Ärztinnen in Deutschland: Dr. med. Christiane Groß im esanum Interview

Sind Haushalt und Familie in der Medizin in Deutschland immer noch Frauensache? Und wie ist eigentlich die Situation, besonders von jungen Ärztinnen, in einem immer noch männlich dominierten Fach? Dr. med. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, setzt sich seit Jahren für die Belange von Ärztinnen ein.

Laut Ärztestatistik 20181 waren im letzten Jahr 185.310 Ärztinnen und 207.092 Ärzte in Deutschland berufstätig. Lag der Anteil an Ärztinnen 1991 noch bei 33,6 Prozent, so hat er heute bereits 47,2 Prozent erreicht. Tendenz steigend. Aber:  Von insgesamt 4.945 Ärztinnen und Ärzten, die ohne Beschäftigung waren, weil sie sich um den Haushalt kümmerten, waren nur 512 männlich. Unter 7.576 Ärztinnen und Ärzten in Elternzeit gab es gerade einmal 167 Männer. Die Zahlen werfen Fragen auf. Sind Haushalt und Familie in der Medizin in Deutschland immer noch Frauensache? Und wie ist eigentlich die Situation, besonders von jungen Ärztinnen, in einem immer noch männlich dominierten Fach? Dr. med. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, setzt sich seit Jahren für die Belange von Ärztinnen ein. Im esanum Interview gibt sie Auskunft über die aktuelle Lage und wertvolle Tipps für junge Ärztinnen.

esanum: Der Anteil an Frauen im Medizinstudium steigt kontinuierlich an und betrug im Jahr 2015 bereits 63%. Müssen die männlichen Kollegen zukünftig um ihre Karrierechancen bangen?

Dr. Groß: Ich denke nicht, dass Männer zukünftig um ihre Karriere bangen müssen.  Im Moment sieht es ja so aus, dass gerade in den Spitzenpositionen noch viel Luft ist für Frauen. Da stehen wir aktuell bei 13 Prozent. Das hat unsere Untersuchung Medical Women on Top2 ergeben. In den nächsten Jahren müssen wir uns immer noch Gedanken darum machen, wie wir Frauen bei der Karriere unterstützen können. Im Moment bekommen wir von verschiedenen Seiten immer wieder erzählt, dass junge Ärzte vorgezogen werden. Zwei Begründungen dafür hören wir oft: Die Tatsache, dass junge Ärztinnen vielleicht schwanger werden, mindert ihre Chancen. Außerdem argumentieren Personalverantwortliche, die Teams müssten gemischt bleiben, darum nehmen sie gezielt Männer. 

Frauen müssen sich häufiger als Männer zwischen Karriere und Familie entscheiden

esanum: Während die Anzahl an Frauen und Männern bei der Promotion noch annähernd gleich ist, fallen die Zahlen bei der Habilitation rapide zu Ungunsten der Frauen.Woran liegt das?

Dr. Groß: Natürlich liegt das hauptsächlich daran, dass Frauen schwanger werden und Kinder bekommen und wir hier in Deutschland immer noch ein sehr traditionelles Rollenverständnis haben.  Es liegt aber auch daran, dass die Bedingungen, um während der Schwangerschaft weiter zu arbeiten, sich durch die neuen Mutterschutzgesetzgebung eher verschlechtert haben als verbessert. Die daraus resultierenden Beschäftigungsverbote betreffen auch die forschenden Ärztinnen.  

Nach der Elternzeit arbeiten Ärztinnen dann, solange die Kinder klein sind, häufig in Teilzeit. Das verlängert nicht nur ihre Weiterbildungszeit, sondern ist oft auch hinderlich für wissenschaftliches Arbeiten.  Zumindest erscheint es häufig so, angesichts der durchgängig arbeitenden männlichen Konkurrenz. Hinzu kommt, dass medizinische Wissenschaft leider meistens immer noch zusätzlich zur Facharztweiterbildung erfolgt, also in einer Zeit, die eigentlich Freizeit sein sollte. Die Zeit für die Forschung wird auf die normale Arbeitszeit draufgesattelt. Dabei ist die normale Arbeitszeit im Arztberuf nicht mit nur 40 Stunden pro Woche zu bewerten. Das heißt, dass Frauen sich häufiger als Männer entscheiden (müssen) zwischen Karriere und Familie. 

Es gibt zu wenig Frauen in Spitzenpositionen als Vorbilder und Rollenmodell

esanum: Obwohl die Anzahl berufstätiger Ärztinnen und Ärzte annähernd gleich verteilt ist, gibt es sehr viel weniger Frauen in Spitzenpositionen. Warum?

Dr. Groß: Auch das hat mehrere Gründe. Ein Grund liegt, wie schon gesagt, am traditionellen Rollenverständnis, das die Karrierechancen für Frauen mit Kindern schon einfach durch die verlängerte Weiterbildungszeit gravierend stört. Ein zweiter Grund besteht wahrscheinlich darin, dass Frauen sehr viel selbstkritischer sind und sich eher fragen, ob sie der Aufgabe gewachsen sind, und auch, ob sie sich das mit der Verantwortung tatsächlich "antun wollen". Das heißt, sie betrachten die Situation vielleicht auch realistischer als ihre männlichen Kollegen in Bezug auf Work-Life Balance. Ein dritter Grund findet sich darin, dass von Frauen tatsächlich mehr verlangt wird: Sie werden kritischer beobachtet, Fehler werden weniger verziehen. Diese Erkenntnis wiederum schreckt Frauen ab. Hinzu kommen die fehlenden Netzwerke. Männer werden häufiger empfohlen durch Vorgänger oder Kollegen. Und damit kommen wir zu einem weiteren Grund: Es gibt zu wenige Frauen in Spitzenpositionen als Vorbilder und Rollenmodell. Das führt dazu, dass insgesamt viel weniger Ärztinnen als Ärzte darüber nachdenken, sich auf einen Führungsposten zu bewerben. Und last but not least: Die Berufungsgremien sind immer noch mehrheitlich männlich besetzt.  Und meiner Meinung nach sind daher weniger Unterstützer für eine weibliche Bewerbung vorhanden.

esanum: Welche Fehler sollten junge Ärztinnen ihrer Meinung nach auf keinen Fall machen und was würden Sie ihnen raten?

