therapeutische Interventionen zu vermeiden und die Zeit bis zu korrekter Diagnosestellung und der damit verbundenen adäquaten Behandlung so kurz wie möglich zu halten.

Schlaf bei Epilepsie

Eine weitere Verbindung zwischen den beiden Erkrankungen findet sich in der Bedeutung des Schlafs. Als Schlaf-Wach-Störung ist Schlaf bei Narkolepsie ein zentrales Element. Bei Epilepsie ist die Beziehung zu Schlaf bidirektional.5 Der Schlafmangel, der durch Schlafstörungen ausgelöst wird, kann die Anfallshäufigkeit erhöhen während umgekehrt nächtliche Anfälle, Nebenwirkungen antiepileptischer Medikamente sowie psychologische oder psychiatrische Probleme die Schlafqualität beeinflussen können.5 Die exzessiven Tagesschläfrigkeit (EDS) ist als Kernsymptom der Narkolepsie ein elementarer Bestandteil der Pathologie, bei Epilepsie-Patienten*innen ist die Studienlage hierzu kontrovers. Eine systematische Metaanalyse zeigte, dass die Schlafqualität bei Epilepsie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich eingeschränkt ist. Die EDS hingegen, gemessen mit der Epworth Sleepiness Scale (ESS), lag im Normbereich. Die Autoren*innen betonten, dass es entscheidend ist, Schlafqualität und ESS nicht nur anhand von Fragebögen zu erfassen, sondern zusätzlich objektive Messmethoden einzusetzen, wie der Multiple Schlaflatenztest (MSLT) oder Polysomnograhpie.6

Kurz und bündig: Aspekte aus der Forschung im Zusammenhang mit Epilepsie und Orexin

Die Korrelation von Schlaf und Epilepsie ist schon seit langem Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Das Orexin-System, also der Neurotransmitter Orexin und die Orexin Rezeptoren Typ 1 und Typ 2, modulieren bei Epilepsie sowohl Schlaf als auch Anfallsaktivität.7 Präklinische Untersuchungen zeigten, dass Orexin Rezeptor Antagonisten in Tiermodellen sowohl den Schlaf als auch epileptische Anfälle verbessern konnten.7 Eine Studie an Mäusen zeigte auch, dass die transiente Inhibition von hypothalamischen Orexin-Neuronen epileptische Anfälle mildern kann.8

Orexin-Rezeptor Antagonisten eröffnen somit neue therapeutische Perspektiven für die Behandlung der Epilepsie.

Was, wenn doch beides gleichzeitig auftritt?

Narkolepsie und Epilepsie können auch gleichzeitig auftreten, dies ist allerdings eher selten der Fall. Ob es gemeinsame Risikofaktoren für Epilepsie und Narkolepsie gibt, ist bislang nicht hinreichend untersucht. Bisherige Hinweise stammen überwiegend aus Fallserien und Einzelfallberichten. Beispielsweise beschreibt eine Fallserie von Joshi et al. drei Patienten*innen mit juveniler myoklonischer Epilepsie (JME) und komorbider Narkolepsie.9 Bereits vor der Diagnose mit JME zeigte sich bei den Betroffenen unter anderem eine gestörte Schlafarchitektur mit EDS sowie fragmentierter Nachtschlaf und Kataplexien – typische Symptome der Narkolepsie Typ 1. Letztendlich bestätigen schlafmedizinische Untersuchungen wie der MSLT bei allen dreien eine komorbide Narkolepsie. Eine weitere Fallstudie präsentiert 4 Patienten*innen bei denen komorbide Narkolepsie Typ 1 und idiopathische generalisierte Epilepsie diagnostiziert wurde.10 Diese Studie hebt neben diagnostischen Hürden klar die klinische Herausforderung hervor, eine adäquate Therapie für beide Erkrankungen zu finden.

Nicht nur klinische, sondern auch genetische Überschneidung?

Die Vermutung für einen genetischen Zusammenhang liegt auf der Basis dieser Fallserien nicht fern. Eine genetische Analyse konnte dies bestätigen: alle drei Patienten*innen der Fallstudie trugen dasselbe Allel des HLA-DQB1 Gens (HLA-DQB1*0602).9 Die Gene des Humane Leukozytenantigene (HLA)-Systems sind allerdings keine Unbekannten in der Narkolepsie-Forschung. Schon im Jahr 1984 konnten Wissenschaftler*innen eine Assoziation zwischen einem bestimmten Allel, HLA-DR2/DQw1, und Narkolepsie aufzeigen.11 Weitere Studien zeigten, dass HLA-DQB1*0602 das wichtigste HLA-Suszeptibilitätsallel in allen ethnischen Gruppen ist.9 Dies zeigt sich auch in Zahlen: 88-98 % aller Patienten*innen mit Narkolepsie und eindeutigen Kataplexien sind HLA-DQB1*0602- positiv.11 Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass HLA-DQB1 *0602 mit einer Frequenz von circa 33 % in der Normalbevölkerung auftritt, was vermuten lässt, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren für die Entwicklung einer Narkolepsie verantwortlich ist.12,13 Die Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen erlauben die Hypothese, dass es für auch für komorbide Narkolepsie und Epilepsie geteilte genetische Prädispositionen, wie beispielsweise das Allel HLA-DQB1*0602, geben kann. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um diese Hypothese zu stützen.9

Fazit für die Praxis

Differenzialdiagnosen sind entscheidend. Auch wenn die Komorbidität von Narkolepsie und Epilepsie selten ist, ist der Raum für Fehlinterpretationen groß. Denken Sie bei typischen Symptomen an schlafmedizinische Untersuchungen und hinterfragen Sie die Ursache von Anfällen, damit Ihre Patienten*innen schnellst- und bestmöglich versorgt werden können.

Quellen

  1. Holtkamp M*, May TW* (*geteilte Erstautorenschaft), et al., Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, S2k-Leitlinie, 2023; in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 12.09.2025)
  2. Rehim ED, et al., Cureus. 2024 Apr 3;16(4):e57540.
  3. Tormasiova M, et al. J Neurol Sci. 2015 Volume 357, e433 - e434
  4. Yanagishita T, et al., Brain Dev. 2018 Nov;40(10):939-942.
  5. Gutter T, et al., Seizure. 2019 Jul;69:298-303.
  6. Bergmann M, et al., Sleep Med Rev. 2021 Jun;57:101466. 
  7. Sheibani M, et al., Neuropeptides. 2023 Jun;99:102335.
  8. Li HT, et al., Nat Commun. 2024 Feb 10;15(1):1249.
  9. Joshi PA, et al., Epilepsy Behav. 2015 Oct;51:163-5.
  10. Baiardi S, et al., J Clin Sleep Med. 2015 Nov 15;11(11):1257-62. 
  11. Maret S, Tafti M. Swiss Med Wkly. 2005 Nov 19;135(45-46):662-5.
  12. Nakayama J, et al., Genomics. 2000 Apr 1;65(1):84-6. doi: 10.1006/geno.2000.6143.
  13. Medizinisch Genetisches Zentrum (MGZ). Narkolepsie – HLA-DQB106:02.* München: MGZ; Verfügbar unter: https://www.mgz-muenchen.de/erkrankungen/diagnose/narkolepsie-hla-dqb10602.html (abgerufen am 12.09.2025)