Schwangerschaft und Stillzeit bei Narkolepsie
Was empfehlen Sie Ihren Narkolepsie-Patientinnen bezüglich einer Schwangerschaft? Die Datenlage zu diesem Thema ist leider begrenzt, jedoch zeigen Studien, dass viele Frauen auf Medikamente verzichten. Eine sorgfältige Beratung ist notwendig, um Risiken zu minimieren und optimale Entscheidungen zu treffen.
Darf ich meine Medikamente während der Schwangerschaft und in der Stillzeit weiter nehmen? Wie verändern sich meine Symptome, wenn ich die Medikamente absetze? Werden Komplikationen auf mich zu kommen? Mit diesen und vielen weiteren Fragen werden Patientinnen mit Hypersomnolenz-Erkrankungen bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft und Stillzeit konfrontiert. Darüber hinaus bestehen weitere Sorgen beispielsweise zur finanziellen Situation aufgrund von potenziellen krankheitsbedingten Ausfällen. Doch wie sieht die Datengrundlage und die Empfehlung für diese Patientinnen aus? Im Falle der Narkolepsie ist die vorhandene Literatur gering, für andere Hypersomnien wieder so gut wie gar nicht vorhanden.1 Dennoch, einige Studien liefern schon jetzt relevante und wichtige Daten, die es zumindest ermöglichen Empfehlungen, wenn auch schwacher Natur, auszusprechen.
Studien zu Schwangerschaftsverläufen und zum Stillen
Die amerikanische Studie von Pascoe et al., 2019 untersuchte die Erfahrung und das Wissen von Frauen mit Narkolepsie in Bezug auf Schwangerschaft und Verhütung. Dafür wurde 2012 über den Zeitraum von 8 Wochen eine Umfrage mit 18 Fragen durchgeführt. 182 Frauen, durchschnittlich 41,5 Jahre alt, nahmen an der Umfrage teil, darunter 123 Frauen mit insgesamt 318 Schwangerschaften. 78,7 % der Frauen mit Schwangerschaftserfahrung verwendeten während der Schwangerschaft keine Medikamente. Die Hauptgründe dafür waren bei 82,9 % die Angst vor einer Schädigung des Fötus und bei 58,5 % das Anraten durch eine*n Arzt*Ärztin. Als alternative Maßnahmen verlängerten 72,1 % ihre Schlafzeit, 32,6 % gaben ihre Arbeit auf und 27,9 % stellten das Autofahren ein. Die Schwangerschaftsverläufe und Schwangerschaftsergebnisse waren bei Frauen mit Monotherapie, Kombinationstherapie und ohne medikamentöse Behandlung ähnlich. Komplikationen traten jedoch öfter auf als im nationalen Durchschnitt.2
Eine europäische Studie von Maurovich-Hovart et al., 2013 analysierte retrospektiv die Verläufe von 249 Schwangerschaften von Narkolepsie-Patientinnen. Frauen mit Narkolepsie waren bei ihrer ersten Schwangerschaft durchschnittlich älter. 60 % der Frauen gab an, keine Medikamente während der Schwangerschaft eingenommen zu haben. 40,1 % dieser Narkolepsie-Patientinnen berichteten über eine Verschlechterung der Schläfrigkeit während der Schwangerschaft, während 40,1 % keine Veränderungen wahrnahm und 18,2 % sogar eine Verbesserung erlebten.3
Die neonatale Versorgung war bei 60,1 % der Patientinnen durch mindestens ein Narkolepsie-Symptom beeinträchtigt. Auch die Angst davor, durch eines ihrer Narkolepsiesymptome bei der Versorgung des Kindes beeinträchtigt zu sein spielte für viele Frauen eine große Rolle. Die Daten konnten zeigen, dass weder das Auftreten von Kataplexien noch Schläfrigkeit eine Limitierung für das Stillen darstellen. Dennoch kann anhand der verfügbaren Daten noch keine hinreichende Empfehlung in Bezug auf die Medikamenteneinnahme getroffen werden, weshalb die allgemeine Einschätzung der Autoren ist, die Medikamente während der Stillzeit abzusetzen.3
Mütterliche und fetale Risikofaktoren
