Schlafen will gelernt sein
Schlafen und Essen – mehr scheinen Babys nicht zu wollen. Mit der Zeit entwickeln sich die verkürzten Schlafzyklen und der unregelmäßige Schlaf von Neugeborenen zum monophasischen Rhythmus, der den Schlaf von Kindern im Vorschulalter kennzeichnet.
Die Grundlagen für die Entwicklung des Schlafs scheinen bereits im Mutterleib angelegt zu werden. Untersuchungen bei fetalen Schafen zeigen, dass mit der Reifung des Hirnstamms zyklische Aktivität im Elektrokortikogramm (ECoG) messbar wird. Die Entwicklung der synchronisierten neuroelektrischen Aktivität setzt sich mit der Entwicklung des Thalamus und dessen Schrittmacherzellen fort, diese können dem Non-REM-Schlaf zugeordnet werden. In der weiteren fetalen Entwicklung entstehen dann die kortikalen neuronalen Interaktionen, die in der REM-Phase aktiv sind. Damit ist die Basis für den Schlaf gelegt. Das bedeutet aber auch: Säuglinge müssen nach der Geburt ein Schlafverhalten erst noch entwickeln.1
Verkürzte Schlafzyklen bei Neugeborenen
Bei Neugeborenen und Säuglingen wird der ruhige Schlaf als Vorstufe des Non-REM-Schlafs bezeichnet, der aktive Schlaf als Vorstufe des REM-Schlafs. Zudem haben Neugeborene einen „indeterminierten Schlaf“, der keinen Schlafstadium zuordbar ist. Im Säuglingsalter bis frühen Kindheitsalter beträgt ein Schlafzyklus ca. 45-60 Minuten, im Erwachsenenalter bis zu 60-90 Minuten. Zudem besteht der Schlaf von Neugeborenen zur Hälfte aus REM-Schlaf. Dieser Anteil sinkt bis zum Erwachsenenalter auf 14 Prozent. Während dem Übergang von Leichtschlaf- in Tiefschlafphasen kann es zu einem kurzen Aufwachen kommen, das – sofern das Kind wieder einschläft – unproblematisch ist. Bei Säuglingen führt dieses „Awakening“ zu kurzen Schreien, nachdem die Kinder aber meist wieder in den Schlaf finden können.1
Licht als neuer Signalgeber
An viele äußere Faktoren, die das Schlafen beeinflussen, muss sich das Neugeborene erst gewöhnen, darunter an das Licht: So durchlaufen nach der Dunkelheit im Mutterleib die lichtbedingten Steuerungsprozesse zunächst eine Reifungsphase. Deshalb spielen in den ersten Lebensmonaten andere Zeitgeber eine größere Rolle, vor allem die Nahrungsaufnahme. Regelmäßige Still- und Essenszeiten unterstützen die Entstehung eines stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus. Je länger und stärker das Kind dem Licht und damit dem Wechsel von Tag und Nacht ausgesetzt ist, umso mehr kann sich das über 24 Stunden verteilte Schlafmuster entsprechend anpassen (siehe Abbildung 1). Das Einschlafen ist zudem eng mit der sinkenden Körperkerntemperatur verbunden, einem melatonininduzierten Vorgang. So wirken mäßige Umgebungstemperatur von ca. 18 Grad und ein abgedunkelter Schlafraum positiv auf das Schlafverhalten. Unregelmäßige Abläufe und Störungen der zirkadianen Rhythmik können hingegen länger anhaltende Schlafstörungen hervorrufen.1
