Teil 2: Wirkmechanismen von Narkolepsie Therapeutika (Fortsetzung)
Die seltene neurologische Erkrankung Narkolepsie ist nicht heilbar, weshalb die Therapie darauf abzielt, die Symptome der Patienten*innen zu reduzieren und dadurch ihre Lebensqualität, sowie die der Angehörigen, in zahlreichen Dimensionen zu erhöhen.
Methylphenidat
Methylphenidat ist zum einen für die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) zugelassen. Zum anderen kann es aber auch bei der Therapie von Kindern ab 6 Jahren und Erwachsenen mit Narkolepsie eingesetzt werden.10 Es ist eine Psychostimulans, die indirekt sympathomimetisch, sprich die Wirkung des Sympathikus verstärkend/nachahmend, wirkt.10 Bei Narkolepsie-Patienten*innen kann Methylphenidat EDS verbessern, scheint jedoch keinen Einfluss auf Kataplexien zu haben.1 Der genaue Wirkmechanismus ist allerdings noch nicht geklärt. Es wird vermutet, dass die Wirkung durch eine Inhibierung der Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme in die präsynaptischen Neuronen zurückzuführen ist, wodurch die Konzentration der Neurotransmitter im extraneuronalen Raum erhöht wird.10 Methylphenidat zählt aufgrund seines Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzials zu den Betäubungsmitteln, weshalb Patienten*innen sorgfältig hinsichtlich Zweckentfremdung des Medikaments beobachtet werden sollten.10 Der Missbrauch von Methylphenidat über einen längeren Zeitraum kann zu ausgeprägter Toleranz, psychischer Abhängigkeit, auffälligem Verhalten und psychotischen Episoden führen. Gerade Kinder müssen hinsichtlich dieser Gefahr überwacht werden.10
Natriumoxybat
Natriumoxybat ist das Natriumsalz der Gamma-Hydroxybuttersäure11 die physiologisch im Zentralnervensystem als Neurotransmitter vorkommt. Es ist für die Behandlung von Erwachsenen mit Narkolepsie Typ 1 und Kindern ab 7 Jahren mit Narkolepsie Typ 1 und Typ 2 zugelassen.1,11 Einzunehmen ist der Wirkstoff vor dem Zubettgehen, zwei bis drei Stunden nach der letzten Mahlzeit, gefolgt von einer zweiten Dosis in der Nacht.11 Die genaue Wirkweise von Natriumoxybat ist noch nicht vollständig verstanden. Es wirkt dämpfend auf das Zentralnervensystem, indem es vermutlich über GABA-B-Rezeptoren auf die Aktivität stimulierender Neurotransmitter (Acetylcholin, Dopamin, Noradrenalin, Serotonin) wirkt. Die Auswirkungen führen zu langsamen Delta-Wellen im Gehirn (), sodass der Schlaf gefördert und gefestigt wird.11 Es ist somit ein Medikament, das den nächtlichen Schlaf, die „Schlafarchitektur“, verbessert, Kataplexien reduziert und bei mehrwöchiger Einnahme auch EDS verringert – wie die Tagessymptomatiken beeinflusst werden ist bisher ebenfalls unklar. Zu den schwerwiegendsten Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Natriumoxybat beobachtet wurden, zählen Suizidversuche, Psychosen, Atemdepression und Konvulsionen. Während der Titrationsphase müssen Kinder und Jugendliche sorgfältig auf potenzielle Anzeichen einer ZNS- oder Atemdepression überwacht werden.11 Zusätzlich unterliegt Natriumoxybat der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung. Aufgrund des bekannten Missbrauchspotenzials müssen Patienten*innen dazu genau überwacht werden.11
Solriamfetol
Der Wirkstoff Solriamfetol wurde 2020 als Filmtablette zur oralen Anwendung für die Verbesserung der Wachheit und zur Reduktion übermäßiger Schläfrigkeit während des Tages bei erwachsenen Patienten mit Narkolepsie (mit und ohne Kataplexie) zugelassen.12 Solriamfetol zeigte jedoch keine Wirkung auf Kataplexien.13 Der genaue Mechanismus, durch den die Wachheit bei EDS durch Solriamfetol verbessert wird, ist noch nicht vollständig charakterisiert. Als Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (DNRI) hemmt es selektiv die Aufnahme der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin sowie von Serotonin, wodurch deren Konzentration im synaptischen Spalt steigt, was in einer erhöhten Wachheit und Aufmerksamkeit resultiert.14 Nach Einschätzung der Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) wird Solriamfetol den Stimulanzien zugeordnet und zeigte ein geringes Missbrauchspotenzial.21 Es fördert jedoch nicht die Freisetzung von Monoaminen, wie z. B. Dopamin, sondern hemmt nur deren Wiederaufnahme in das präsynaptische Neuron.14
What’s best?
