Ärztliche Kommunikation: viel erklären, nichts voraussetzen

Refluxbeschwerden, Angina pectoris, Karzinom? Ein Großteil der Ärzteschaft geht davon aus, dass Patientinnen und Patienten grundlegende medizinische Begriffe kennen.

Fehleinschätzungen führen zu unnötiger Diagnostik und Therapie

Refluxbeschwerden, Angina pectoris, Karzinom? Ein Großteil der Ärzteschaft geht davon aus, dass Patientinnen und Patienten grundlegende medizinische Begriffe kennen. Eine Umfrage in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019) zeigt jedoch, dass dies nicht immer der Fall ist. Selbst bei deutschsprachigen Begriffen, wie Darmspiegelung oder Sodbrennen, ist nicht immer klar, was genau damit gemeint ist.

"Leiden Sie unter Angina pectoris?" Für Ärztinnen und Ärzte ist das eine denkbar einfache Frage. Doch ein Drittel der knapp 200 Personen, die Privatdozent Dr. med. Felix Gundling und sein Team vom Klinikum Bogenhausen in München befragten, wusste nicht, wovon die Rede war. Ein weiteres Drittel meinte zu wissen, was eine Angina pectoris ist. Bei einer genaueren Befragung konnte jedoch nicht erklärt werden, dass es sich um anfallsartige Schmerzen in der Brust handelt, die auf schwere Durchblutungsstörungen im Herzmuskel hinweisen.

Umfrage zeigte unerwartete Ergebnisse

Der Begriff "Angina pectoris" ist dabei nur ein Beispiel von vielen: Etwa die Hälfte der Befragten glaubte zu wissen, was ein Body-Mass-Index, ein Teerstuhl, ein Ödem oder was Refluxbeschwerden sind. Auf Nachfrage konnten viele jedoch das Maß für Übergewicht und Fettleibigkeit, die Schwarzfärbung des Stuhls infolge von Darmblutungen, die Wassereinlagerungen im Gewebe bei Herz- und Nierenerkrankungen und das saure Aufstoßen nach dem Essen nicht erklären. Selbst bei deutschsprachigen Begriffen, wie Verstopfung, Darmspiegelung oder Sodbrennen, die fast alle zu kennen glaubten, kamen einige ins Stolpern, wenn sie erklären sollten, was sie genau darunter verstehen. Insgesamt fragten die Münchener Mediziner 43 häufige medizinische Fachbegriffe ab. Hinzu kamen Fragen zum Aufbau des menschlichen Körpers. Hierbei konnten die meisten Organe von drei Viertel der Teilnehmehmenden korrekt zugeordnet werden: Nur, wo sich Bauchspeicheldrüse oder Milz befinden, wussten weniger als die Hälfte der Befragten.

Am Ende der Befragung errechnete das Forschungsteam aus den korrekten Antworten für jede Person eine prozentuale Gesamtpunktzahl. Dieses Ergebnis bewerteten Gundling und sein Team zusätzlich anhand biografischer und soziografischer Einflussfaktoren: Personen mit längerer Schulbildung konnten die Fragen häufiger richtig beantworten. Frauen verfügten über mehr medizinisches Wissen als Männer. Privatversicherte waren besser informiert als Kassenpatientinnen und -patienten. Der Fernsehkonsum hatte keinen Einfluss auf den medizinischen Kenntnisstand. Zeitungslesen trug nur tendenziell zur Verbesserung des Wissensstands bei. "Die Medienpräsenz vieler Fachbegriffe, wie zum Beispiel Arteriosklerose oder Arterielle Hypertonie, garantiert kein 'Wissen' aufseiten der Patienten", betont Gundling. Auch häufige Arztbesuche scheinen nicht zur Bildung beizutragen. Ältere Menschen hatten größere Wissenslücken als jüngere.

Nachfragen, ob alles verstanden wurde

Ärztinnen und Ärzte schätzten die Kenntnisse ihrer Patienteninnen und Patienten häufig besser ein als sie seien, so Gundling. Die wenigsten würden sich deshalb durch Nachfragen vergewissern, ob sie wirklich verstanden wurden. Das aber sei für den Erfolg der Therapie wichtig: "Je besser ein Patient über seine Erkrankung informiert ist, desto größer ist seine Kooperation bei entsprechender Behandlung", erklärt er. Nichtwissen habe aber nicht nur Folgen für das Wohl der Patienten, sondern auch auf die Versorgungskosten.

"Eine ineffektive ärztliche Kommunikation führt häufig zu einer Fehleinschätzung der im Vordergrund stehenden Problematik oder zum Einsatz unnötiger diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen", ist Gundling überzeugt. So beträgt nach Schätzungen des US-amerikanischen Institute of Medicine der Anteil unnötiger oder wiederholter Untersuchungen an den Gesamtausgaben des Gesundheitssystems 30 Prozent. Umgerechnet auf Deutschland entspräche dies laut Dr. Gundling unnötigen Ausgaben alleine für Laborleistungen in Höhe von rund 2,6 Milliarden Euro und für strahlendiagnostische Untersuchungen von rund 2,8 Milliarden Euro.

Quelle: Thieme

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