Abbildung 1: Altersbedingte Veränderungen in der Beziehung zwischen Schlafdruck und zirkadianem Alarmsignal, die den Zeitpunkt und die Dauer des Schlafs steuern. Diese Graphen modellieren die altersbedingten Veränderungen des Verhältnisses zwischen Schlafdruck und zirkadianem Alarmsignal, von denen man annimmt, dass sie den Veränderungen des Zeitpunkts und der Dauer des Schlafs zugrunde liegen, wie sie im Zwei-Prozess-Modell des Schlafs entwickelt wurden. Der Schlafdruck wird im oberen Teil jedes Graphen dargestellt, mit einer linearen Zunahme im Laufe der Zeit; die Geschwindigkeit und der Zeitpunkt der Akkumulation des Schlafdrucks variieren jedoch je nach Alter. In ähnlicher Weise wird der Antrieb während des Schlafs auf lineare Weise reduziert. Das zirkadiane Alarmsignal ist im unteren Teil jedes Graphen dargestellt und kommt dem Schlafdruck spät in der Wachphase zunehmend entgegen. Das Schlaf-Wach-Muster ist mit einer gestrichelten Linie dargestellt, einschließlich einer "Nickerchen"-Zeit in der Mitte der Wachphase, die mit einem steigenden Schlafdruck, aber einem noch relativ schwachen Alarmsignal korreliert. Der dunkelblaue Kasten stellt den typischen Schlafzeitpunkt und die typische Schlafdauer für jedes Alter dar. Da Neugeborene größtenteils keine zirkadianen Rhythmen aufweisen, wird davon ausgegangen, dass ihr Schlaf-Wach-Zyklus ausschließlich durch den Schlafdruck und einen hohen Stoffwechselbedarf (z. B. Nahrung) gesteuert wird. Zirkadiane Rhythmen entwickeln sich bereits in den ersten Lebensmonaten und wirken sich allmählich auf den Schlaf-Wach-Rhythmus aus. Die anderen Graphen zeigen die Unterschiede im Schlafdruck (bei Kindern vor der Pubertät stärker als bei Jugendlichen oder Erwachsenen) und die Stärke und den Zeitpunkt des zirkadianen Alarmsignals (bei Jugendlichen phasenverschoben und schwächer zu Beginn des Tages im Vergleich zu Kindern oder Erwachsenen).2 (modifiziert nach 2)
Entwicklung der Schlafphasen bis ins Kindesalter
Aus dem polyphasischen Schlafen und Wachen des Säuglings mit zunächst unvorhersehbarer Dauer der einzelnen Schlafperioden entwickelt sich über den biphasischen Schlaf-Wach-Rhythmus des Kleinkindalters ein monophasischer Rhythmus. Dieser ist meist bis zur Einschulung erreicht. Ob im Kindergarten- oder Vorschulalter von 3-6 Jahren zusätzlich tagsüber geschlafen wird, ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich, dennoch zeigen große epidemiologische Studien, dass über die Hälfte der Kinder bis zu einem Alter von 3 Jahren in Mittel – und Westeuropa einen Tagesschlaf machen. Mit dem Eintritt in das Vorschulalter (5-6 Jahre) sind es dann weniger als 10 Prozent.3
Schlaf spielt bei der Kindesentwicklung und im Alltag eine wichtige Rolle. Im nächsten Teil unserer Reihe widmen wir uns den Heranwachsenden. Durch die neugewonnene Autonomie kann die Schlafdauer selbst bestimmt werden – auch wenn das der Körper gerne anders sehen würde.
- Wiater A. „Physiologie und Pathophysiologie des Schlafs“ Monatsschrift Kinderheilkunde 2016; 12:1070–1077
- Hummer L. and Lee T. “Daily timing of the adolescent sleep phase: Insights from a cross-species comparison” Neuroscience & Biobehavorial Reviews 2016; 70:171–181.
- Positionspapier der AG Pädiatrie der DGSM „Empfehlungen der Arbeitsgruppe Pädiatrie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin zum Mittagsschlaf im Kindergarten“ (abgerufen am 20.07.2023) https://www.dgsm.de/fileadmin/dgsm/Arbeitsgruppen/paediatrie/Mittagsschlaf_Empfehlungs papier.pdf