Alkoholabhängigkeit – Im Westen nichts Neues

Von der hundertprozentigen Durchseuchung der Gesellschaft

In Deutschland betreiben ca. 12,88 Millionen Menschen einen risikobehafteten bis hin zu schädlichen Alkoholkonsum – das sind über 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Anfälligkeit ist teilweise genetisch bedingt.

Jede Gesellschaft hat ihre Drogen und so gehört Alkohol wohl zu der prominentesten in der westlichen Hemisphäre. Doch im Vergleich zum Zigarettenkonsum sind die Zahlen bei Alkohol alles andere als rückläufig. Die Zahl der stationären Aufenthalte bei alkoholbedingten Erkrankungen hat seit dem Jahr 2000 um 21,5 Prozent zugenommen. Viele Menschen sind sich jedoch eines erhöhten Alkoholkonsums gar nicht bewusst, zumal die Folgen meist erst nach Jahren des Missbrauchs zu Tage treten. Oft wird vergessen, dass die Alkoholabhängigkeit die häufigste Folgeerkrankung eines erhöhten Alkoholkonsums ist.

Symptome der Alkoholabhängigkeit

Diese Stigmatisierung, dass Alkoholabhängigkeit mit einem schwachen Willen zusammenhängt, ist widerlegt, da eine Alkoholabhängigkeit zu einem Drittel genetisch bedingt ist. Besonders trinkfeste Menschen haben dafür eine genetische Veranlagung. Sie werden alkoholabhängig, da sie gar nicht merken, wie viel Alkohol sie eigentlich konsumieren. Verträglichkeit ist also ein Risikofaktor, wie auch Verfügbarkeit bzw. die Vulnerabilität einer Person. Viele Menschen fangen einfach an zu trinken, weil in der Umgebung auch getrunken wird. Und dieser Konsum ist alltagstauglich. In der Sprache der Infektionskrankheiten besteht eine 100-prozentige Durchseuchung der Gesellschaft mit Alkohol - das heißt jeder kommt in Kontakt damit. Anders als zum Beispiel bei Opiaten, wo die eigene Vulnerabilität oft gar nicht erst testet wird.

Neben einem starken Wunsch, die Substanz einzunehmen, und Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, ist wohl das Kernsymptom der Alkoholabhängigkeit, dass der Patient um die Schädlichkeit des Konsums weiß, ihn allerdings nicht abstellt. Nach einem besonders negativen Erlebnis neigt der Alkoholabhängige oft dazu, sich vorzunehmen, nie wieder Alkohol zu trinken. Doch schon nach kurzer Zeit entsteht ein Suchtdruck, doch wieder das Suchtmittel zu konsumieren. Die Phasen der Enthaltsamkeit werden im Laufe der Abhängigkeit immer kürzer. Dinge, die mit einem hohen Alkoholkonsum kompatibel sind, werden zunehmend wichtiger - bis das Leben nur noch aus Alltagssituationen besteht, die mit Alkoholkonsum zu verbinden sind. Erschwerend kommt hinzu, dass sehr viele Abhängige keine Entzugserscheinungen haben.

Dopamin-Markierung in den Köpfen

Ein Kernaspekt bei der Alkoholabhängigkeit scheint die Ausschüttung von Dopamin zu sein. Dopamin lädt die Umgebungsfaktoren auf, die mit dem Alkoholkonsum zusammenhängen. Wenn der Kneipenbesuch durch Dopamin aufgeladen wird - vergleichbar etwa mit einem "Like" bei Facebook - so werden die Menschen, mit denen Alkohol konsumiert wird, pharmakologisch "geliked", sodass diese Situationen und Orte immer mehr in den Vordergrund geraten. Die kognitive Kapazität ist immer mehr mit Situationen, Orten und Menschen befasst, die mit Alkohol assoziiert waren, weil sie eine besondere Bedeutung vermittelt bekommen haben. Über diese Dopamin-Markierung erhalten sie eine hohe Relevanz durch den Filter der Wahrnehmung. Die Schwierigkeit für die Medizin liegt darin, eine Suchtschwelle festzulegen, sodass nicht erst auf dem Höhepunkt der Sucht, also bei der Entgiftung, angefangen wird, zu therapieren.

Behandlungsoptionen bei Alkoholabhängigkeit

Die Therapieziele bei einer diagnostizierten Alkoholabhängigkeit sind die Förderung der Krankheitseinsicht mit einer einhergehenden Motivation zur Veränderung. Damit gehen die Behandlung von Folge- und Begleiterkrankungen, die Verbesserung der psychosozialen Situation, eine angemessene Lebensqualität und die Sicherung des Überlebens einher. Um dies zu erreichen, muss eine Konsumreduktion erfolgen und alkoholfreie Phasen aufgebaut werden, um letztendlich eine dauerhafte Abstinenz zu erreichen.

Reine traditionelle körperliche Entzugsbehandlungen, in denen der Patient in 3-5 Tagen entgiftet wird, sind da nicht besonders vielversprechend. Nach 52 Wochen sind statistisch gesehen weniger als 3 Prozent der Patienten weiterhin abstinent. Die Erfolgschancen sind bei einem qualifizierten Entzug, einem Entzug mit psychotherapeutischer Begleitung, deutlich höher. Hier liegen die Abstinenzzahlen nach 6-28 Monaten bei 32-46 Prozent. Die Aufgabe des Therapeuten ist es vor allem, die Grunderkrankung zu behandeln, wenn der Entzug bereits vollzogen ist. Das kann nur bei einem klinischen Mindestaufenthalt von drei Wochen erfolgen. Der Patient muss mit den Problemen des Alkoholkonsums konfrontiert werden und die Zeit idealerweise dafür nutzen, für sich eine Entscheidung zu treffen, dass er ohne Alkohol besser seine Ziele erfüllen kann.

Fazit

Je weniger Alkohol desto besser. Hierbei ist es egal, ob man Alkohol besonders gut verträgt, man abhängig ist oder nicht. Alkohol schädigt auf Dauer alle Organe, führt zu einer Reihe von Folgeerkrankungen und wirkt sich negativ auf die Lebenserwartung aus. Wie bei jedem anderen Suchtmittel auch, sind die Gründe für die Abhängigkeit meist in der Umwelt des Patienten zu finden. Die Problematik hierbei ist die allgegenwärtige Verfügbarkeit des Suchtmittels. Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren auch von politischer Seite mehr zu Prävention und zur Ursachenbehandlung von Suchterkrankungen getan wird.

Referenz:

  1. Symposium "Alkoholabhängigkeit", World-Psychiatry-Congress, 10.10.2017, 15:15 – 16:45, Hall A3; Messe Berlin.
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