Neuer Behandlungsansatz mit Inkretinmimetika?
Die Prävalenz von Adipositas und OSA ist hoch.<sup>1,2</sup> Inkretinmimetika wie die Agonisten von GLP-1 bzw. GLP-1 und GIP können bei der Gewichtsabnahme eingesetzt werden. Eine neue Studie weist darauf hin, dass auch der Einsatz bei Menschen mit Adipositas und OSA zur Verbesserung des AHI führen kann.<sup>3</sup>
Der Einsatz von Glucagon-like Peptid-1 (GLP-1)-Analoga ist zur Behandlung von Typ-2-Diabetes schon seit einigen Jahren im Einsatz. Durch die Zulassung zur Gewichtsreduktion bei Menschen mit Übergewicht und Adipositas (Übergewicht: Body-Mass-Index (BMI):≥27 kg/m2 und Komorbiditäten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe, Herzkreislauferkrankungen und Prädiabetes bzw. Typ-2-Diabetes;bei Adipositas: BMI ≥ 30 kg/m2) wurde die Substanzklasse in der Gesellschaft als „Abnehmspritze“ bekannt.4,5,6 Neben dem Wirkstoffen Liraglutid und Semaglutid ist nun auch seit Ende 2023 Tirzepatid zugelassen.4,5,6 Der Einsatz bei Adipositas/Übergewicht wird aktuell nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.4

Effekte der Darmhormone im Energiestoffwechsel: GLP-1 (rot), Glukagon (lila) und GIP (türkis) können die Gewichtsabnahme fördern. Abbildung modifiziert nach 4
Hohe Prävalenz und Folgeerkrankungen
In Deutschland sind etwa zwei Drittel (67 %) der Männer und die Hälfte (53 %) der Frauen übergewichtig (ab BMI von ≥ 25 kg/m²).2 Ein Viertel der Erwachsenen gilt als stark übergewichtig (adipös; BMI ≥ 30 kg/m²), wobei 23 % der Männer und 24 % der Frauen betroffen sind. Die Häufigkeit von Adipositas steigt mit dem Alter.2 Die Prävalenz von OSA liegt nach Daten der SHIP-Studie bei Männern bei 30% und bei Frauen bei 13%.1
Adipositas führt zu verschiedenen pathophysiologischen Prozessen, die die Atmung beeinträchtigen.1 Mit der zunehmenden Prävalenz von Adipositas nehmen auch adipositas-bedingte schlafbezogene Atmungsstörungen, insbesondere die obstruktive Schlafapnoe (OSA) und das Obesitas-Hypoventilationssyndrom (OHS), zu.1 Die Beziehung zwischen Adipositas und diesen Störungen ist komplex und oft bidirektional: Übergewicht kann OSA verursachen, während OSA auch das Risiko von Insulinresistenz und abdomineller Fetteinlagerung erhöhen und Adipositas zur Folge haben kann.1
„Abnehmspritze“ gegen OSA?
In einer aktuellen Studie zeigte sich, dass der Einsatz von Tirzepatid Vorteile in der Behandlung von OSA haben kann: In zwei randomisierten, placebokontrollierten Phase-III-Studien mit insgesamt 469 Erwachsenen mit mittelgradiger bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe (OSA) und Adipositas zeigte sich ein Mehrwert.3,7 Die erste Studie umfasste 235 Teilnehmende, die bereits mit positivem Atemwegsdruck (PAP) behandelt wurden, während die zweite Studie 234 PAP-naive Probanden einschloss.3,7 In beiden Studien erhielten die Teilnehmenden über einen Zeitraum von 52 Wochen im Verhältnis 1:1 entweder die maximal tolerierte Dosis Tirzepatid oder ein Placebo.4 Beide Gruppen waren bis zu 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv und hielten eine Diät mit einem täglichen Kaloriendefizit von 500 kcal ein.3,7 Der primäre Endpunkt war die Verbesserung des Apnoe-Hypopnoe-Indexes (AHI).3,7 Zu den sekundären Endpunkten gehörten die prozentuale Veränderung des AHI und des Körpergewichts, die Anzahl der Hypoxie-Episoden, subjektive Schlafstörungen sowie CRP-Werte und Blutdruck.3,7
Unter PAP-Therapie betrug der durchschnittliche AHI zu Beginn 49,5.3,7 Nach 52 Wochen fiel der AHI unter Tirzepatid im Durchschnitt um 29,3 (95%-Konfidenzintervall: 25,4–33,2), während er unter Placebo nur um 5,5 (1,2–9,9) sank.3,7 Dies führte zu einem signifikanten Therapieeffekt mit einer Reduktion von 23,8 (17,9–29,6) Ereignissen pro Stunde (p < 0,001).3,7 In der Studie ohne PAP-Therapie lag der AHI zu Beginn bei 51,5 und reduzierte sich nach 52 Wochen unter Tirzepatid im Durchschnitt um 25,3 (21,2–29,3), während die Placebo-Gruppe nur einen Rückgang um 5,3 (1,1–9,4) erzielte.3,7 In dieser Studie betrug der Therapieunterschied somit 20 (14,2–25,8) Ereignisse pro Stunde (p < 0,001).3,7
