Aktenzeichen "Double dangerous": Gefährliche Atemwegsinfektionen durch Pneumokokken

Pneumokokken sind grampositive Bakterien, die wie Bonnie und Clyde meistens im Doppelpack auftreten. Besonders gefährlich sind die Übeltäter für immunschwache Bevölkerungsgruppen: Immunsupprimierte, Senioren, Babys und Kleinkinder.

Fast jeder kennt jemanden aus dieser Gruppe, den er gerne vor Ihnen schützen würde?! Der Schutz der Liebsten funktioniert jedoch nur, wenn sich auch die gesunde Bevölkerungsgruppe impfen lässt. Aktuell sind nach Daten des Robert-Koch-Instituts 31,4% der 65- bis 79-Jährigen gegen Pneumokokken geimpft. Für die Altersgruppen unter 65 Jahren konnte keine Daten zum Impfstatus erfasst werden.1

Pneumokokken sind der führende Grund für Pneumonien im Kindesalter. Jedes Jahr sterben über 1 Million Kinder an einer Pneumokokken-Pneumonie.2 Wir können selbst mit einer früh begonnenen Antibiotika-Therapie nicht alle Todesfälle verhindern. Tragisch und für die betroffenen Familienmitglieder herzzerreißend. 2-10% der Fälle verlaufen tödlich und bei 15% bleiben schwerwiegende Residualschäden zurück.

In den Industrienationen verursachen Pneumokokken rund 30% der Pneumoniefälle bei Erwachsenen. Die Mortalitätsrate der adulten Bevölkerung liegt bei 11-40%.3 All der Schmerz und die Trauer wären unter Umständen impfpräventabel gewesen...

Multilokale Komplikationen

So wie Bonnie und Clyde an vielen Orten ihr kriminelles Werk vollbrachten, so sind auch die Pneumokokken vielerorts am Werk. Otitis media, Ulcus serpens und Sinusitis gehören zum pathogenen Repertoir der Pneumokokken. Am gefürchtetsten ist die Pneumokokken-Meningitis. Die Pneumokokken gelangen hämatogen an ihren Zielort und bewirken dort eine Entzündung der Arachnoidea und der Pia mater. Begleitend kann es zu einem Hirnödem mit intrakranieller Hypertension kommen. Die beste Hilfe: Das rechtzeitige Impfen.

Uns stehen derzeit 2 Pneumokokken-Impfstoffe zur Verfügung. Der Polysaccharid-Impfstoff (PPSV23) besteht aus den Zuckermolekülen der Bakterienhülle von 23 Pneumokokken-Serotypen. Der Konjugat-Impfstoff (PCV13) schützt vor 13 Pneumokokken-Serotypen. PCV13 enthält einen zusätzlichen Serotypen, der nicht in PPSV23 enthalten ist.

Der Polysaccharid-Impfstoff PPSV23 und die Polysaccharid-Konjugat-Impfstoffe PCV7 und PCV13

Daten einer Studie des amerikanischen Pharmaunternehmens Merck Sharp & Dohme aus dem Jahr 2011 zufolge soll eine Impfung mit PPSV23 vor 80-90% der durch Pneumokken hervorgerufenen Erkrankungen schützen.4 Daten aus dem Jahr 1991 geben für die Wirksamkeit des Polysaccharid-Impfstoffs 65% an.5

Die Effektivität hängt ja wesentlich davon ab, welche Serotypen im jeweiligen Land prädominant sind. PPSV23 konnte zwar die Rate invasiver Pneumokokken-Erkrankungen in Studien senken, jedoch nicht verhindern, dass man weiterhin Überträger bleibt.6

Pneumokokken-Impfung bei Kindern

Im Kindesalter stellt sich die Verteilung der Pneumokokken-Serotypen anders als in der erwachsenen Bevölkerungsgruppe dar. Ein Review7 aus dem Jahr 2016 versucht Klarheit in das Thema Pneumokokken-Impfung zu bringen.

In der Hochrisikogruppe der Kinder unter 2 Jahren konnte der Polysaccharid-Impfstoff PPSV23 leider keine humorale Immunantwort auslösen. Die repetitiven Untereinheiten der Polysaccharid-Kapsel der Pneumokokken lösen T-Zell-unabhängig eine Immunantwort durch die Antikörper-produzierenden B-Zellen aus. Somit ist die Immunantwort auf PPSV23 T-Zell-unabhängig.8 T-Helferzellen sind Teil des immunologischen Gedächtnisses. T-Zell-Unabhängigkeit im Alter unter 2 Jahren bedeutet, dass die sekundäre Immunantwort bei erneutem Kontakt mit Pneumokokken-Antigenen ausbleibt.3 Aus diesem Grund wurde für Kinder unter 2 Jahren ein Polysaccharid-Konjugat-Impfstoff entwickelt.

