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Anaphylaxie-Risiko nach Impfung: Wie hoch ist das Risiko wirklich?

Der Begriff Anaphylaxie setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern "ἀνά", welches mit "auf" und "φύλαξις", welches mit Beschützung oder Bewachung übersetzt werden kann. Die auf einer Immunreaktion des Typ I und III beruhende systemische allergische Reaktion führt zur "Wehrlosigkeit" des Körpers.

Der Begriff Anaphylaxie setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern "ἀνά", welches mit "auf" und "φύλαξις", welches mit Beschützen oder Bewachung übersetzt werden kann. Die auf einer Immunreaktion des Typ I und III beruhende systemische allergische Reaktion führt zur "Wehrlosigkeit" des Körpers.

Woran erkennt man eine Anaphylaxie im klinischen Alltag?

Die Manifestationsorte der Anaphylaxie können die Haut, die Atemwege, das Herz-Kreislauf-System und der Gastrointestinaltrakt sein (s. Abb.1). Der anaphylaktische Patient kann ein Kribbeln oder Hitzegefühl im Bereich des Rachen, der Zunge, der Hand- und Fußflächen verspüren. Typische Symptome sind auch Pruritus, Urtikaria, Rötung der Haut, Augenlid-, Lippen- und Mundschleimhautschwellung. Auch eine ausgeprägte Atemproblematik mit Brustengegefühl kann auftreten. Auffällig ist ein inspiratorischer Stridor, bei dem umgehend Notfallmaßnahmen mit Sauerstoffgabe und intramuskulärer Adrenalininjektion überlebenswichtig sind. Die gastrointestinalen Beschwerden äußern sich in Übelkeit, Erbrechen, sowie Defäkation. Es können Schwäche- und Schwindelanfälle bis hin zur Bewusstlosigkeit und Schock auftreten.1


Abbildung 1: Schweregradskala anaphylaktischer Reaktionen.1

Die unten angeführte Tabelle aus der S2-Leitlinie stellt die Alarmgrenzen dar, bei denen bei jedem Mediziner die Warnglocken leuten sollten (s. Abb.2).


Abbildung 2: Alarmgrenzen.1

Pathophysiologie anaphylaktischer Reaktionen

Eine mit Antigen-Antikörper-Komplexen beginnende Kaskade endet bei der Typ III Immunreaktion in kapillären Verschlüssen und einer Aktivierung des Komplementsystems. Die erhöhte Schleimproduktion und die Kontraktion der glatten Muskulatur zeigen sich klinisch als Asthma bronchiale. Durch die erhöhte Gefäßpermeabilität und die verschlossenen Kapillaren wird dem Kreislaufsystem Flüssigkeit entzogen und es kommt zum Kreislaufkollaps.1

Es ist verständlich, dass diese potenziell lebensbedrohliche Reaktion des menschlichen Immunsystems verunsichert. Glücklicherweise tritt die anaphylaktische Reaktion nach Impfung in extrem seltenen Fällen2 auf und kann im klinischen Alltag in der Regel direkt behandelt werden. Laut der S2-Leitlinie zur Akuttherapie und Management der Anaphylaxie1 zählen Arzneimittel zu den seltensten Triggern anaphylaktischer Reaktionen (s. Abb.3).


Abbildung 3: Auslöser anaphylaktischer Reaktionen1

Risikofaktoren für eine anaphylaktische Reaktion nach Impfung

Natürlich ist es Pflicht des behandelnden Arztes, in der Anamnese nach Asthma und jeglicher Allergie zu fragen. Diese stellen nämlich Risikofaktoren für das Auftreten einer Anaphylaxie nach Impfung dar.2 Weitere wichtige Risikofaktoren für anaphylaktische Reaktionen sind ein hohes Alter, Leukotrien- und Mastzellstimulierende Medikamente (NSAR), hochgradige kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Mastozytose.1,3

Anaphylaxie-Register für Deutschland, Österreich und die Schweiz

Auf der Webseite www.anaphlaxie.net erhält man die aus den drei Ländern erhobenen Daten zu anaphylaktischen Reaktionen. Aus dem unten beigefügten Diagramm ist ersichtlich, dass die Anzahl der Allergiker in den letzten Jahren seit 2007 gestiegen ist mit einem leichten Rückgang 2015/2016 (s. Abb.4).4


