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Flüchtling und HIV-positiv: eine psychosoziale Notsituation

Zwischen Aufenthaltsstatus und Versorgung

Ein Schwerpunkt auf den Münchner AIDS- und Hepatitis-Tagen: HIV-positive Flüchtlinge bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Hilfsbedürftigkeit und familiärer sowie sozialer Ausgrenzung und der drohenden Ausweisung zurück in ihr Heimatland.

Kamen zwischen 2015 und 2016 überwiegend Afghanen, Syrer und Pakistani als Flüchtlinge nach Deutschland, so ist bereits seit dem vergangenen Jahr ein deutlicher Afrika-Shift zu beobachten. Die Menschen stammen zumeist aus Gambia, Mali und Sierra-Leone. Zahlen aus Bayern belegen, dass wohl weniger als 1 % der Flüchtlinge HIV-positiv ist, es sich also um eine in Deutschland nur kleine Gruppe von Betroffenen handelt.

Anders als vielleicht oft vermutet, bringt längst nicht jeder der HIV-positiven Flüchtlinge die Infektion aus seinem/ihrem Heimatland mit. Bis zu 29 % der Menschen infizieren sich erst hier in Deutschland neu mit dem HI-Virus. Aufgrund des unzureichenden oder fehlenden Wissens zu Prävention und Ansteckungswegen stellen die Flüchtlinge eine sehr vulnerable Gruppe von Menschen dar.

Im Umgang mit HIV-positiven Flüchtlingen gilt es für den Arzt insbesondere den individuell teils großen Konflikt zwischen medizinischen Problemen und dem Aufenthaltsstatus zu erkennen und im Blick zu behalten. Beide Lebensbereiche stehen in einem wechselseitigen Verhältnis, indem z. B. anfangs die HIV-Infektion als Gefahr für die Akzeptanz in der Gemeinschaftsunterkunft sowie in der Familie den Mittelpunkt bildet. Später kann die Angst um den Aufenthaltsstatus hinzutreten und Fragen aufwerfen wie z. B.: "Was passiert mit mir, wenn ich zurück muss in mein Heimatland? Bekomme ich dort auch eine Therapie?"

Daneben bewirkt die doppelte Belastung aus HIV und schwebendem Aufenthaltsstatus eine ungesunde Mischung aus Perspektivlosigkeit, Angst und sozialer Isolation. Am Ende wird die Gesamtsituation als starker Belastungsfaktor – als reiner Stress – erlebt, wodurch der Aufenthaltsstatus in den eigentlichen Fokus der Betroffenen rückt.

Ärzte können hier durch freiwillige Gutachten und Atteste eine kleine, aber dennoch sehr wichtige Hilfe bieten, mit den Behörden zu verhandeln. Jedoch ist die letztliche Entscheidung über einen Verbleib oder die Ausweisung Sache der Gerichtsbarkeit. Leider zeigt sich derzeitig ein Trend, dass immer mehr HIV-positive Flüchtlinge aus afrikanischen Staaten wieder in ihre Heimatländer und damit in eine häufig ungewisse Zukunft zurückgeschickt werden – und dies trotz gesundheitlicher Bedenken seitens ihrer behandelnden Ärzte.

Versorgung im Heimatland

Aus medizinisch-ethischer Sicht zählt nur eine einzige Frage: "Muss mein Patient im Heimatland mit einer schlechteren Versorgung rechnen und wird er dadurch sehr wahrscheinlich einen gesundheitlichen Nachteil erleiden?" In den allermeisten Fällen ist dies aus ärztlicher Sicht tatsächlich zu befürchten.

Die Versorgungssituation für HIV-Patienten in Afrika gestaltet sich sehr heterogen. Zwischen Okkultismus und moderner ART ist prinzipiell alles zu finden. Betroffene müssen sehr oft viele Stunden mit dem Bus fahren, um ein entsprechend ausgerüstetes medizinisches Zentrum aufsuchen zu können.

Darüber hinaus treffen die HIV-positiven Menschen in der Heimat bei Bekanntwerden ihres Status auf Ablehnung und Ausgrenzung innerhalb ihrer Gemeinschaft. Arbeit, und damit den eigenen Unterhalt zu verdienen, wird auf diese Weise unmöglich. Am Ende fehlt das Geld für die Fahrt ins Therapiezentrum, oder wichtige Laboruntersuchungen und Therapien werden unbezahlbar.

LSBTI-Flüchtlinge und Modellprojekte in Deutschland

Eine weitere, besonders verwundbare Gruppe der Flüchtlinge sind die LSBTI. Diese mit Blick auf ihre Herkunft und die sexuelle Identität sehr diverse Gruppierung ist jedoch nicht allein durch HIV gefährdet, sondern im Heimatland, auf der Flucht und selbst bei uns diversen negativen Erlebnissen ausgesetzt, wie beispielsweise Diskriminierung oder Gewalt. Dies begründet tiefe Ängste und Vorbehalte seitens der LSBTI-Flüchtlinge und schafft einen überdurchschnittlich hohen Bedarf an psychosozialer Hilfe.

Beratungsangebote für diese Zielgruppe fokussieren überwiegend auf psychosoziale Probleme, den Ablauf des Asylverfahrens sowie eine Test- und Präventionsberatung, um das persönliche HIV- und STI-Risiko zu verringern. Aufgrund der psychologischen Belastungen sind in dieser Flüchtlingsgruppe Suizidalität, Drogengebrauch oder Prostitutionserfahrungen nicht selten und bedürfen einer intensiven Auseinandersetzung mit den Menschen und ihren Ängsten sowie Erfahrungen.

Ziel sollte es dabei stets sein, die LSBTI-Flüchtlinge in ihrem neuen Lebensumfeld in Deutschland zu stabilisieren, ein Bleiberecht zu erwirken sowie ihnen Chancen auf Arbeit und Wohnraum zu ermöglichen. Ein entsprechendes Modellprojekt wird z. B. bereits von der Schwulenberatung in Berlin mit wachsendem Erfolg umgesetzt. Darüber hinaus ging gerade am heutigen Tag auch die neue Informationsseite "queer refugees welcome" der Deutschen AIDS-Hilfe an den Start. Unter www.queerrefugeeswelcome.de können sich Flüchtlinge entsprechend informieren – derzeit allerdings erst einmal nur auf Deutsch, Englisch und Arabisch.

Quelle:
Satellitensymposium II "Schwerpunkt Flüchtlinge", 17. Münchner AIDS- und Hepatitis-Tage, 23.03.2018, Berlin.