Alkohol-Abusus ist größter Risikofaktor für Demenz

Rolle schweren Alkoholkonsums größer als bislang bekannt

Im Februar erschien im Lancet eine landesweite Studie aus Frankreich, die an über 1 Mio. Demenz-Diagnosen zeigt: Alkohol-Abusus ist der größte modifizierbare Risikofaktor für Demenz, insbesondere für early-onset Formen.

5–7 % der über 60-Jährigen sind von einer Form von Demenz betroffen und die steigende Inzidenz macht sie zu einer führenden Ursache für Behinderung weltweit.
Die größte Studie1 ihrer Art zeigt auf, dass einer der Hauptrisikofaktoren einer ist, gegen den wir eigentlich etwas tun könnten: Alkohol-Abhängigkeit.

Über die Hälfte der early-onset Demenzen mit Alkohol verknüpft

Eine retrospektive Analyse aller Erwachsenen, die zwischen 2008 und 2013 in städtischen Gebieten Frankreichs stationär waren (fast 32 Mio. Patienten), lieferte den Studienautoren 1.109.343 Fälle von Demenz. Darunter waren 57.353 (5,2 %) early-onset Demenzen und diese waren entweder definitionsgemäß alkoholbedingt (22.338 oder 38,9 %) oder hatten Alkoholmissbrauch als Begleitdiagnose (10.115 oder 17,6 %).

Schwarzinger und Kollegen diskutieren hierfür verschiedene Mechanismen, darunter einen direkten neurotoxischen Effekt von Ethanol und seinen Metaboliten, Vitamin-B1-Mangel und Folgen schweren Alkoholkonsums wie hepatische Enzephalopathie, Epilepsie, Kopfverletzungen, aber auch höhere Komorbiditäten und Lebensstil-Risikofaktoren für Demenz.2

Rolle alkoholbedingter Begleiterkrankungen

Alkoholismus geht häufig mit einem auch sonst nicht gesundheitsförderlichen Lebensstil und den daraus folgenden Komorbiditäten einher, wie schlechter Ernährung, Nikotinabusus, kardiovaskulären Erkrankungen, schlechterer Therapie-Compliance, Depression und sozialer Isolation.
Die Studienautoren versuchten dies zu berücksichtigen, indem potentielle Confounder erhoben und herausgerechnet wurden (Hypertonus, Übergewicht, Diabetes, Rauchen, Hyperlipidämie, Apoplex, pAVK, kardiale Probleme, Schwerhörigkeit, Schlafapnoe, Niereninsuffizienz, Depression, grobe gebietsbezogene Schätzer für sozio-ökonomischen Status und viele weitere).2

Von allen erhobenen Variablen war Alkoholmissbrauch der größte modifizierbare Risikofaktor für die Entstehung einer Demenz, mit einer bereinigten Hazard Ratio von 3,34 (95 % KI 3,28–3,41) für Frauen und 3,36 (3,31–3,41) für Männer.
Darüber hinaus war Alkoholmissbrauch signifikant mit allen anderen Risikofaktoren für Demenz assoziiert (alle p-Werte < 0,0001).

Vorerst keine Antwort auf die Frage, ob die Dosis allein das Gift macht

Ab welcher Menge Alkohol in welchem Maße schädlich ist, ist schon lange kontroverser Diskussionsgegenstand und wird es voraussichtlich auch noch für eine Weile bleiben.
In dieser Studie geht es wirklich um Alkohol-Abusus – nicht um ein Glas zum Abend, welches in Reviews etlicher strukturierter Arbeiten mit positiven Effekten, u. a. auf die kardiovaskuläre Gesundheit, in Verbindung gebracht wurde. Und was gut für die Gefäße ist, ist selbst laut den Studienautoren potentiell gut für die Durchblutung des Gehirns.

Aber um Paracelsus’ Worte zu entleihen: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei."
Für Männer liest man häufig von einer Grenze von 24 g reinem Alkohol pro Tag (entspräche 0,25 l Wein), bei Frauen von 12 g (z. B. 0,3 l Bier).
Einige Arbeiten vertreten jedoch die Position, dass selbst diese, bislang als tolerabel eingestuften Mengen, regelmäßig konsumiert, möglicherweise auch nicht unbedenklich sind.

Ein Problem bisheriger Studien ist, dass die Erfassung des Alkoholkonsums zumeist auf Eigenanamnesen der Probanden beruht. In der heute vorgestellten Studie sind die Patienten so alkoholkrank, dass die Diagnose klinisch zu stellen war (wenngleich auch hier freilich Fälle übersehen werden)  – die Autoren legten den Fokus auf diese Diagnose und nicht auf die Ermittlung eines Grenzwertes oder einer Dosis-Wirkungsbeziehung, für die das Alkoholvolumen bekannt sein müsste.2
Bei einem Konsum von über 60 g reinem Alkohol täglich (oder 40 g für Frauen) ist laut der WHO von schwerem Alkoholkonsum zu sprechen.

Obwohl Alkohol-Abstinenz für diese Patienten ein wichtiges Ziel mit großen Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenserwartung darstellt, ändert diese – zumindest laut den Ergebnissen dieser Studie – nachträglich nichts mehr am Demenzrisiko. Die durch langen Alkoholismus verursachten zerebralen Schäden sind lebenslänglich, also durch Abstinenz nicht mehr umzukehren.

Fazit

Die dem Alkohol zuzuschreibende Demenzlast ist laut diesen Ergebnissen wesentlich größer als bislang angenommen und übersteigt die bekannter Risikofaktoren wie Rauchen, Depression und Hypertonus.
Alkoholmissbrauch war in der Studie mit anderen unabhängigen Risikofaktoren für Demenz assoziiert, was darauf hinweist, dass Alkoholismus über viele verschiedene Wege zum Demenzrisiko beiträgt.

Alkoholabusus ist stark stigmatisiert, mit extrem niedrigen Therapie-Raten (etwa 10 % in Europa). Daher werden nur die schwereren Fälle der Alkoholabhängigkeit im Krankenhaus registriert. Ein Screening auf Alkoholabusus sollte unbedingt zur Tagesordnung der medizinischen Grundversorgung gehören.
Man möge sich das Ausmaß vor Augen führen, in welchem die steigende Inzidenz der Demenz weltweit durch Reduzierung des populationsweiten Alkoholkonsums gedrosselt werden könnte.

Referenzen:
1. Schwarzinger, M. et al. Contribution of alcohol use disorders to the burden of dementia in France 2008-13: a nationwide retrospective cohort study. Lancet Public Health 3, e124–e132 (2018).
2. Ballard, C. & Lang, I. Alcohol and dementia: a complex relationship with potential for dementia prevention. The Lancet Public Health 3, e103–e104 (2018).

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