Nicht schlechter, nur anders

In Bezug auf den Schlaf treten die größten Veränderungen im Alter von 60-70 Jahren auf. Die Schlafphasen verteilen sich auf die 24 Stunden. Bei der Beurteilung des Schlafs müssen unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden.

Bei Erwachsenen variiert der Schlafbedarf im Alter eher moderat, wobei die größten Veränderungen zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr auftreten. Es gilt jedoch nicht als generelle Regel, dass ältere Menschen weniger Schlaf benötigen als junge Menschen. Stattdessen verändert sich die Verteilung der Schlafphasen innerhalb von 24 Stunden.1

So schlafen ältere Menschen auch tagsüber zwischen 30 und 60 Minuten. Trotzdem ist der Schlafbedarf bei älteren Menschen nicht erhöht und liegt bei etwa 7 bis 8 Stunden. Eine Untersuchung von 164 geriatrischen Klinikpatienten ergab, dass die Mehrheit der Befragten (im Durchschnitt 80 Jahre alt) einen Nachtschlaf von 8 Stunden benötigte, um sich tagsüber fit zu fühlen. Um im höheren Lebensalter normalen Schlaf von Schlafstörungen unterscheiden zu können, ist es wichtig, die physiologischen Veränderungen des Schlafs mit zunehmendem Alter zu kennen.2

Häufigeres Erwachen

Meta- und Langzeitanalysen zeigen übereinstimmend, dass die Schlafeffizienz von mittlerem Alter bis über 70 Jahren leicht abnimmt, und zwar unabhängig vom Geschlecht, von 85% auf durchschnittlich 80% . Trotzdem liegt die Schlafeffizienz bei gesunden älteren Menschen immer noch im Bereich des erholsamen Schlafs. Sie wachen während des Schlafs häufiger auf als jüngere Menschen, können jedoch in der Regel problemlos wieder einschlafen. Normalerweise werden zwei bis vier Aufwachereignisse pro Nacht als unbedenklich angesehen, wobei die individuelle Tagesbefindlichkeit ausschlaggebend ist.1

Was sind die Kriterien für einen normalen Schlaf bei Älteren?2

  • Die Gesamtschlafzeit sollte 6-8 Stunden betragen.
  • Die Einschlaflatenz sollte weniger als 30 Minuten betragen, diese liegt üblicherweise bei 15-20 Minuten.
  • Die Wachzeit im Bett darf im höheren Alter (70 Jahre oder älter) bis zu 2 Stunden betragen.
  • Zwei bis vier Aufwachereignisse pro Nacht gelten als normal.
  • Entscheidend ist immer die Tagesbefindlichkeit. Müdigkeit und ungewolltes Einschlafen am Tag weisen auf eine Störung hin.
  • Bei einem Mittagsschlaf, der länger als 30 Minuten ist, können schon tiefere Schlafstadien auftreten – das Gehirn kann dann bis zu eine Stunde brauchen, um wieder voll leistungsfähig zu sein.

Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung von Schlafqualität ist das subjektive Empfinden eines Menschen, das die Wahrnehmung von Schlaf maßgeblich beeinflusst. Ob nun zum Beispiel eine 70-jährige Rentnerin, die altersbedingt eine verringerte Schlafeffizienz aufweist, trotzdem Medikamente benötigt, hängt von ihrem individuellen Leidensdruck ab. Im höheren Lebensalter stehen gesellschaftliche Normen für das Schlafverhalten (7-8 Stunden ununterbrochenes Schlafen in der Nacht) und das altersbedingt natürliche Schlafverhalten (längere Einschlafzeit, unterbrochener Schlaf) häufiger im Widerspruch zueinander als noch während der Berufszeit.1

Zunächst müssen normales und krankheitsbedingtes Schlafverhalten bei älteren Menschen unterschieden werden. Für die Beurteilung sollten altersbedingte Grunderkrankungen wie z.B. Demenz, Herzinsuffizienz oder chronische Schmerzen mitbetrachtet werden. Beispielsweise kann eine Herzmedikation wie z. B. Betablocker dazu führen, dass die natürliche Weckreaktion, die u. a. bei zu geringer Sauerstoffsättigung auftritt, nicht mit einer ausgeprägten Herzfrequenzsteigerung einhergehen. Im EEG zeigen sich aber auch bei älteren gesunden Menschen Auffälligkeiten, die auf eine Degeneration der Myelinschicht der Nervenzellen zurückzuführen sein könnte. 1

