Schlafmedizin im Fokus

In der Fortbildungsveranstaltung Sleep Board von Bioprojet diskutierten Experten*innen aus Neurologie und Schlafmedizin aktuelle Leitlinien, Therapieoptionen und komplexe Fallbeispiele – praxisnah, differenziert und mit direktem Bezug zur ärztlichen Praxis.

Den Auftakt machte PD Dr. Moritz Brandt, Elblandklinikum Meißen, mit einem Überblick über die Schlafarchitektur. Non-REM- und REM-Phasen wechseln sich in typischen Zyklen ab, wobei der Tiefschlaf entscheidend für die Erholung ist. Mit zunehmendem Alter nehmen Gesamtschlaf und Tiefschlafanteile ab, während Fragmentierungen und Wachphasen häufiger werden. „Altern ist gekennzeichnet durch das erhöhte Risiko für bestimmte Erkrankungen, auch die Häufigkeit von Schlaferkrankungen wie Insomnien nimmt deutlich zu“, erklärte der Chefarzt der Klinik für Neurologie und Geriatrie. Bis zu 40 % der über 65-Jährigen seien betroffen.1

Nach aktueller Leitlinie liegt eine Insomnie vor, wenn Ein- oder Durchschlafstörungen an mindestens drei Nächten pro Woche über einen Monat bestehen und mit relevanten Tagesbeeinträchtigungen einhergehen.2  Eine Polysomnographie ist zwar nicht Teil der Routinediagnostik, wird aber bei bestimmten Indikation sinnvoll eingesetzt, etwa bei Therapieresistenz, Verdacht auf komorbide Schlaferkrankungen oder bei Risikogruppen wie Berufskraftfahrer, aber auch wenn eine deutliche Diskrepanz zwischen subjektiver Symptomschwere und objektivem Befund vorliegen könnte.2 Ein Fallbeispiel für eine solche paradoxe Insomnie präsentierte Dr. Brandt: Eine 58-jährige Patientin berichtete über jahrelange Durchschlafstörungen mit vermeintlich nur vier Stunden Schlaf pro Nacht, jedoch ohne Tagesschläfrigkeit oder organische Ursachen. Die Polysomnographie zeigte unauffällige Befunde, sodass die Diagnose einer Schlafwahrnehmungsstörung gestellt wurde. Ein ausführliches Gespräch über die Schlafphysiologie führte bereits zu einer deutlichen Entlastung und Besserung der Beschwerden, ohne weitere Behandlung.

Therapeutisch bleibt leitliniengemäß die kognitive Verhaltenstherapie (KVT-I) erste Wahl2. „Dies ist in der Praxis nicht immer so leicht umzusetzen, da Plätze fehlen, aber auch schwierig bei älteren Patienten*innen, die z. B. an Demenz leiden“, erklärte der Neurologe. Als neue pharmakologische Optionen rücken Orexin-Rezeptorantagonisten in den Fokus, die erstmals eine langfristige medikamentöse Behandlung ermöglichen, falls dies notwendig ist. Für ältere Patienten*innen wurde zudem Melatonin in die Leitlinienempfehlungen aufgenommen. Dr. Brandt wies jedoch darauf hin, dass eine längere und strikte Einnahme zur immer gleichen Uhrzeit sowie ein geregelter Schlafrhythmus Voraussetzung dafür sind, dass Melatonin seine Wirkung entfalten kann.

