rEDS bei OSA – Wie den Therapiealgorithmus praxisnah umsetzen?
Es bedarf bei residualer exzessiver Tagesschläfrigkeit (rEDS) verschiedene Diagnoseverfahren und einem interdisziplinären Therapiemanagement. Hilfestellung kann dabei ein Therapiealgorithmus geben. Der Erstautor im Interview.
Über 10 % der Patienten*innen mit OSA sind trotz optimierter CPAP-Therapie von residualer exzessiver Tagesschläfrigkeit (rEDS) betroffen.1 Prof. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité Berlin, bedarf es bei rEDS verschiedener Diagnoseverfahren und einem interdisziplinären Therapiemanagement. Als Hilfestellung hat er einen Therapiealgorithmus (Fietze et al., 2021) veröffentlicht.1
Herr Prof. Fietze, Sie haben einen Algorithmus entwickelt, der die Nachbetreuung von Patienten*innen mit einer obstruktiven Schlafapnoe (OSA) nach Versorgung mit einer Positivdrucktherapie (PAP) bei rEDS erleichtert. An welche Facharztgruppen richtet sich der von Ihnen publizierte Algorithmus?
Prof. Fietze: Der Algorithmus richtet sich an Schlafmediziner und Hausärzte. Letztere betreuen die Patienten*innen weiter, die wir aus dem Schlaflabor mit einer Therapie entlassen. Bei ca. 20 % der Schlafapnoe-Betroffenen, die ins Schlaflabor kommen, geht die rEDS nicht weg. Wenn der Hausarzt in der Nachkontrolle fragt „Wie schlafen Sie?“ und „Sind Sie am Tage erholt, fit oder schläfrig?“, kann er weiter behandeln oder an einen Schlafmediziner überweisen.
Wir erfassen die rEDS vor der Therapie mit dem Epworth- (ESS) Fragebogen. Wenn der ESS-Wert größer 10 ist, dann ist der Erkrankte pathologisch schläfrig und darf z. B. kein Auto mehr fahren. Unter der im Schlafzentrum eingeleiteten Therapie müsste mit einem festen klinischen Algorithmus nachkontrolliert werden. Das passiert in der klinischen Praxis leider nur noch selten.
Wir, die Autoren von Fietze et al., 2021 möchten mit dem Algorithmus etwas an die Hand geben, um die Betreuung und Versorgung von behandelten Schlafapnoe-Patienten*innen, die unter einer residualen Schläfrigkeit leiden, zu verbessern. Wir selbst haben in den letzten Jahren vielfach versäumt, Patienten*innen engmaschig zu betreuen und nach Restschläfrigkeit zu fragen.2
Wie setzen Sie den Algorithmus um? Angenommen ein Fernfahrer mit OSA unter CPAP-Therapie konsultiert Sie wegen rEDS. Er berichtet, dass er Angst hat in monotonen Situationen im Straßenverkehr einzuschlafen. Mögliche therapiebedingte Ursachen, wie eine zu geringe Nutzungszeit der CPAP (mindestens > 4h pro Nacht und > 70 % der Nächte) oder ein schlechter Maskensitz, etc. wurden bereits ausgeschlossen. Wie gehen Sie vor?
Prof. Fietze: Laut Algorithmus schließt der Hausarzt*Hausärztin oder Allgemeinmediziner*innen verschiedene Ursachen für die Tagesmüdigkeit aus, wie z. B. Medikamenteneinnahme, Schilddrüsenerkrankungen, psychische Erkrankungen, usw. Wenn das abgeklärt ist, können Schlafmediziner Patienten*innen auch ohne Schlaflabor direkt medikamentös behandlen. Das sollte aber nur demjenigen Mediziner vorbehalten sein, der seinen*r Patienten*in gut kennt.
Bestimmte Berufsgruppen, wie Berufskraftfahrer*innen oder Piloten*innen müssen für einen medikamentösen Therapiebeginn ins Schlaflabor. Berufsfahrer*innen müssen dort vor und unter dem wachmachenden Medikament den Tagesmüdigkeitstest absolvieren. Schlafen sie unter der Therapie tagsüber nicht mehr ein, dann sind sie effektiv behandelt und dürfen auch wieder ohne Angst ein Fahrzeug führen. Vorausgesetzt die Therapie wird regelmäßig angewendet. Darüber klären wir ausführlich auf.2
Bei dem Fernfahrer und anderen OSA-Betroffenen mit rEDS unter der CPAP-Therapie ist gemäß dem Algorithmus eine fachübergreifende Zusammenarbeit erforderlich. Wie gestalten Sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit − können Sie Ihren Kollegen*innen diesbezüglich Tipps geben?