Bei allen sekundären Endpunkten wurden signifikante Verbesserungen unter Tirzepatid festgestellt.3,7 Die häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren gastrointestinaler Natur.3,7 Tirzepatid reduzierte die Zahl der Atemaussetzer um durchschnittlich 48% bis 56% im Vergleich zur Placebogruppe.3,7
Blick auf sekundäre Endpunkte
Die aktuellen Ergebnisse der ersten Zulassungsstudie zur Behandlung von OSA legen nahe, dass der Einsatz von GLP-1-Analoga bei Patienten*innen mit OSA und Adipositas vorteilhaft sein kann.3,7 Doch ein besonderes Augenmerk haben die Experten*innen auf die erzielte Reduktion des systolischen Blutdrucks, die wesentlich größer waren als die Effekte, die bei einer alleinigen PAP-Therapie beobachtet wurden.7 Weitere Studien werden hierzu als sinnvoll angesehen.7
Keine Zulassung für OSA-Patienten*innen
Die Beantragung auf Zulassungserweiterung zur Anwendung von Tirzepatid bei Menschen mit Adipositas und OSA wurde von der europäischen Zulassungsbehörde (EMA) aktuell abgelehnt.8 Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA stellte fest, dass der Einsatz von Tirzepatid für übergewichtige Personen mit obstruktiver Schlafapnoe bereits durch die vorhandene Indikation zum Gewichtsmanagement ausreichend abgedeckt ist.8 Eine separate Indikation zur Behandlung moderater bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe bei Erwachsenen mit Adipositas, in Verbindung mit Veränderungen des Lebensstils, wird als nicht erforderlich erachtet.8
Inkretinmimetika:9
Das Hormon GLP-1 wird im Dünndarm gebildet und steigert postprandial die Insulinsekretion.9 Gleichzeitig hemmt es die Glukagonfreisetzung, was die Magenentleerung verzögert und einen appetithemmenden Effekt hat.9 Infolgedessen werden sowohl postprandiale Blutzuckerspitzen als auch der Nüchternblutzucker reduziert.9 Die Wirkung reduziert sich mit sinkendem Blutzuckerspiegel, so ist das Risiko einer Hypoglykämie geringer.9 Allerdings hat GLP-1 eine kurze Halbwertszeit von nur ein bis zwei Minuten, was in frühen Versuchen die Verabreichung als intravenöse Dauerinfusion erforderlich machte.9 Mit der Weiterentwicklung von GLP-1-Analoga konnte die Halbwertszeit verlängert werden, und so werden Semaglutid (aber auch Tirzepatid) nur 1x wöchentlich angewendet.9
Das „Twinkretin“ Tirzepatid ist ein dualer Agonist, der neben dem GLP-Rezeptor auch auf den Glukose-abhängigen insulinotropen Peptid (GIP)-Rezeptor wirkt.9 Die Aktivierung von GIP fördert die Insulinsekretion nach der Nahrungsaufnahme und die Lipidverwertung.9
Aktuell sind weitere Präparate dieser Substanzklasse in der Pipeline z. B. mit zusätzlicher Wirkung auf die Glukagonrezptoren oder längerer Wirkungsdauer. 9,10
- Schellenberg M. Atemwegs- und Lungenerkrankungen 2024;50:488-496
- Mensink G.B.M. et al. Bundesgesundheitsbl 2013 56:786–794
- Malhotra A., Grunstein RR., Fietze I. et al. N Engl J Med. 2024;391:1193–205
- Eckert N. Dtsch Arztebl 2023; 120(33-34): A-1374 / B-1184
-
Adipositas: Liraglutid zum Abnehmen zugelassen. Pharmazeutische-zeitung.de (letzter Zugriff 18.12.2024)
-
Tirzepatid - Anwendung, Wirkung, Nebenwirkungen | Gelbe Liste (letzter Zugriff 18.12.2024)
- P. Dovjak, H. J. Heppner MMW Fortschr Med. 2024; 166 (20)
-
Einsatz von Tirzepatid bei Schlafapnoe abgedeckt. Pharmazeutische-zeitung.de (abgerufen 19.12.2024)
- Scholl J. Inkretin-Mimetika: Eine praxisrelevante Übersicht. Hessisches Ärzteblatt November 2024
-
Bispezifisches Molekül erzielt beachtlichen Gewichtsverlust. Pharmazeutische-zeitung.de (letzter Zugriff 19.12.2024)