PCV7 senkt die Hospitalisierungsrate

Bei dem Konjugat-Impfstoff wurden die Polysaccharid-Antigene mit dem Diphterietoxin kombiniert, um eine protektive T-Zell-abhängige Immunantwort generieren zu können. Mittels PCV7 konnten höhere Antikörper-Titer bei Personen, die zuvor den unkonjugierten Impfstoff erhalten hatten ausgelöst werden.7

Der im Jahr 2002 hergestellte 7-valente Konjugatimpfstoff (PCV7) war ein großer Erfolg. Die Pneumokokken-Infektionsrate bei Kindern unter 2 Jahren konnte nicht nur bei den geimpften, sondern auch bei den nicht geimpften Kindern durch Herdenprotektion deutlich gesenkt werden.9,10,11 Auch bei der älteren mit PCV-7 geimpften Bevölkerungsgruppe nahm die Anzahl an Krankenhauseinweisungen durch Pneumokokken-Infektion signifikant ab.12 Im Gegensatz zum PPSV23-Impfstoff konnte die Anzahl an asymptomatischen Pneumokokken-Überträgern in der geimpften (Kind) und der ungeimpften (Familienmitglieder) Bevölkerungsgruppe reduziert werden. Die Anzahl an Mittelohrentzündungen in der Bevölkerung änderte sich jedoch nicht.13,14

PCV13 soll dem Serotypen-Replacement entgegenwirken

Der seit 2009 in Deutschland erhältliche Konjugatimpfstoff PCV13 enthält im Vergleich zu PCV7 zusätzlich 5 Serotypen des PPSV23-Impfstoffes. Im Vergleich zu PCV7 und PPSV23 besitzt PCV13 zusätzlich den Serotypen 6a. Nach Einführung von PCV13 zeigte sich erneut ein Rückgang der invasiven und nicht invasiven Pneumokokken-Infektionen der in PCV13 enthaltenen Serotypen.11,15

"Vaccine side effects"

Mögliche Nebenwirkungen der Pneumokokken-Impfung können sein: Rötung und Schwellung an der Einstichstelle, allgemeines Krankheitsgefühl, Kopfschmerz, Fatigue und Myalgie.4

Nächste Woche erfahren wir Näheres über die Pneumokokken-Serotypenverteilung in Deutschland und die Pneumokokken-Impfung in der älteren Bevölkerungsgruppe. Es bleibt spannend.

Referenzen:
1. http://edoc.rki.de/oa/articles/reb7vPK7TXrvs/PDF/28zSzwwnYZBs.pdf
2. Wardlaw T. et al. (2006). Pneumonia: The forgotten killer of children. New York: United Nations Children's Fund/World Health Organization; 2006. UNICEF/WHO; ISBN-13:978-92-806-4048-9/ISBN-10:92-806-4048-8
3. Bridy-Pappas AE, Margolis MB, Center KJ, Isaacman DJ. Streptococcus pneumoniae: description of the pathogen, disease epidemiology, treatment, and prevention. Pharmacotherapy. 2005;25(9):1193–1212.
4. Pneumovax23 (pneumococcal vaccine polyvalent) [package insert] Whitehouse Station, NJ: Merck & Co., Inc.; 2011.
5. Shapiro E.D. et al. (1991).The protective efficacy of polyvalent pneumococcal polysaccharide vaccine. N Engl J Med. 1991;325(21):1453–1460. 
6. Hamborsky J. et al. (2015). Centers for Disease Control and Prevention. Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases. 13th ed. Washington DC: Public Health Foundation; 2015. 
7. Daniels C.D. et al. (2016). A Review of Pneumococcal Vaccines: Current Polysaccharide Vaccine Recommendations and Future Protein Antigens. J Pediatr Pharmacol Ther. 2016 Jan-Feb; 21(1): 27–35.
8. Heilmann C. (1990). Human B and T lymphocyte responses to vaccination with pneumococcal polysaccharides. APMIS Suppl. 1990;15:1–23. 
9. Hammitt L.L. et al.(2006). Indirect effect of conjugate vaccine on adult carriage of Streptococcus pneumoniae: an explanation of trends in invasive pneumococcal disease. J Infect Dis. 2006;193(11):1487–1494. 
10. Whitney C.G. et al. (2003). Decline in invasive pneumococcal disease after the introduction of protein-polysaccharide conjugate vaccine. N Engl J Med. 2003;348(18):1737–1746.
11. Richter S.S. et al.(2013). Pneumococcal serotypes before and after introduction of conjugate vaccines, United States, 1999–2011. Emerg Infect Dis. 2013;19(7):1074–1083.
12. Griffin M.R. et al. (2013).US hospitalizations for pneumonia after a decade of pneumococcal vaccination. N Engl J Med. 2013;369(2):155–163.
13. Haber M. et al. (2007).Herd immunity and pneumococcal conjugate vaccine: a quantitative model. Vaccine. 2007;25(29):5390–5398. 
14. Fedson D.S. et al.(2004). Pneumococcal polysaccharide vaccine. In: Plotkin SA, Orenstein WA, editors. Vaccines. Philadelphia: WB Saunders; 2004. pp. 529–588.
15. Bryant K.A. et al. (2010). Safety and immunogenicity of a 13-valent pneumococcal conjugate vaccine. Pediatrics. 2010;125(5):866–875.

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