Abbildung 4: Fallzahlentwicklung Allergiker4


Abbildung 5: Statistik des Anaphylaxie-Registers für Deutschland, Österreich und die Schweiz4

Daten aus dem "European Anaphylaxis Registry"

Das Europäische Anaphylaxie-Register hat die Daten von insgesamt 1.970 Anaphylaxie-Patienten (≤ 18 Jahre) aus 10 europäischen Ländern erhoben. Teilgenommen an der Web-basierten Datenerhebung haben Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Irland, Griechenland, Spanien, Bulgarien, Italien und Polen.5

Haupttrigger Nahrungsmittel

In 66% der Fälle war der Auslöser ein Nahrungsmittel, in 19% Insektengift und in 5 % der Fälle wurde die anaphylaktische Reaktion durch ein Medikament getriggert.5


Abbildung 6: Häufigkeit der verschiedenen Anaphylaxie-Auslöser im Kindes- und Jugendlichenalter.5

Wie hoch ist denn eigentlich das Risiko für eine Anaphylaxie nach Impfung? Ist diese Angst begründet?

Nach Auswertung von 25.173.965 Impfdosen aus der "Vaccine Safety Datalink"-Datenbank konnte gezeigt werden, dass die Wahrscheinlichkeit für eine anaphylaktische Reaktion nach Impfung sehr, sehr gering ist. Nur bei 33 von 25.173.965 Patienten kam es nach Impfung zur gefürchteten Reaktion.2 Doch auch wenn die Anaphylaxie nach Impfung eine Seltenheit ist im klinischen Alltag darstellt, so sollte man trotzdem perfekt auf den Ernstfall vorbereitet sein.

Wie sieht so ein Notfallset aus?

Ein Notfallset ist ein Muss für jeden impfenden Arzt. Ein Adrenalin-Injektor, ein Antihistaminikum und ein Glucocorticoid stellen hierbei die Hauptkomponenten dar. Der Wirkeintritt des intramuskulär an der Oberschenkelaußenseite verabreichten Adrenalins liegt bei 5-10 min. Das Glucocorticoid zeigt erst nach etwa 60 min Wirkung. Leidet der Patient unter einer infektiösen Erkrankung wie Hepatitis oder Tuberkulose oder wurde kürzlich mit einem Lebendimpfstoff geimpft, so ist in diesem Fall Vorsicht geboten. Auch eine Niereninsuffizienz, ein Ulcus der gastrointestinalen Schleimhäute und eine Myasthenia gravis erfordern eine strenge Indikationsstellung einer weiteren Glucocorticoidtherapie.

Bei der Gabe des Antihistaminikums sind die Kontraindikationen Engwinkelglaukom, Restharnansammlung und Antihistaminika-Allergie zu beachten. Eine Überdosierung sollte aufgrund der damit einhergehenden Atemschwäche und ZNS-Symptomatik vermieden werden. Bei Schwellung des Rachens sollte man darauf achten, flüssige Präparate anstatt Tabletten zu verwenden. Tritt zusätzlich eine Obstruktion der Bronchien auf, so hilft hier Salbutamol-Spray weiter.1,6 Unten aufgeführt findet Sie zwei Tabellen mit allen wichtigen Informationen zum Notfallset bei Anaphylaxie.


Tabelle 1: Anaphylaxie-Notfallausrüstung6


Tabelle 2: Anaphylaxie-Pharmakotherapie6

Referenzen:
1. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/061-025l_S2k_Akuttherapie_anaphylaktischer_Reaktionen_2013-12.pdf
2. McNeil M.M. et al. (2016).Risk of anaphylaxis after vaccination in children and adults. J Allergy Clin Immunol. 2016; 137(3):868-878
3. Worm M. et al. (2012). Symptom profile and risk factors of anaphylaxis in Central Europe. Allergy 2012;67:691-8
4. www.anaphlaxie.net 
5. Grabenhenrich et al.(2016). Anaphylaxis in children and adolescents: The European Anaphylaxis Registry. J Allergy Clin Immunol. 2016 Jan 21, Issue 4, Pages 1128-1137.e1
6. https://www.gpau.de/fileadmin/user_upload/GPA/dateien_indiziert/Leitlinien/Leitlinie_Anaphylaxie_2014.pdf