Kann Alkohol Narkolepsie fördern?

Bereits mäßiger Alkoholkonsum kann bei gesunden Menschen zu einer schlechteren Schlafqualität während der Nacht führen und auch Auswirkungen auf den folgenden Tag haben. Welche Auswirkungen hat dann Alkohol bei Menschen mit Narkolepsie?

Alkoholinduzierte Narkolepsie – Fallberichte

Alkohol wurde bisher nicht als ein eindeutiger Auslöser der Narkolepsie identifiziert. Jedoch gibt es vereinzelt Fallberichte, die chronischen Alkoholmissbrauch und Narkolepsie in Zusammenhang bringen. Diesen Fällen war gemeinsam, dass die vorgestellten Patienten*innen über mehrere Jahre hinweg regelmäßig Alkohol in nicht unerheblichen Mengen bis hin zum Vollrausch tranken. Als sie sich aufgrund ihrer Schlafproblematiken vorstellten, litten sie unter unkontrollierbaren Schlafattacken während des Tages, teilweise mit Kataplexien und gestörtem Nachtschlaf und weiteren Symptomen wie Alpträume. Es wurden bei den klinischen Untersuchungen und durch die Laborwerte keine Hinweise auf die Ursache der Schlafstörungen entdeckt. Da die Patienten*innen mehrere der Kardinalsymptome der Narkolepsie aufwiesen, wurde eine medikamentöse Narkolepsie-Therapie eingeleitet. Diese führte in allen drei beschriebenen Fällen zu einer deutlichen Besserung der Symptome.1,2 Da chronischer schwerer Alkoholkonsum zu weitreichenden Schäden am zentralen Nervensystem führen kann und das retikuläre aktivierende System hemmt, könnte so die Narkolepsie ausgelöst worden sein. Jedoch wäre es auch möglich, dass Alkoholmissbrauch und Narkolepsie ursprünglich unabhängig voneinander aufgetreten sind.2

Was bedeuten solche Fallberichte für Menschen mit Narkolepsie? Dafür betrachten wir das bisher Bekannte zur Narkolepsie und die generellen Auswirkungen von Alkohol auf den nächtlichen Schlaf.

Narkolepsie: gestörte Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus3,4

Narkolepsie zählt zu den seltenen neurologischen Erkrankungen, zu der noch viele Fragen offen sind. Sie ist durch eine Instabilität des Schlaf-Wach-Rhythmus gekennzeichnet und man unterscheidet zwischen zwei Formen. Narkolepsie-Typ 1 (NT1) ist gekennzeichnet durch exzessive Tagesschläfrigkeit mit plötzlichen, unwiderstehlichen Schlafattacken kombiniert mit Kataplexie-Attacken. Patienten*innen mit NT1 weisen in den meisten Fällen ein Fehlen oder einen Mangel des Botenstoffs Hypocretin (auch als Orexin bekannt) im Liquor auf. Patienten*innen mit Narkolepsie-Typ 2 (NT2) haben keine Kataplexie-Attacken sowie normale Hypocretin-Spiegel.
Die genaue Pathophysiologie der Narkolepsie ist bisher noch unbekannt. Als Ursache wird ein Zusammenspiel von genetischer Prädisposition und verschiedenen Umweltfaktoren diskutiert. Als Umweltfaktoren werden Infektionen oder traumatische Hirnschädigungen wie nach einem Schlaganfall angeführt. Der selektive Verlust von Hypocretin-produzierenden Neuronen im Hypothalamus, wahrscheinlich hervorgerufen durch Entzündungs- und Autoimmunreaktionen, nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.
Die Hypocretin-Neurone kontrollieren das Schlaf-Wach-Verhalten und stabilisieren es über den Tag. Sie halten wachheitsfördernde Neurotransmitter wie Histamin, Serotonin, Dopamin, Acetylcholin und Norepinephrin sowie schlaffördernde Neurotransmitter (GABA) über Neuronennetzwerke in allen Hirnregionen in der richtigen Balance. Eine Schädigung der Hypocretin-Neurone und der Mangel an Hypocretin sorgen für eine Instabilität des Schlaf-Wachrhythmus. Der Hypocretin-Mangel hat auch Auswirkungen auf das motorische System, da er im Hirnstamm die motorische Aktivität hemmt und damit Kataplexien hervorrufen kann.