Prof. Fietze: Leider nur eingeschränkt. Wir haben lange Wartezeiten in den Schlaflaboren. Uns fehlen Schlafmediziner*innen bezogen auf die Masse der Patienten*innen, die von Hausarztpraxen überwiesen werden. Status quo ist: Das Schlaflabor bleibt bestimmten Schlaferkrankungen vorbehalten, aber auch der Diagnostik und Behandlung der Tagesschläfrigkeit. Bitte suchen Sie als niedergelassene*r Ärztin*Arzt den Kontakt zu einem Schlaflabor, welches auch die Tagesmüdigkeitstests durchführt.
rEDS ist derzeit noch klar unterdiagnostiziert. Aber auch die Schlafapnoe an sich. Ich gehe davon aus, dass in einer kardiologischen Praxis jede 2. Person den Verdacht auf eine Schlafapnoe hat. Soll der Kardiologe bei nicht-einstellbarem Bluthochdruck oder nächtlichen Herzrhythmusstörungen auch eine Schlafapnoe diagnostizieren? Ja, doch meist fehlt dafür die Zeit und die Kapazitäten.
Ein einfacher Anfang wäre, wenn man in den Arztpraxen Standardfragen bezüglich der Schlafanamnese einführt (z. B. „Sind Sie schläfrig oder müde? Schlafen Sie gut? Schnarchen Sie?”), um einen Eindruck über die Schlafqualität und eventuelle Schlafstörungen zu bekommen.2
Gibt es im Praxisalltag Situationen, in denen Sie vom Algorithmus abweichen und einen verkürzten Weg gehen?
Prof. Fietze: Nicht jede*r Patient*in mit Schlafapnoe, der ein Stimulans braucht, muss ins Schlaflabor. Der Algorithmus soll Kollegen*innen und Schlafmediziner*innen unterstützen, wenn sie ein Stimulans oder ein Schlafmittel verschreiben müssen und sich unsicher fühlen. Ein*e Schlafmediziner*in kann durchaus feststellen, dass die Schlafapnoe-Therapie optimiert ist, im Schlaflabor im Vorfeld andere Schlafstörungen ausgeschlossen wurden und die*der Betroffene schon vor der Therapie schläfrig war. Ist er*sie nach erfolgter Schlafapnoe-Therapie immer noch schläfrig, dann kann mit der persönlichen Einschätzung ders*r Experten*in ein*e Patient*in direkt ohne Schlaflabor auf eine medikamentöse Therapie der Schläfrigkeit eingestellt werden.
Mit Telemedizin und ambulanten Settings haben wir zudem Tools an der Hand, die hier helfen, aber auch bei der Minderung des Patientenstroms ins Schlaflabor womit Platz für diejenigen geschaffen wird, die ihn brauchen, wie z. B. Berufskraftfahrer*innen.2
Was möchten Sie Ihren Kollegen*innen mitgeben?
Prof. Fietze: Tagesmüdigkeit ist ein weitverbreitetes Symptom und kann vielfältige Ursachen haben, Tagesschläfrigkeit, das unfreiwillige Einschlafen am Tage, meist in monotonen Situationen gehört immer von einem*r Schlafmediziner*in abgeklärt und möglichst behandelt. Eine ausgeprägte Schläfrigkeit ist weder mit Lebensqualität, noch mit dem Job oder den familiären bzw. sozialen Herausforderungen zu vereinbaren. Und sie ist gefährlich für die Betroffenen und das Umfeld. Daher – bitte fragen Sie Ihre Patienten*innen in der klinischen Routine bitte auch: „Schlafen Sie nachts gut?“ und „Wie erholsam ist Ihr Schlaf? Sind Sie am Tage schläfrig?“2
Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Fietze.
Professor Ingo Fietze ist Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité Berlin und Facharzt für Innere Medizin, Pathophysiologie, Pulmologe, Somnologe. Sein Tätigkeitsschwerpunkt ist die Behandlung aller Formen von Schlafstörungen.
Hier können Sie die Publikation herunterladen.
- Fietze I et al. Diagnostik und Therapie der residualen Tagesschläfrigkeit bei Patienten mit therapierter obstruktiver Schlafapnoe. Somnologie 2021; 25: 99−109; https://doi.org/10.1007/s11818-021-00305-9
- Interview mit Prof. Ingo Fietze, Leiter des interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité Berlin, vom 03.03.2022, Interviewpartner: Dr. Katrin Marquardt, coliquio GmbH