Update Narkolepsie – Welche Neuerungen gibt es?

Die Schlafmedizin ist interdisziplinär – das zeigt sich auch in der Behandlung von Narkolepsie, vor allem bei Kindern. Die Neurologin PD Dr. Anna Heidbreder, Linz, Kinderärztin PD Dr.Mirja Quante, Tübingen und Neuropädiater Dr. med. Ulf Hustedt, Bremen, gaben ein Update.

Diagnose von Narkolepsie

Nach der Anpassung der international classification of sleep disorders im Jahre 2023 kann eine Narkolepsie Typ 1 nach dem Vorhandensein der folgenden Kriterien diagnostiziert werden1:

1: Kataplexie und entweder:

a. Mittlere Schlaflatenz von ≤ 8 Minuten und zwei oder mehr im Schlaf einsetzende REM-Perioden (SOREMPs) bei einem Multiple Sleep Latency Test (MSLT), der in Übereinstimmung mit nach den derzeit empfohlenen Protokollen durchgeführt wird.
b. SOREMP (innerhalb von 15 Minuten nach Beginn des Schlafes) in der nächtlichen Polysomnographie.

2: Hypocretin(Orexin)-1-Konzentration im Liquor, gemessen mittels Radioimmunoassay, ist ≤ 110 pg/ml (unter Verwendung einer Stanford-Referenzprobe) oder weniger als ein Drittel der Mittelwerte, die bei normalen Probanden mit demselben standardisierten Assay gemessen wurden.

Ursache und Behandlung der Narkolepsie

Die Ursache für eine Narkolepsie ist ein Hypocretin (Orexin)-Mangel.2,3 Dabei wurde lange davon ausgegangen, dass der Zelltod von Orexin-produzierenden Zellen zur Narkolepsie führt.4 Inzwischen wird jedoch hypothetisiert, dass sich die entsprechenden Zellen nur in einer Art epigenetischem Ruhezustand befinden.4 Diese Hypothese bedarf jedoch noch weiterer Forschung. Bekannt ist, dass durch Orexin zahlreiche weitere Neurotransmitter beeinflusst werden. Dazu zählen: Acetylcholin, Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Histamin.5 Diese Neurotransmitter können für die Behandlung der Narkolepsie adressiert werden.

Für die Behandlung der Narkolepsie stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung. Bei der Therapie steht vor allem die Behandlung der Symptome Tagesschläfrigkeit und Kataplexien im Vordergrund.6 PD Dr. Heidbreder betonte in ihrem Vortrag, dass es ganz wichtig ist, dem*r Patienten*in aufmerksam zuzuhören. Damit einhergehend soll Medikation ständig an die vorherrschenden Symptome adaptiert werden, da jede Lebensphase eine individuelle und angepasste Therapie benötigt.

PD Dr. Heidbreder führt weiter aus, dass leider noch keine gute Studienlage zu nicht-medikamentösen Therapieoptionen vorliegt. Auch wenn noch keine ausreichende Evidenz vorliegt, ist bekannt, dass Menschen mit Narkolepsie tagsüber regelmäßige Schlafeinheiten von ca. 20–30 Minuten einplanen sollten. Physische Aktivität und Verhaltenstherapie können ebenfalls hilfreich und unterstützend sein.

Behandlung von Kindern

Seit dem Frühjahr 2023 steht mit Pitolisant (Wakix®) ein weiteres Medikament für die Behandlung von Kindern mit Narkolepsie Typ 1 und Typ 2 zur Verfügung. Die Pädiaterin PD Dr. Quante bot in ihrem Vortrag einen Einblick in die Behandlung von Kindern mit Narkolepsie. 2022 umfasste das Patienten*innenkollektiv in Tübingen insgesamt 15 Kinder, deren Diagnose im Alter von 6–16 Jahren gestellt wurde – das Alter bei Erkrankungsbeginn war zwischen 5–16 Jahren.7 Anhand der präsentierten Daten konnte gezeigt werden, wie lange die Diagnosestellung bei manchen Patienten*innen dauern kann. Aufgrund dessen betonte PD Dr. Quante, wie wichtig es ist, die Awareness für diese seltene Erkrankung zu stärken.

