Endotypen und Phänotypen bei obstruktiver Schlafapnoe
Die obstruktive Schlafapnoe (OSA) ist heterogen – sowohl in ihrer Ausprägung als auch in Ursachen und Folgen. Endotypen und Phänotypen erlauben eine differenzierte Einordnung und eröffnen Perspektiven für eine personalisierte Therapie.<sup>1</sup>
Die Prävalenz der obstruktiven Schlafapnoe (OSA) ist hoch.² Ursache sind wiederholte Kollapsereignisse der oberen Atemwege im Schlaf. Lange galt der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) als zentrales Maß für Diagnostik und Therapieplanung.¹ Zunehmend wird jedoch deutlich, dass dieser Parameter die Komplexität der Erkrankung nicht adäquat widerspiegelt.¹
Die American Thoracic Society (ATS) betont in einem aktuellen Statement, dass Patient*innen sich erheblich in Symptomatik, Begleiterkrankungen, Mechanismen der Atemwegsobstruktion und im Therapieansprechen unterscheiden.¹ Diese Heterogenität könnte erklären, warum Daten zeigen, dass die CPAP-Therapie trotz hoher Wirksamkeit von bis zu 50 % der Betroffenen abgebrochen wird.¹
Während bei einigen Patient*innen Atemereignisse mit ausgeprägter Hypoxämie im Vordergrund stehen, dominieren bei anderen exzessive Tagesschläfrigkeit, neurokognitive Einschränkungen oder ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.¹ Die Vielfalt zeigt sich auf allen Ebenen: Pathomechanismen, physiologische Veränderungen und klinische Krankheitsausprägung.

Abbildung 1 modifiziert nach 1: Beispiele wie mechanistischer Endotypen und OSA-Phänotypen zum wiederholten Kollaps der oberen Atemwege während des Schlafs beitragen können.
Endotypen versus Phänotypen – komplementäre Konzepte
Endotypen beschreiben die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen der OSA. Dazu gehören anatomische Faktoren wie eine enge obere Atemwegsanatomie, funktionelle Faktoren wie ein hoher Loop-Gain, eine niedrige Arousal-Schwelle oder eine reduzierte pharyngeale Muskelantwort.3 Diese Mechanismen beeinflussen maßgeblich das individuelle Therapieansprechen (Tabelle 1).

Tabelle 1 modifiziert nach 1: Die Tabelle enthält konzeptionelle Beispiele aus aktuellen Proof-of-Concept-Studien zu bestimmten OSA-Endotypen und deren Fähigkeit, den Behandlungserfolg oder -misserfolg vorherzusagen. Zu beachten ist, dass neuere Forschungsergebnisse das überlegene Vorhersagepotenzial der Einbeziehung mehrerer Endotypen (und anderer relevanter Messgrößen) hervorheben.
Phänotypen werden hingegen anhand der klinischen Manifestation definiert.3 Beispiele sind die „schläfrige OSA“ mit ausgeprägter Tagesschläfrigkeit, die „minimale Symptomatik“ mit hohem AHI und wenigen Beschwerden, die „komorbide OSA“ mit metabolischen und kardiovaskulären Begleiterkrankungen sowie die „Insomnie-OSA“ mit Ein- und Durchschlafstörungen.3 Begleiterkrankungen können prädisponierend wirken (z. B. Adipositas), zur Symptomlast beitragen (z. B. Restless-Legs-Syndrom), Folgeerkrankungen darstellen (z. B. arterielle Hypertonie) oder die Prognose beeinflussen (z. B. Herzinsuffizienz).3
Zusammenspiel von Endotypen, Phänotypen und klinischen Charakteristika
Für den Therapieerfolg kann nicht ein einzelner Mechanismus entscheidend sein, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.1 So profitieren Patienten*innen, bei denen die oberen Atemwege nur mäßig verlegt sind und einen hohem Loop-Gain haben, häufig von einer Sauerstofftherapie. Wenn bei einem starken Kollaps anatomische Faktoren dominierend sind, sollte die Therapie da ansetzen.1
Auch Phänotypen zeigen Interaktionen: Hypoxische Last und ventilatorische Belastung sind mit exzessiver Tagesschläfrigkeit assoziiert, ein hoher Loop-Gain kann das Blutdruckansprechen auf CPAP vorhersagen. Dies verdeutlicht, dass die Kombination von Endo- und Phänotypisierung den Weg zu einer personalisierten „Precision Sleep Medicine“ ebnen könnte.1
Evidenzlage und offene Fragen
Die Studienlage bleibt heterogen. Während prospektive, randomisierte Studien mit kurzer Beobachtungszeit teils andere Ergebnisse liefern als retrospektive Kohortenanalysen über lange Zeiträume, betonen Experten*innen die Notwendigkeit einer systematischen Identifikation von Endotypen und Phänotypen. In der ATS-Publikation wird daher eine klare Forschungsagenda mit Standardisierung von Messungen, prospektiven Studien zur endotypbasierten Therapie, Untersuchung kombinierter Endotypen sowie der Aufbau von Registern für Daten- und Wissensaustausch gefordert. Ziel ist eine individualisierte Versorgung jenseits des „One-size-fits-all“-Ansatzes.
- Tolbert TM et al. Research Priorities for Translating Endophenotyping of Adult Obstructive Sleep Apnea to the Clinic: An Official American Thoracic Society Research Statement. Am J Respir Crit Care Med. 2025;211(9):1562–1583.
- Benjafield A et al. Estimation of the global prevalence and burden of obstructive sleep apnoea: a literature-based analysis. Lancet Respir Med. 2019 August 7(8): 687–698
- Herkenrath S. et al. Endotypen und Phänotypen bei obstruktiver Schlafapnoe – aktuelle Diskussionen. Somnologie 2024;28(3).