Eine retrospektive Studie untersuchte mütterliche und fetale Risikofaktoren und Schwangerschaftsausgänge bei Narkolepsie-Patientinnen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Dafür analysierten sie Daten der National Inpatient Sample (NIS) aus den Jahren 2008 – 2017. Die Prävalenz von Narkolepsie bei schwangeren Frauen in dieser Kohorte betrug 17,6/100.000 Geburten. Schwangere Frauen mit Narkolepsie hatten ein erhöhtes Risiko für Obesität, Anämie, Schwangerschaftsdiabetes und Schwangerschaftsbluthochdruck,4 was auch für den Fötus Risikofaktoren darstellen können. Zusätzlich zeigte eine weitere Studie zu Schwangerschaftskomplikationen bei Narkolepsie-Patientinnen aus Südkorea eine leicht erhöhte Rate an Frühgeburten.5
Geburtsmodus
Die meisten Frauen mit Narkolepsie entbinden vaginal ohne Komplikationen. In seltenen Fällen hat das Auftreten von Kataplexien eine vaginale Geburt verhindert. Die Geburt per Kaiserschnitt scheint jedoch nicht mit einem erhöhten Risiko einherzugehen.6 Eine Studie zeigte, dass die Rate für eine Geburt per Kaiserschnitt bei Narkolepsie-Patientinnen mit Kataplexien erhöht war. Dabei wurden keine Unterschiede in den perinatalen Outcomes beobachtet.3
Nicht-medikamentöse Behandlung
Nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen generell eine wichtige Rolle für das Symptommanagement bei der Narkolepsie und sollten daher immer Teil des Therapiekonzeptes sein, da sie unter anderem die Beteiligung und die Selbstbestimmung der Patienten*innen erhöhen.7 Gerade während einer Schwangerschaft entscheiden sich die meisten Patientinnen gegen eine Pharmakotherapie,2 weshalb nicht-medikamentöse Management-Ansätze in dieser Zeit nochmals an Wichtigkeit gewinnen. Zu den nicht-medikamentösen Maßnahmen zählen generell ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, geplante Nickerchen, Anpassungen am Arbeitsplatz, wie beispielsweise flexible Arbeitszeiten, und Vermeidung von Tätigkeiten, die bei plötzlichem Einschlafen gefährlich sein könnten.7 Oftmals kann dies sogar bedeuten, dass betroffene Frauen ihre Arbeit oder das Autofahren während der Schwangerschaft komplett aufgeben.2
Medikamentöse Behandlung während der Schwangerschaft und Stillzeit
Die zur Behandlung der Narkolepsie zugelassenen Wirkstoffe können teratogen sein, weshalb vor einer geplanten Schwangerschaft das Absetzen der Medikamente empfohlen wird. Sofern ein völliges Absetzen der Medikamente nicht sinnvoll erscheint, empfiehlt die Europäische Narkolepsie Leitlinie die Behandlung auf eine Monotherapie zu beschränken.7 Eine Studie, die den Einfluss von Modafinil oder Methylphenidat auf Schwangerschaften im ersten Trimester untersuchte, zeigte, dass für beide Wirkstoffe ein erhöhtes Risiko für angeborene Fehlbildungen bestand.8 Das Risiko einer Fehlbildung der Kinder lag unter mütterlicher Einnahme von Modafinil im ersten Trimester bei 12 %, bei Methylphenidat bei 4,5 %, im Vergleich zu nicht-exponierten Schwangerschaften.8 Es ist nicht bekannt, welches Risiko bei der Einnahme von Natriumoxybat oder Solriamfetol während der Schwangerschaft besteht, weshalb die Medikamente während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden sollten.9,10 Auch für die Einnahme von Pitolisant liegen keine oder nur sehr begrenzte Erfahrungen vor, sodass auch Pitolisant während der Schwangerschaft nicht angewendet werden sollte, es sei denn, dass der mögliche Nutzen gegenüber dem potenziellen Risiko für den Fötus überwiegt.11 Auch während der Stillzeit wird die Einnahme von Narkolepsie-Medikamenten nicht empfohlen.7
Theoretisch können Medikamente auch einen Einfluss auf die Spermienqualität oder -funktion haben, wodurch ebenfalls Auswirkungen auf die Zeugung oder die frühe Entwicklung des Fötus entstehen können. Allerdings beziehen sich die vorliegenden Studien auf die Einnahme der Mutter, weshalb bisher kein Wissen über Auswirkungen auf die männliche Fertilität vorliegen.
