ADHS erhöht die Sterblichkeit

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Eine neue Studie ergibt, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-, und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) die Sterblichkeit erhöht.

Immer wieder entzünden sich in der Fachwelt der Psychiatrie Debatten darüber, ob es sich bei bestimmten Diagnosen um tatsächliche Krankheitsbilder oder nur um Spielarten des menschlichen Geistes handelt. Das sogenannte Burnout sorgte unter anderem für Diskussionen, aber auch ADHS hat das Potenzial zu entzweien. Während man das Burnout den Depressionen zuordnen kann und damit jene beschwichtigt, die behaupten Burnout sei eine Modeerscheinung, steht ADHS weiterhin unter Verdacht als kurzfristige Laune der Psychiatrie jederzeit von der Bildfläche zu verschwinden. Eine Erkrankung, die so flüchtig ist wie die Aufmerksamkeit der betroffenen Patienten, spotten manche. Dabei läuft man eventuell Gefahr das tatsächliche Leid der Betroffenen zu unterschätzen: eine große Studie (DOI: 10.1016/S0140-6736(14)61684-6), die dieses Jahr erschienen ist, zeigt, dass ADHS mit einer erhöhten Mortalität einhergeht.

In Deutschland kommt ADHS bei Kindern und Jugendlichen häufig vor: es wird geschätzt, dass 5 Prozent der 3 bis 17-Jährigen an ADHS leiden, etwa 60 Prozent davon zeigen auch im Erwachsenenalter noch Symptome. Die Erkrankung ADHS zeichnet sich durch die Komponenten Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität aus. Betroffene legen ein gewisses Risikoverhalten an den Tag, welches eventuell zu vermehrten Unfällen und frühem Tod führen kann. Andere Studien haben diese Vermutung bereits nahe gelegt, doch in der neuen Studie von Dalsgaard und seinen Kollegen von der dänischen Aarhus Universität wird der Zusammenhang erstmals sehr systematisch anhand einer großen Kohorte untersucht.

Insgesamt wurden fast 2 Millionen Menschen untersucht, davon hatten 32 000 eine ADHS-Diagnose. Während des Beobachtungszeitraums von 24,9 Millionen Personenjahren verstarben 5580 Mitglieder der Kohorte.

ADHS-Erkrankte sterben eher

Das Ergebnis ist besorgniserregend: bei Personen mit ADHS lag die Mortalität pro 10000 Personenjahre bei 5,85, verglichen mit 2,21 bei Personen ohne ADHS. Dalsgaard und seine Mitarbeiter bemühten sich potenzielle Störvariablen auszuschalten und adjustierten für Kalenderjahr, Alter, Geschlecht, familiäre Vorgeschichte für psychische Erkrankungen, Alter von Mutter und Vater sowie Bildungsstand und Beschäftigungsverhältnis der Eltern. Außerdem untersuchten die Wissenschaftler den Einfluss von Komorbiditäten, wie oppositionelles Trotzverhalten, soziale Anpassungsstörung und Substanzmissbrauchsstörung auf die Mortalitätsraten von ADHS-Betroffenen. Auch nach Ausschluss der genannten Komorbiditäten, führt eine ADHS-Erkrankung zu erhöhten Sterberaten (das adjustierte Verhältnis der Mortalitätsraten betrug 1,50 in einem 95 % Konfidenzintervall, KI: 1,11-1,98). Die Todesursachen waren vor allem unnatürlich, meist handelte es sich um Unfälle.

Je später die Diagnose gestellt wird, desto gefährdeter sind die Betroffenen

Obwohl ADHS eine Erkrankung ist, die meist mit dem Kindes-und Jugendalter assoziiert wird, kann es auch vorkommen, dass die Diagnose in dieser Altersperiode übersehen und erst später gestellt wird. Dalsgaard und seine Mitarbeiter stellten fest, dass das Verhältnis der Mortalitätsraten mit steigendem Diagnosealter zunahm. Menschen, die nach dem 18. Lebensjahr ihre Diagnose erhielten, waren besonders gefährdet frühzeitig zu sterben. Gründe können nur angenommen werden: zu einigen Gefahrenquellen haben Kinder noch keinen Zugang (sie nehmen zum Beispiel nicht am Verkehr teil), so können sie zunächst im geschützten Umfeld lernen mit der Erkrankung umzugehen und vorsichtiges Verhalten trainieren. Sie werden gewissermaßen frühzeitig für die Risiken sensibilisiert, was im Erwachsenenalter entfällt.

Weibliches Geschlecht erhöht Risiko zusätzlich

Überraschend war, dass Mädchen und Frauen von der Problematik stärker betroffen schienen als ADHS-Erkrankte männlichen Geschlechts. Die Sterberate der Frauen mit ADHS lag bei 3,01, während die der Männer bei 1,93 lag. Eventuell ist die Ursache hier in dem abweichenden Krankheitsbild zu finden: Mädchen mit ADHS sind seltener hyperaktiv, dafür lassen sie sich leicht ablenken und gelten als tagträumerisch. Da diese Eigenschaften in der Klassengemeinschaft weniger Aufmerksamkeit und Unruhe erzeugen, werden sie eventuell eher verharmlost und die betroffenen Mädchen können somit nicht adäquat behandelt und geschult werden.  Insgesamt scheinen Frauen seltener von ADHS betroffen als Männer: in der Studie von Dalsgaard et al. waren 26 Prozent der Studienteilnehmer weiblich.

Die dänische Studie zeigt, dass ADHS mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist und Betroffene deshalb gezielt geschult werden müssen. Insbesondere sollten erwachsene ADHS-Betroffene intensiv begleitet werden, auch wenn ihre Probleme den Alltag nicht so dominieren, wie es bei ADHS im Kindesalter der Fall sein mag. Präventionsprogramme sollten flächendeckend verfügbar sein.

Text: esanum /kme

Foto: Lapina / Shutterstock.com

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