Europäische Leitlinie und Expertenempfehlungen für das Management der Narkolepsie bei Erwachsenen und Kindern.<sup>1</sup>
Das Wichtigste in Kürze zusammengefasst aus der EU-Leitlinie 2021 für die Behandlungsstrategie der Narkolepsie bei Erwachsenen und Kindern. Eine deutliche Reduktion der Symptomlast ist bei vielen Patienten möglich.
Wie kann man die seltene Erkrankung Narkolepsie erkennen?
Narkolepsie ist eine lebenslange neurologische Erkrankung, deren erste Symptome bei der Mehrzahl der Patienten bereits im Kindes- und Jugendlichenalter auftreten. Der Narkolepsie-Typ 1 (NT1) wird charakterisiert durch eine exzessive Tagesschläfrigkeit sowie zusätzliche Kataplexie-Attacken und einen ausgeprägten Hypocretin-Mangel; der Narkolepsie-Typ 2 (NT2) nur durch eine exzessive Tagesschläfrigkeit und ist damit weniger gut definiert. Weitere Symptome, die bei vielen, aber nicht bei allen Patienten beider Gruppen auftreten, sind gestörter Nachtschlaf mit lebhaften Träumen bzw. Alpträumen, Halluzinationen beim Einschlafen oder Aufwachen und Schlafparalysen in halbwachem Zustand. Bei Kindern gibt es auch atypische Manifestationen. Komorbiditäten wie psychiatrische Störungen (Depression, Angst) und Schlafstörungen (Apnoe, Restless Legs) sind bei Narkolepsiepatienten häufiger als in der Allgemeinbevölkerung und ihre Lebensqualität ist aufgrund der Krankheitslast stark beeinträchtigt.1,2
Welche prinzipiellen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Krankheitsmodifizierende Therapie1
Narkolepsie ist nicht heilbar. Da die Narkolepsie mit Kataplexie mit einem wahrscheinlich autoimmun-vermittelten Absterben der Hypocretin-Neurone im Gehirn und einem damit einhergehenden Hypocretin-Mangel verbunden ist, gibt es jedoch Hoffnung auf zukünftige krankheitsmodifizierende Strategien. Hypocretin-Neurone regulieren das Schlaf-Wach-Verhalten und halten wachheitsfördernde und schlaffördernde Neurotransmitter in der für die jeweilige Tageszeit richtigen Balance. Potenzielle Therapiestrategien zur Verringerung oder Verhinderung des Hypocretin-Verlustes könnten in spezifischen monoklonalen Antikörpern, selektiven Hypocretinrezeptor Agonisten oder einer Hypocretin-Ersatztherapie bestehen.1,2
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Leitlinienempfehlung:
Keine Empfehlung für bisher evaluierte krankheitsmodifizierende Therapien (Immunglobuline intravenös, Plasmapherese, Steroide, monoklonale Antikörper: Alemtuzumab, Rituximab, Natalizumab)
Nicht-pharmakologische Therapien1
Eine nicht-pharmakologische Behandlung zur Symptomkontrolle sollte immer zuerst in Betracht gezogen werden. Sie führt zu einer stärkeren Beteiligung des Patienten und stärkt die Selbstverantwortung und Akzeptanz der Erkrankung.1
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Leitlinienempfehlung:
Einlegen geplanter Schlafperioden über den Tag in jedem Alter, um die unmittelbare subjektive und objektive Schläfrigkeit sowohl bei pharmakologisch naiven als auch bei solchen Narkolepsiepatienten, die eine stimulierende Behandlung erhalten, zu verbessern.
(Keine evidenzbasierte Empfehlung möglich für körperliche Aktivität, kognitive Therapie und Ernährungshinweise)
Pharmakologische Therapien zur Symptomkontrolle1
Ziel einer symptomatischen Behandlung sollte eine Reduktion der belastenden Symptome sein. Dazu gehören bei allen Narkolepsiepatienten die exzessive Tagesschläfrigkeit, bei 60-70% der Patienten die Kataplexie und bei einem ähnlichen Prozentsatz die Störung des Nachtschlafes. Generell sollten für die Festlegung des Therapieziels und für Wahl der Behandlung das individuelle Symptommuster, Vorlieben und vorhandene Komorbiditäten beachtet werden.
Zwischen den einzelnen Patienten gibt es große Unterschiede im Umfang des Behandlungseffekts und beim Auftreten von Nebenwirkungen. Eine komplette Kontrolle der Narkolepsie-Symptome ist selten und die Medikation dient dazu, die Last der Symptome zu mildern. Die Tagesschläfrigkeit z.B. wird in Studien um meist weniger als 50% verglichen mit dem Ausgangswert gesenkt.