Präzise Abklärung und Blick auf sekundäre Ursachen

Der Vortrag von PD Dr. Sven Rupprecht M.Sc., Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Schlaf- und Beatmungsmedizin am Universitätsklinikum Jena, fokussierte sich besonders auf die Abgrenzung der Narkolepsie von anderen Hypersomnien. Die Abklärung sekundärer Hypersomnien kann komplex sein, da subjektive Tagesschläfrigkeit häufig mit psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder ADHS assoziiert sein können. Während Narkolepsie und idiopathische Hypersomnie objektiv nachweisbare Auffälligkeiten zeigen, bleibt die psychiatrische Hypersomnie meist ohne pathologische Befunde: „Hier muss eine sorgfältige Differenzialdiagnose erfolgen, damit bei diesen Patienten*innen nicht eine Narkolepsie übersehen wird“, erläuterte der PD Dr. Rupprecht. Ähnlich äußerte er sich auch zu einem aktuellen Thema: Bei dem Post-COVID-Syndrom könnte eine vorschnelle Etikettierung als Fatigue-Syndrom erfolgen, wenn eine konsequente Abfrage der Narkolepsie-Trias ausbleibt. Als Empfehlung zur Differentialdiagnostik eignet sich seiner Meinung nach auch die Pupillographie.

Die symptomatische Narkolepsie erfüllt die gleichen diagnostischen Kriterien wie die primäre Form: exzessive Tagesschläfrigkeit, Kataplexie und REM-Schlaf-assoziierte Symptome, objektivierbar im MSLT oder in der 24-Stunden-Polysomnographie.3 Sie tritt selten auf, meist im Rahmen entzündlicher ZNS-Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Autoimmun-Enzephalitiden. Auch ein Schädel-Hirn Trauma oder Raumforderungen im Mittel- bzw. Zwischenhirn können ursächlich sein.

Aufgrund der Komplexität betonte Dr. Rupprecht die Bedeutung der Liquordiagnostik: „Bei jeder Hypersomnie-Abklärung ist die Liquoruntersuchung obligat – nicht nur zum Nachweis von Hypocretin, sondern auch zum Ausschluss entzündlicher ZNS-Erkrankungen.“ Ergänzend dazu gehören für ihn eine MRT-Bildgebung des Gehirns zum diagnostischen Standard.

Tagesschläfrigkeit: Gefahr im Straßenverkehr und klinische Herausforderung

Anschließend widmete sich Dr. Tony Sehr, Interdisziplinäres Schlaflabor des Universitätsklinikum Dresden, dem Thema Tagesschläfrigkeit. Die Tagesschläfrigkeit definierte er als die mangelnde Fähigkeit während üblicher Tageszeiten die Wachheit aufrecht zu erhalten. Typischerweise trete sie in monotonen Situationen auf, was zu gefährlichen Situationen führen kann: „Sekundenschlaf von nur drei Sekunden bei 120 km/h bedeutet eine Strecke von rund 100 Metern ohne Reaktion. Das entspricht etwas einem Fußballfeld. Bis zu einem Viertel aller Verkehrstoten können nach Schätzungen auf Müdigkeit zurückführen sein“,4 so der Schlafmediziner.

Als Ursachen kommen sowohl primäre Erkrankungen wie Narkolepsie als auch sekundäre Faktoren wie Schlafmangel, Schichtarbeit oder obstruktive Schlafapnoe (OSA) in Betracht. Diagnostisch werden Anamnese, Fragebögen, standardisierte Aufmerksamkeits- und Tagesschläfrigkeitstest und polysomnographische Verfahren und gegebenenfalls beaufsichtigte Fahrproben angewandt werden.

Therapiemöglichkeit Tagesschläfrigkeit

Behandlung/Optimierung der Grunderkrankung/auslösende Faktoren
(bedarf diagnostischer Einordnung!)

Maßnahmen, um Tagesschläfrigkeit lang- und kurzfristig zu reduzieren:

  • regelmäßiger Schlaf- und Wachrhythmus, ausreichende Schlafdauer
  • Optimierung der Schlafhygiene
  • Tages-Naps/Pausen einhalten
  • Aktivierung zum Beispiel durch Licht, Bewegung und Gespräche
  • Koffein: Kaffee, Tee

Bei primärer trotz bestmöglicher Behandlung von OSA (zum Beispiel mittels PAP) persistierender Hypersomnie (residuale Tagesschläfrigkeit) existieren zugelassene medikamentöse Therapieoptionen:

  • Solriamfetol: 75; 150 mg5
  • Pitolisant (Ozawade®): 4,5; 18 mg (36 mg)6

Wie kann Tagesschläfrigkeit gemessen werden?