Dr. Groß: Sie sollten schon bei der Bewerbung mutig sein und auch mal eine Qualifikationslücke riskieren. Das machen Männer nämlich ganz häufig. Sie sollten sich erkundigen, wieviel die Vorgängerin oder der Vorgänger verdient hat und auch mal mehr fordern als ihr Bauchgefühl ihnen als Grenze vorgibt. Frauen sollten versuchen, sich zu vernetzen und sich Mentoren – ja auch männliche – oder entsprechende Mentorinnen suchen. Sie sollten nicht denken, dass eine Mutter nur eine gute Mutter ist, wenn sie zu Hause bleibt oder Teilzeit arbeitet und nicht unhinterfragt die Hausfrau-und-Mutter-Rolle annehmen. Sie sollten nicht vergessen, wenn sie schon nicht Vollzeit arbeiten, zumindest ihre Ärzteversorgung weiter möglichst voll einzuzahlen, damit sie wenigstens später keine Einbußen bei der Rente haben. Ärztinnen sollten nicht zu lange Elternpause nehmen und möglichst schnell in den Beruf zurückkommen. Die Abteilung sollte Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf als Priorität anerkennen. Ärztinnen sollten aufhören zu denken, dass ihre Leistung hinter denen eines Kollegen zurückfällt und sich klar machen, dass wir erst dann Parität erreicht haben, wenn genauso viele mittelmäßige Frauen in Führungspositionen angelangt sind wie mittelmäßige Männer es heute schon sind, und dass das noch Jahrzehnte dauern wird.  

Ärztinnen sollten sich bewusst machen, welche Chancen sie haben. Aber sie sollten auf keinen Fall versuchen, Männer zu imitieren. Wir Frauen müssen es uns wert sein, dass wir Karriere machen und Spitzenpositionen erlangen, ohne dass wir uns verstellen oder anbiedern.  

Die Medizin ist schon seit Langem weiblich

esanum: Auf lange Sicht gesehen: Ist die Zukunft der Medizin weiblich?

Dr. Groß: Die Medizin ist schon seit Langem weiblich, denn es arbeiten einfach mehr Frauen im Gesundheitswesen als Männer, wenn wir alle Personen zusammenrechnen. Daher finde ich, die Frage setzt grundsätzlich an der falschen Stelle an. 

Tatsächlich glaube ich, dass es in der Ärzteschaft mehr und mehr Frauen geben wird. Es gab eine Zeit, da hatte man den Eindruck, dass es auch politisch gewollt war, das Ansehen der Ärzteschaft zu reduzieren. Dann wurde zusätzlich aus den eigenen Reihen immer wieder berichtet, dass man als Arzt und als Ärztin nicht mehr so gut verdienen würde wie früher. Festgesetzte Budgets, Regressverfahren u.ä. wirkten zusätzlich demotivierend, ebenso die zunehmende Bürokratisierung. Zugleich hatten wir eine Ärzteschwemme. Der Beruf – auch der in eigener Praxis – begann darum, für Männer weniger attraktiv zu werden.

Je mehr Frauen in den Beruf drängten, umso mehr nahm die Attraktivität für Männer ab. Hinzu kommt, dass inzwischen selbst Chefarztpositionen für Männer weniger attraktiv erscheinen. Gründe sind die zunehmende Ökonomisierung und der Druck der großen Krankenhaus-Konzerne, die ihre Prioritäten auf die Gewinnmaximierung legen. Es gibt nämlich zunehmend auch Männer, die sich genau überlegen, ob sie sich "das antun wollen". 

Ich schaue auch gerne auf eine andere Berufsgruppe, die ich im Werdegang vergleiche: die Lehrerschaft. Dieser Beruf ist inzwischen weitgehend weiblich, trotzdem sind die interessanten Stellen, und die Spitzenpositionen, noch oft männlich besetzt; d.h. man ist froh, wenn man dort eine Stelle an einen Mann geben kann. Aber bis wir in der Ärzteschaft an diesem Punkt ankommen, werden noch viele Jahre ins Land gehen. Und selbst dann glaube ich nicht, dass Männer benachteiligt werden. Ärztliche Tätigkeit ist dann vielleicht eher ein weiblicher Beruf und die Männer sind dann sehr in der Unterzahl, können aber sicher weiterhin Karriere machen – vergleichbar wie bei der Lehrerschaft.

1 https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Statistik2018/Stat18AbbTab.pdf, zuletzt abgerufen am 06.12.2019
2 https://www.aerztinnenbund.de/downloads/6/MWoT_update_2019.pdf, zuletzt abgerufen am 06.12.2019
3 https://www.aerztinnenbund.de/downloads/6/Ausschuss_fuer_Gesundheit_BT_Dr.Gross.pdf, zuletzt abgerufen am 06.12.2019
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