Für die Behandlung der Narkolepsie – Typ 1 und Typ 2 – stehen verschiedene medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung.1 Laut der europäischen Leitlinie für Narkolepsie sollte das allgemeine Ziel der Behandlung die Verbesserung des Schlaf-Wach-Rhythmus mit besonderem Augenmerk auf die Leistungsfähigkeit und somit die Lebensqualität der Patienten*innen sein.1 Dabei sind vor allem die Behandlung der EDS und die Reduktion von Kataplexien von enormer Bedeutung.
Tabelle 1: Übersicht der Empfehlungen für die oben aufgeführten Narkolepsie-Therapeutika nach der europäischen Leitlinie bei Erwachsenen. Dargestellt für EDS und Kataplexien. Rec: Recommendation (Empfehlung); QoE: Quality of Evidence (Qualität des Nachweises); EDS: excessive daytime sleepiness (exzessive Tagesschläfrigkeit); *muss in der klinischen Praxis weiter evaluiert werden. Mod. nach 1.
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Wirkstoff
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EDS
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Kataplexien
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Rec
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QoE
|
Rec
|
QoE
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Pitolisant
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↑↑
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+++-
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↑-
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+++-
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Modafinil
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↑↑
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+++-
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↓↓
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++--
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Methylphenidat
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↑-
|
++--
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↓↓
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no data
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Natriumoxybat
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↑↑
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+++-
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↑↑
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+++-
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Solriamfetol
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↑↑*
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+++-
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↓↓
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+++-
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Recommendations
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Quality of Evidence
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Stark dafür
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↑↑
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Hoch
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++++
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Schwach dafür
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↑-
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Mäßig
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+++-
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Schwach dagegen
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↓-
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Niedrig
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++--
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Stark dagegen
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↓↓
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Sehr niedrig
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+---
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Wichtig ist dabei zu beachten, dass es erhebliche Unterschiede in der Wirksamkeit und im Nebenwirkungsprofil zwischen den Patienten*innen geben kann. Deshalb ist ein präziser und individueller Behandlungsplan für jede*n Patienten*in erforderlich. Dieser sollte vom Symptommuster und der Schwere der Erkrankung des*der Patienten*in abhängen. Auch persönliche Präferenzen und bestehende Begleiterkrankungen der Betroffenen müssen im Behandlungsplan berücksichtigt werden.1
- Bassetti CL, Kallweit U, Vignatelli L, et al. European guideline and expert statements on the management of narcolepsy in adults and children. Eur J Neurol. 2021; 00:1–16
- Fachinformation Ritalin® 10 mg Tabletten: Stand April 2023
-
Xyrem, INN-sodium oxybate (europa.eu) (Stand 17.10.2023)
-
Sunosi, INN-solriamfetol hydrochloride (europa.eu) (Stand 17.10.2023)
- Thorpy MJ. Et al. Ann Neurol. 2019;85:359–370
-
Sunosi _Modul2 (g-ba.de) (Stand 17.10.2023)