  • Anamnese und Fragebögen
  • Pupillographie (autonome Funktionsmessung)
  • Standardisierte Testverfahren z. B. Macworth-Uhr, PVT (Psychomotor Vigilance Test)
  • Fahrprobe (nach Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, Bundesanstalt für Straßen und Verkehrswesen)

Schlafbezogene Atmungsstörungen sind eine der häufigsten Ursachen. Standard bleibt die CPAP-Therapie, in definierten Konstellationen auch die Unterkieferprotrusionsschiene, Lagerungstherapie oder Hypoglossus-Stimulation. Allgemeine Maßnahmen wie Schlafhygiene und Gewichtsreduktion unterstützen den Behandlungserfolg. Medikamentöse Optionen sind bei klar objektivierter primärer Hypersomnie trotz bestmöglicher Behandlung der OSA indiziert.

Interaktiver Fall: Junger Patient mit neuromuskulärer Erkrankung

Abschließend stellte Dr. Maria Dengler, Interdisziplinäres Zentrum für Schlaf- und Beatmungsmedizin am Universitätsklinikum Jena, ungewöhnliche Fallbeispiele aus der Schlafmedizin vor. Bei einem 19-jährigen Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie, der aus der Kinderklinik überwiesen wurde, sollte die Notwendigkeit einer nicht-invasiven Beatmung (NIV) nochmals eruiert werden. Trotz der Therapie, die er nur unregelmäßig nutzte, zeigte er deutliche Tagesschläfrigkeit und depressive Symptomatik mit Suizidgedanken. Die Polysomnographie offenbarte im REM-Schlaf einen relevanten Sättigungsabfall – ein typisches Zeichen für die Erschöpfung der Atemmuskulatur bei diesem Krankheitsbild. Formale Leitlinien-Kriterien (nächtliches PtcCO2 ≥ 50 mmHg oder ∆ PtcCO2 ≥ 10 mmHg im Schlaf gegenüber Wachzustand) für eine NIV-Indikation wären in diesem Fall nicht erfüllt worden.7 „Gerade bei neuromuskulären Erkrankungen sollte man auf eine REM-assoziierte Hypoventilation achten, denn sie kann leicht übersehen werden“, betonte die Neurologin.

Fazit: Differenzierte Diagnostik und individualisierte Therapie

Die Fortbildungsveranstaltung von Bioprojet machte deutlich, dass Schlafstörungen in allen Facetten eine differenzierte Diagnostik erfordern. Von der altersassoziierten Insomnie über seltene Hypersomnien bis hin zu gefährlicher Tagesschläfrigkeit und komplexen neuromuskulären Fällen bleibt die Herausforderung, Leitlinienwissen mit klinischer Erfahrung zu verknüpfen.

Quellen

Fortbildungsveranstaltungsreihe Sleep Board: Seminar Arbeitskreis Schlafmedizin Mitteldeutschland“, Elblandklinikum in Meißen, am 27.08.2025, Veranstalter: Bioprojet Deutschland GmbH

  1. Barmer Gesundheitsreport 2019: Schlafstörungen; Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse – Band 17
  2. DGSM: S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen – Insomnie bei Erwachsenen. Version 2.0.; Update 2025 https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/063-003; Zugriff am 29.08.2025
  3. Bassetti CLA et al. European guideline and expert statements on the management of narcolepsy in adults and children. J Sleep Res 2021; 30:e13387.
  4. Deutscher Verkehrssicherheitsrat: Beschluss Müdigkeit im Straßenverkehr 2022
  5. Fachinformation Solriamfetol®
  6. Fachinformation Ozawade®
  7. DGP: S3 Leitlinie: Nichtinvasive Beatmung als Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz. Version V1.3; 17.07.2024; https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-008; Zugriff am: 29.08.24