Schwangerschaften bei Frauen mit Narkolepsie verlaufen größtenteils normal. Weitere Studien sind dennoch notwendig, um die zugrunde liegenden Mechanismen potenzieller Risiken und Komplikationen zu verstehen und optimale Behandlungsstrategien zu entwickeln. Die vorhandenen Daten und Studien betonen die Notwendigkeit einer sorgfältigen, multidisziplinären Beratung, Überwachung und Betreuung von schwangeren Frauen mit Narkolepsie.
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Kurz und bündig: Empfehlungen nach Mayer 2021
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- Wegen des potenziellen teratogenen Effekts und anderer Risiken und Komplikationen aller zur Behandlung der Narkolepsie verwendeten Medikamente empfehlen die „European guideline and expert statements on the management of narcolepsy in adults and children", alle Medikamente vor einer geplanten Schwangerschaft abzusetzen. Das Absetzen hat fast immer negative Auswirkungen auf die Kontrolle der Symptome der Narkolepsie. Sollte ein Absetzen nicht möglich sein, wird die Therapie mit einer Monotherapie in niedrigster Dosis empfohlen.
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- Für Modafinil besteht allerdings eine erhöhte Prävalenz für kongenitale Defekte.
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- Sollte eine Patientin nach der Schwangerschaft wieder mit einer Natriumoxybat-Behandlung beginnen wollen, sollte darauf geachtet werden, dass der*die Partner*in oder ein Familienmitglied den Säugling nachts versorgen kann.
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- Interdisziplinäre Versorgung durch Schlafspezialisten*innen, Allgemeinärzte*innen und Gynäkologen*innen wird empfohlen. Die Versorgung sollte den Zeitraum vor, während und nach der Schwangerschaft umfassen. Die Allgemeinärzte*innen sollten unterstützend wirken, z. B. Laborkontrollen und klinische Untersuchungen durchführen (EKG, Puls- und Blutdruck sowie Laborbestimmungen) und beim Auftreten von Komplikationen den Gynäkologen*innen und Schlafmediziner*innen kontaktieren.
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- Wegen eines möglichen erhöhten Hyperglykämie- und Anämierisikos sollten die entsprechenden Parameter während der Schwangerschaft kontrolliert werden.
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- Die ausführliche Information und Beratung über Verhütung und Schwangerschaftsrisiken durch Schlafspezialisten*innen und Gynäkologen*innen unter gängigen Narkolepsiemedikamenten wird empfohlen.
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Modifiziert nach Mayer G 2021
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- Mayer G. Somnologie 2021, 25: 279–287
- Pascoe M. et al., J Clin Sleep Med. 2019 Oct 15;15(10):1421-1426
- Maurovich-Horvat E. et al., J Sleep Res. 2013 Oct;22(5):496-512
- Wilson A. et al., Sleep Sci. 2022 Jul-Sep;15(3):297-304
- Suhyung K, Seung-Chul H. ERJ Open Research 2023 9: 100
- Thorpy M. et al., Sleep Med. 2013 Apr;14(4):367-76
- Bassetti CLA et al. EJoN, 2021; 28 (9): 2815-2830
- Damkier P, Broe A. 2020; 323(4): 374–376
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Xyrem, INN-sodium oxybate (europa.eu)
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Sunosi, INN-solriamfetol hydrochloride (europa.eu)
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Wakix, INN - Pitolisant (europa.eu)