Der größere Teil des Patienten*innenkollektivs aus Tübingen litt an Narkolepsie Typ 1, welche mit Kataplexien einhergeht. Obwohl diese bei Kindern oftmals schon bei der Erstdiagnose auftreten, können sie sich auch noch im Laufe der Jahre, häufig innerhalb von den folgenden 3 Jahren, entwickeln.8 Vor allem lustige Situationen können bei Kindern Auslöser für Kataplexien sein. Davon berichten Patienten*innen von PD Dr. Quante, wie z. B. ein 15-jähriger Junge, der lustige Situationen meide, da sich sein Körper teilweise wie „Wackelpudding“ anfühle. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie ist wichtig, um auch die Lebensqualität der Patienten*innen zu verbessern, erklärte Quante.

Narkolepsie-Diagnose: neuropädiatrische Aspekte

Kataplexien können bei Kindern jedoch schwieriger zu erkennen sein, da sie häufig spontanere Kataplexien haben, die zu Beginn an (unklare) Bewegungsstörungen erinnern können, sodass diese diagnostisch im Vordergrund stehen und die Narkolepsie-Diagnose somit verzögern können.7 Die Tagesmüdigkeit kann dagegen ein Symptom sein, dass uns in der Neuropädiatrie doch recht schnell auf die Narkolepsie führen kann, erklärte Neuropädiater Dr. Hustedt in seinen Vortrag. Er führte aus, dass die exzessive Schläfrigkeit bei Kindern auffällig für eine Narkolepsie ist. Sie macht sich durch das Wiederauftreten von Mittagsschlaf und einem verlängerten Nachtschlaf bemerkbar. Interessanterweise kann es bei Kindern mit Narkolepsie jedoch auch zu entgegengesetzten Symptomen wie einer paradoxen motorischen Hyperaktivität und inneren sowie äußerlichen Unruhe kommen.7 Noch komplexer wird das Bild durch eher internalisierte Symptome oder gar depressive Phasen bis hin zu Depressionen, die Kinder mit Narkolepsie ebenfalls entwickeln können.7 Diese Umstände können zu einer Verzögerung der Diagnose führen, was dem ärztlichen Bestreben einer frühen Diagnose und vor allem Therapie entgegenwirkt, führte Dr. Hustedt fort. Auch mit Blick auf weitere Komorbiditäten sei die frühzeitige Diagnose jedoch enorm wichtig. Denn ca. 20 % der Kinder mit Narkolepsie leiden an einem metabolischen Syndrom und ihr klinisches Bild ähnelt dem eines Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes.7,9 Ein weiteres, jedoch differenzialdiagnostisch schwieriges Symptom kann eine vorzeitige Pubertät sein.10 Für die Diagnose ist eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit essenziell, so Dr. Hustedt. Für ihn beginnt die Arbeit bei den Pädiater*innen, die an uns Neuropädiater*innen überweisen und zusätzlich die Schlaflabore involvieren. Je besser die Zusammenarbeit funktioniert, desto früher und besser könnten wir die Kinder letztendlich behandelt werden, so die abschließenden Worte des Neuropädiaters Dr. Hustedt.

Quellen

  1. American Academy of Sleep Medicine (2023). International Classification of Sleep Disorders, third edition, text revision (ICSD-3-TR). American Academy Of Sleep Medicine.
  2. Crocker A. et al., Concomitant loss of dynorphin, NARP, and orexin in narcolepsy. Neurology 2005; 65:1184–8.
  3. Thannickal TC. et al., Localized loss of hypocretin (orexin) cells in narcolepsy without cataplexy. Sleep 2009; 32:993–8.
  4. Seifinejad A. et al., Epigenetic silencing of selected hypothalamic neuropeptides in narcolepsy with cataplexy. Proc Natl Acad Sci U S A 2023; 9;120(19): e2220911120
  5. Bassetti CLA. et al., Narcolepsy - clinical spectrum, aetiopathophysiology, diagnosis and treatment. Nat Rev Neurol 2019 Sep;15(9):519-539.
  6. Bassetti CLA et al. European guideline and expert statements on the management of narcolepsy in adults and children. J Sleep Res 2021; 30:e13387.
  7. UpDate Narkolepsie im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung OZAWAKE der Bioprojet Deutschland GmbH in Frankfurt am 08.03.2024.
  8. Serra L. et al., Cataplexy features in childhood narcolepsy. Movement Disorders 2008; 23: 858–
  9. Ponziani V. et al., Growing Up with Type 1 Narcolepsy: Its Anthropometric and Endocrine Features. Clin Sleep Med 2016: 15(12): 1649–
  10. Poli F. et al., High Prevalence of Precocious Puberty and Obesity in Childhood Narcolepsy with Cataplexy. Sleep 2013; 36: 175–