Wenn Betroffene im Schlaf handeln

Ein 42-jähriger Patient berichtet, dass er nachts häufiger aufsteht, durch die Wohnung läuft und sich am nächsten Morgen an nichts erinnern kann. Seine Partnerin beobachtet lautstarke Gespräche und hektische Bewegungen. Das klingt zunächst nach einer „neurologischen Erkrankung“ – häufig handelt es sich jedoch um Parasomnien, also Schlafphänomene mit unvollständiger Kopplung von Schlaf- und Wachzustand.

Der menschliche Schlaf folgt einer strukturierten Abfolge aus fünf Zuständen: der Wachheit, den Non-Rapid-Eye-Movement-(NREM)Stadien N1 (Einschlafen), N2 (stabiler Schlaf) und N3 (Tiefschlaf) sowie dem REM‑Schlaf. Ein Zyklus dauert etwa 90–110 Minuten und wird pro Nacht mehrfach durchlaufen. Zu Beginn der Nacht dominieren Tiefschlafanteile, während gegen Morgen der REM‑Schlaf zunimmt (Abbildung 1). Diese dynamische Schlafarchitektur bildet die Grundlage für das Verständnis schlafbezogener Störungen.


Abbildung 1: Die Schlafphasen des Menschen; Non-Rapid-Eye-Movement-[NREM]Schlaf: Schlafstadium N1 – Übergang zwischen Wachheit und Schlaf, Schlafstadium N2 – stabiler Schlaf; Schlafstadium N3 – Tiefschlaf; Rapid-Eye-Movement-[REM]Schlaf – Traumschlaf; SWS Slow-Wave Sleep; modifiziert nach 1.

Was sind NREM-Parasomnien?

NREM-Parasomnien treten typischerweise in der ersten Nachthälfte aus dem Tiefschlaf heraus auf. Dabei erwachen Betroffene scheinbar und führen einfache oder komplexe Handlungen durch. Ihre Augen sind häufig geöffnet und sie können sich orientieren, haben jedoch keine Erinnerung an das Ereignis.1

Warum bleiben Teile des Gehirns „wach“, während andere schlafen?

Bei NREM-Parasomnien liegt kein vollständiges Erwachen vor, sondern ein Mischzustand. Während motorische und steuernde Areale bereits wieder Aktivität zeigen, sind frontoparietale Kortexregionen noch im Tiefschlaf. Man spricht von einem „lokalisierten Schlaf“. Ursache dafür ist eine instabile Regulation des Tiefschlafs, wobei das Gehirn nur teilweise in den Wachzustand wechselt. So können Bewegungen und Handlungen ausgelöst werden, obwohl das Bewusstsein noch schläft.1

Verwirrtes Erwachen, Schlafwandeln und Nachtschreck

Zu den NREM-Parasomnien oder auch Arousal-Störungen zählen Confusional Arousal (verwirrtes Erwachen), Pavor nocturnus (Nachtschreck) und Somnambulismus (Schlafwandeln).

Welche Untersuchungen führen zur Diagnose?

Die Abklärung von NREM-Parasomnien basiert zunächst auf einer sorgfältigen (Fremd-)Anamnese der Schlafroutine, ergänzt durch Schlafprotokolle oder Videoaufnahmen. Bei unklaren oder atypischen Verläufen erfolgt eine schlafmedizinische Diagnostik mit EEG-Ableitung und nächtlicher Videoüberwachung im Schlaflabor.2 Differenzialdiagnostisch sollte vor allem an nächtliche fokale Epilepsien gedacht werden, die sich typischerweise durch häufigere und stereotype Bewegungsmuster auszeichnen. Außerdem sollte die REM-Schlaf-Verhaltensstörung in Betracht gezogen werden, die meist im letzten Nachtdrittel auftritt, oft mit Traumerinnerung einhergeht und vor allem ältere Menschen betrifft.1

Welche Maßnahmen sind nach der Diagnose sinnvoll?

Die Behandlung von NREM-Parasomnien umfasst zunächst Aufklärung von Betroffenen und Angehörigen und die Herstellung einer sicheren Schlafumgebung (z. B. Entfernen von Gefahrenquellen, ggf. Tür-/Fenstersicherung). Wichtig sind zudem die Optimierung der Schlafhygiene und die Reduktion von Triggern wie Schlafmangel, Stress oder Alkohol. Auch können Entspannungsübungen oder verhaltenstherapeutische Interventionen wie geplantes Aufwecken vor der typischen Ereigniszeit eingesetzt werden. Medikamentöse Therapien (z. B. Benzodiazepine) bleiben schweren oder verletzungsgefährdenden Verläufen vorbehalten und sollten nur nach schlafmedizinischer Abklärung erfolgen.1-3

Quellen

  1. Haberlandt E. Clinical Epileptology. 2023;36(2):139-146.
  2. DGSM. https://www.dgsm.de/fileadmin/dgsm/Arbeitsgruppen/traum/Schlafwandeln_Wie_kann_ich_damit_umgehen.pdf (zuletzt abgerufen am 15.06.2026).
  3. Heidbreder A. 2020. https://www.springermedizin.de/emedpedia/detail/enzyklopaedie-der-schlafmedizin/schlafwandeln?epediaDoi=10.1007%2F978-3-642-54672-3_203 (zuletzt abgerufen am 16.06.2026).