Ärzteschaft warnt vor Ökonomisierung der Patientenversorgung

Im Gesundheitswesen geht es um das Wohl von Millionen Menschen - und um Milliardensummen. Das lockt Finanzinvestoren an, wie Medizinerinnen und Mediziner mit Sorge sehen. Auch in Kliniken gebe es bedenkliche Entwicklungen.

Unvereinbarkeit mit ärztlichem Ethos

Im Gesundheitswesen geht es um das Wohl von Millionen Menschen - und um Milliardensummen. Das lockt Finanzinvestoren an, wie Medizinerinnen und Mediziner mit Sorge sehen. Auch in Kliniken gebe es bedenkliche Entwicklungen.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat vor wachsendem wirtschaftlichen Druck auf die Behandlung von Patientinnen und Patienten gewarnt. "Wir wollen ein humanes Gesundheitswesen haben, das nicht so durchökonomisiert ist wie ein Industriebetrieb", sagte der Chef der Bundesärztekammer. "Das ist unangemessen für die Versorgung von Kranken und mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar." Er verwies auf zunehmend problematische Bedingungen in Krankenhäusern, die zu "Effizienzdruck" führten. Es verschärfe sich auch der Trend zu einer Kommerzialisierung durch Finanzinvestoren, die medizinische Einrichtungen als Geldanlagen in den Blick nehmen.

"Die Strukturen im Gesundheitswesen müssen auch nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichtet sein, keine Frage", sagte Reinhardt. "Es ist aber auch dem berechtigten Anspruch der Erkrankten zu entsprechen, dass sie in einem Staat wie Deutschland angemessen behandelt werden. Nicht nur technisch, sondern auch menschlich."

Länder finanzieren Investitionen in Kliniken nicht genug 

Investitionen in Kliniken sollten eigentlich die Länder finanzieren, erläuterte der Ärztepräsident. Da dies oft nur unzureichend passiere, versuchten viele Häuser, es aus den Betriebserlösen zu stemmen und engagierten Unternehmensberater. Die versuchten dann mit Methoden wie aus der Autoindustrie, Krankenhausversorgung zu rationalisieren - mit Folgen: "Der Zeitmangel verschärft sich, vor allem die so wichtige Kommunikation zwischen Arzt und Patienten kommt oft zu kurz." Es gebe teils auch nicht genug Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte, um Wartezeiten zumutbar zu halten. "Dass daraus bei Patienten auch Unbehagen gegenüber dem Gesundheitswesen erwächst, kann keinen verwundern."

Reinhardt forderte: "Es muss dringend Abhilfe geschaffen werden, um das Vertrauen der Menschen in das System zu sichern." Dafür müsse sich auch die Kommunalpolitik Gedanken machen, ob wirklich alle Klinikstandorte erforderlich sind. "Wenn Krankenhäuser in benachbarten Landkreisen allein nicht überlebensfähig sind, könnte man doch beide Standorte zusammenführen – und zwar mit dem gesamten Personal." Das brächte Freiraum für Investitionen und vernünftige Arbeitsbedingungen. Es müsse aber auch Schluss damit sein, dass Standort-Entscheidungen in der Politik sofort angeprangert werden.

Fokus sollte auf vertrauensvolles Miteinander gerichtet sein

Beim bedenklichen Trend zur Kommerzialisierung gehe es nicht um private Krankenhausträger oder Ärztinnen und Ärzte, die sich zu mehreren zu einer Gruppenpraxis zusammentun. "Aber es ist problematisch, wenn Finanzinvestoren oder Pensionsfonds in Einrichtungen wie Medizinische Versorgungszentren (MVZ) einsteigen mit dem einzigen Ziel der Kapitalanlage", sagte Reinhardt. "Es gibt Grund zur Sorge, dass dann Ärzte zur Erfüllung von Renditezielen bedrängt werden, gezielt medizinische Leistungen vorzunehmen."

Auch die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) betonten die gemeinsame Verantwortung dafür, dass Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen Hand in Hand gehen. "Technik, Chemie und Biologie sind wichtig für die Behandlung kranker Menschen", sagte der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz. "Aber der professionellen Pflege, dem Ärztin-Patienten-Gespräch und einem vertrauensvollen Miteinander muss immer eine herausragende Bedeutung zukommen."

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