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Leitlinienempfehlung für die Erstlinientherapie der Narkolepsie bei Erwachsenen und bei Kindern nach den Hauptsymptomen exzessive Tagesschläfrigkeit und Kataplexie:
Die Basis-Empfehlung für eine Erstlinientherapie bei Erwachsenen betrifft die Wirkstoffe die der Monotherapie zugeordnet sind, u.a. Pitolisant, Natriumoxybat, Modafinil und Solriamfetol, je nach Narkolepsie-Klassifizierung NT1 oder NT2. Sie haben in der Indikation Narkolepsie zumindest für eines der 2 Hauptsymptome eine gut belegte Wirkung gezeigt. Bei Kindern sind in den Leitlinien-Empfehlungen auch off-label Therapien eingeschlossen.
Da die Symptomlast durch eine Monotherapie nicht immer ausreichend gemindert wird, wird häufig eine Kombinationstherapie durchgeführt. Es sind mehrere Kombinationstherapien möglich, denen aber kaum eine Studienevidenz zugrunde liegt, so dass auf patientenindividueller Basis nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung zu entscheiden ist.
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Erwachsene
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Kinder/Jugendliche
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Tages-
schläfrigkeit
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Tages-
schläfrigkeit
+ Kataplexie
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Tages-
schläfrigkeit
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Tages-
schläfrigkeit
+ Kataplexie
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Monotherapie
- Pitolisant
- Solriamfetola)
- Modafinil
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Monotherapie
- Pitolisant
- Natrium-
oxybatb)
Zweierkombinationen von
- Pitolisant oder
- Solriamfetol
oder
- Modafinil oder
- Methyl-
phenidat oder
- Amphetamin-
derivate
mit
Venlafaxin oder
Clomipraminc) oder
Natriumoxybatb)
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Monotherapie
- Pitolisantd)e) 3
- Natrium-
oxybatb)
- Modafinil
- Methyl-
phenidat
- Amphetamin-
derivate
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Monotherapie
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Pitolisantf) 3
- Natrium-
oxybatb)
Zweierkombinationen von
mit
Modafinil oder
Methylphenidat
Dreierkombinationen: Sind bei der
Therapie von
Kindern auch
empfohlen (Details
siehe Leitlinie)1
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* Tabelle vereinfacht und modifiziert nach Europäischer Leitlinie 20211
Ergänzungen:
a) Empfehlung aus Studien, wenig klinische Erfahrung
b) Schlafapnoe erwägen vor Anwendung von Natriumoxybat
c) Tri- oder tetrazyklische Antidepressiva wie Clomipramin können die Wirksamkeit von Pitolisant beeinträchtigen, da sie eine Histamin-H1-rezeptorantagonistische Wirkung aufweisen.
d) vorläufig, weitere Ergebnisse aus klinischen Studien und klinischer Erfahrung erforderlich
e) Pitolisant (Wakix®) hat im März 2023 Zulassungserweiterung zur Behandlung der Narkolepsie mit und ohne Kataplexie bei Jugendlichen und Kindern ab einem Alter von 6 Jahren erhalten
f) Pitolisant (Wakix®) ist zum Zeitpunkt der Erstellung der Europäischen Leitlinie 2021 nicht in der Monotherapie zur Behandlung der Narkolepsie vom Typ 1 (Narkolepsie mit Kataplexie) bei Jugendlichen und Kindern eingruppiert. Es hat im März 2023 aber die entsprechende Zulassung erhalten.
Besondere Vorsicht bei Kindern:
Erste Symptome der Narkolepsie treten bei mehr als 50% der Patienten im Alter unter 18 Jahren auf, auch bereits vorpubertär. Die Symptome unterscheiden sich z.T. von dem Bild beim Erwachsenen und können sich mit der Zeit verändern. Auch die Behandlungsstrategien sind unterschiedlich gegenüber denen für erwachsene Patienten und müssen Entwicklungsaspekte mitberücksichtigen. Besondere Vorsicht ist geboten hinsichtlich Sicherheit und Nutzen-Risiko-Bewertung jeder pharmakologischen Intervention.1,2
- Bassetti CLA et al. European guideline and expert statements on the management of narcolepsy in adults and children. EJoN, Vol. 28, Issue 9, September 2021, 2815-2830.
- Bassetti CLA et al. Narcolepsy-clinical spectrum, aetiopathophysiology, diagnosis and treatment. Nat Rev Neurol 2019; 15: 519-39
- Fachinformation Wakix® (Bioprojet Pharma), Stand März 2023