Alkohol stört die Schlafqualität

Alkohol kurz vor dem Schlafengehen wirkt zunächst sedativ. Er kann das Einschlafen beschleunigen und in der ersten Nachthälfte sogar den Schlaf stabilisieren. Jedoch ist der Schlaf in der zweiten Hälfte der Nacht gestört, es können vermehrt Wachphasen auftreten und die gesamte Schlafdauer verkürzt sein.5
Alkohol beeinflusst viele Neurotransmittersysteme, wozu opioiderge, serotonerge, gabaerge, glutamaterge und dopamineerge gehören. Unter anderem verstärkt Alkohol die Hemmung an GABA-Synapsen und reduziert die Erregung an Glutamatsynapsen.6
Zudem hat Alkohol einen Einfluss auf die Genexpression von Hypocretin. So konnte in einem Tierversuch mit alkoholabhängigen Ratten nachgewiesen werden, dass die Hypocretin-Genexpression im Hypothalamus während des Entzugs deutlich reduziert ist. Dieser Mechanismus könnte die übermäßige Tagesschläfrigkeit bei alkoholabhängigen Patienten*innen auf Entzug erklären.7

Kein Alkohol für Narkoleptiker*innen?

Die Versuchung, Alkohol am Abend als Einschlafhilfe zu nutzen, kann durch seine anfängliche sedative Wirkung groß sein5 – auch für Narkoleptiker*innen mit Einschlafproblemen. Jedoch stört Alkohol die Schlafqualität und -dauer spätestens ab der zweiten Hälfte der Nacht und kann so zu einer vermehrten Tagesschläfrigkeit führen. Zudem besteht das Risiko einer Abwärtsspirale, bei der die Schlaflosigkeit durch Alkohol selbst behandelt wird. Die darauffolgende Tagesmüdigkeit wird wiederum mit Koffein therapiert, wodurch die Schlaflosigkeit weiter verschärft wird, was wiederum zu einem vermehrten Alkoholkonsum führen kann.5
Durch die vielfältigen Wirkansätze von Alkohol können die Symptome der Narkolepsie verschlimmert werden.
Zusätzlich darf die Interaktion von Alkohol mit den Narkolepsie-Medikamenten nicht außer Acht gelassen werden! So wurde von Todesfällen in Zusammenhang von Alkohol mit Natriumoxybat, dem Wirkstoff u.a. von Xyrem®, berichtet. Natriumoxybat wirkt wie der inhibitorische Neurotransmitter GABA dämpfend auf das zentrale Nervensystem, mit der Gefahr einer Atemdepression. Die FDA spricht daher von einer absoluten Kontraindikation.8 Auch während der Behandlung mit Stimulantien wie Methylphenidat, dem Wirkstoff u.a. von Ritalin®, sollte kein Alkohol konsumiert werden, da er die zentralnervösen Nebenwirkungen dieser psychoaktiven Substanz verstärken kann.9 Für den Wirkstoff Pitolisant gibt es in der Fachinformation keinen vergleichbaren Hinweis auf einen Verzicht von Alkohol während der Therapie mit diesem Histamin-H3-Rezeptor-Antagonist.10

Quellen

  1. Tripathi R, Javed A. Alcohol and narcolepsy: a case Report. J Sleep Med 2021;16(2):59–60.
  2. Wang X. Narcolepsy induced by chronic heavy alcohol consumption: a case report. Shanghai Archives of Psychiatry, 2012, Vol.24, No.5.
  3. Bassetti CLA et al. Narcolepsy-clinical spectrum, aetiopathophysiology, diagnosis and treatment. Nat Rev Neurol 2019;15:519-539.
  4. Chavda V et al. Narcolepsy – a neuropathological obscure sleep disorder: A narrative review of current literature. Brain Sci 2022;12:1473.
  5. Colrain I et al. Alcohol and the sleeping brain. Handb Clin Neurol. 2014;125:415–431.
  6. Deutschenbaur L, Walter M. Neurobiologische Effekte von Alkohol. Psychiatrie & Neurologie 1/2014.
  7. Sharma R et al. Orexin gene expression is downregulated in alcohol dependent rats during acute alcohol withdrawal. Neurosci Lett. 2020;739:135347.
  8. Xyrem: Tödlich in Kombination mit Alkohol oder Schlafmitteln. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/52797/Xyrem-Toedlich-in-Kombination-mit-Alkohol-oder-Schlafmitteln letzter Zugriff: 11.04.2023.
  9. Fachinformation Methylphenidat / Ritalin® Stand Dezember 2022.
  10. Fachinformation Wakix® (Bioprojet Pharma), Stand März 2023.