EEG zeigt veränderte Deltawellen

Für die Beurteilung des Elektroenzephalogramms (EEG) beim älteren Menschen ist es von entscheidender Bedeutung zu beachten, dass die Amplituden aller Wellen im Alpha- bis Deltabereich mit zunehmendem Alter abnehmen. Besonders stark fällt dies bei den normalerweise hochamplitudigen Deltawellen auf, die bei gesunden älteren Menschen teilweise deutlich unter 75µV absinken können. Bei Männern ist dieser Rückgang der Amplituden deutlicher als bei Frauen. Im Routineschlaflabor oder von automatischen Auswertesystemen wird Delta- bzw. Tiefschlaf häufig unterschätzt und fälschlicherweise als Non-REM Stadium 2 ausgegeben. Es ist daher von großer Bedeutung, bei der Bewertung des Schlafs von älteren Menschen die altersbedingten Veränderungen des Gehirns zu berücksichtigen. Je nach Geschlecht und Alter kann die Schlafstadienverteilung variieren (siehe Tabelle). Allerdings ist die Verteilung der Schlafstadien zwischen den Geschlechtern umstritten, insbesondere aufgrund der Schwierigkeit, Delta-Schlaf bei älteren Männern klar vom Non-REM Stadium 2 abzugrenzen.1

 

Non-REM 1
 

Non-REM 2
 

Delta (Tief)-Schlaf
 

REM-Schlaf
 

Alter (Jahre)

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Männer

Frauen

37-54

5,8

4,6

61,4

58,5

11,2

14,2

19,5

20,9

55-60

6.3

5,0

64,5

56,2

8,2

17,0

19,1

20,2

61-70

7,1

5,0

65,2

57,3

6,7

16,7

18,4

19,3

>70

7,6

4,9

66,5

57,1

5,5

17,2

17,8

18,8

Tabelle 1: Schlafstadienverteilung (Durchschnitt ohne Standardabweichung in Prozent der totalen Schlafzeit) bei 2685 weitgehend gesunden Personen, ohne diagnostizierte Schlafstörung in der Polysomnographie (PSG) und ohne Schmerzsymptomatik, in den verschiedenen Altersgruppen.1,3 (modifiziert nach 1)

In beiden Geschlechtern ist eine minimale Abnahme des prozentualen Anteils des REM-Schlafs zu beobachten. Mit zunehmendem Alter nimmt darüber hinaus die Frequenz der Augenbewegungen ab, was es sowohl bei manuellen als auch automatisierten Auswertungen erschwert, den REM-Schlaf leicht zu identifizieren.1

Innere Uhr verliert den Takt

Der Grund für Schlafstörungen bei älteren Menschen liegt wahrscheinlich in einer reduzierten Ausschüttung von zirkadian wirksamen Hormonen und Neurotransmittern wie Melatonin, Cortisol, Östrogen, Dopamin und Orexin. Insbesondere eine reduzierte Freisetzung von Melatonin bei Dunkelheit und Phasenverschiebungen hin zu einer erspäteten Einschlafphase, könnte bei älteren Menschen verstärkt auftreten, insbesondere bei Grauem Star.1

Zudem wird es bei Unregelmäßigkeiten in der Schlafroutine immer schwieriger Schlaf nachzuholen. Dieses Phänomen gilt auch für andere Säugetiere. Daher ist Schichtarbeit für Personen über 50 Jahren noch belastender als für jüngere Menschen. Auch die Überwindung eines „Jetlags“ – sprich die Wiederherstellung des normalen zirkadianen Rhythmus nach Interkontinentalflugreisen gestaltet sich mit zunehmendem Alter immer schwieriger.1

Es gibt einige durch das Älterwerden bedingte physiologische Veränderungen des Schlafs bei Menschen ab einem Alter von 55 Jahren – der Stellenwert des Schlafs für die Lebensqualität und Gesundheit bleibt aber genauso wichtig.

Das Fazit unserer Reihe lautet: Egal in welcher Lebensphase, ein „Schlaf gut“ ist zeitlos.

Quellen

  1. Netzer N. et al „Schlaf beim alten Menschen“ Somnologie 2018; 22:240–244
  2. Frohnhofen H „Schlaf und Schlafstörung im höheren Lebensalter“ CME-Verlag, 2023 https://www.cme-kurs.de/kurse/schlaf-und-schlafstoerungen-im-hoeheren-lebensalter/ (abgerufen am 16.08.2023)
  3. Redline S et al “The effects of age, sex, ethnicity and sleep disordered breathing on sleep architecture” Arch Intern Med 2004; 164:406–418