Anonyme Therapie für Pädophile

Präventionsnetzwerk arbeitet seit 2005 erfolgreich mit Betroffenen 

"Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?" Hunderte Pädophile antworten mit "Ja" - und nehmen kostenlose und anonyme Hilfe von Experten in Anspruch.

Sie erzählen von ihrem Verlangen. Wann sie es bemerkt haben, wie stark es manchmal wird. Und wie sie damit umgehen. Ähnlich wie in Gruppen der Anonymen Alkoholiker. Doch hier geht es nicht um Wodka oder Wein. Es geht um Kinder. Sven, 45, berichtet vom Drang, "einer Schülerin näher zu kommen". Paul, 60: "Mit 24 wurde mit klar, dass ich mich sexuell zu Kindern hingezogen fühle." Christian, 43, schildert "Ersatzbefriedigungen" mit "schlanken jungen Prostituierten, die dem Kind-Schema entsprechen".  

Die Zitate sind echt. Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" hat sie veröffentlicht. Namen und Alter wurden geändert. "Ohne Anonymität und Schweigepflicht würde kaum jemand in unserer Therapiegruppen kommen", sagt Elisabeth Quendler. Die 42-jährige Psychologische Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Ulm hat berufsmäßig mit Pädophilen zu tun. 

Mit Männern - selten auch Frauen - also, die eine "sexuelle Präferenz für vorpubertäre Körper von Kindern" haben. Für Kinder wie den heute zehnjährigen Jungen aus Staufen bei Freiburg, der über zwei Jahre lang von der eigenen Mutter und deren Partner missbraucht und weiteren Tätern gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen wurde. In dem Fall werden bald die letzten Urteile gesprochen.

Pädophilie ist keine vorübergehende Neigung

Und erneut stellen viele die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Kinder sexuell missbraucht werden. Eine Frage, die sich zwischen Rügen und Schwarzwald auch Tausende von Pädophilen stellen. "Sie können ihre Sexualität genauso wenig einfach abschalten wie andere Menschen, aber sie wollen auf keinen Fall zu Straftätern werden", sagt die Ulmer Therapeutin Quendler. "Bei uns können sie das anonym thematisieren und sie dürfen auch über ihre Fantasien reden. Vielen hilft das, sexuelle Impulse zu kontrollieren."

In Ulm koordiniert die Therapeutin den einzigen Standort des Präventionsnetzwerkes "Kein Täter werden" im Südwesten. Insgesamt gibt es zwölf, darunter auch in Regensburg, Berlin, Hamburg und Hannover. Der Begriff "sexuelle Neigung" erscheint Quendler eher verharmlosend. "Es geht um etwas biologisch Festgelegtes, etwas Unveränderbares, das sich bereits in der Pubertät entwickelt."

Die Erkenntnis, pädophil veranlagt zu sein, werde oft als persönliche Katastrophe empfunden, berichten Experten übereinstimmend. Anders als Heterosexuelle, Schwule oder Lesben müssen Pädophile ihr Verlangen ständig unterdrücken, wenn sie Kinder vor sich schützen wollen. Viele erlebten immer wieder Scham und Selbstverachtung. "Einige berichten von Suizidabsichten, manche haben das tatsächlich versucht. Was wir nicht erfahren, ist, wie viele Selbsttötungen es wegen dieser sexuellen Präferenz tatsächlich gibt."

"Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?" Das Netzwerk stellt diese Frage und steht allen offen, die mit "Ja" antworten. Kostenlos, die Finanzierung der oft langwierigen Gruppen- und Einzeltherapien wird von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. Ausgeschlossen sind Personen, gegen die noch Verfahren wegen Sexualstraftaten laufen oder die ihre Strafe noch nicht verbüßt haben.

Ausdrücklich begrüßt wird die Beteiligung von Familienmitgliedern oder Freunden. "Zu uns kommen auch Ehepaare und manchmal auch Mütter, die ihren Söhnen helfen wollen, mit dieser Präferenz zu leben, ohne sich an Kindern zu vergreifen", sagt Quendler.  

Missbrauchszahlen sind hoch, ebenso die Dunkelziffer

"Kein Täter werden" entstand 2005 an der Berliner Charité. Das Therapie-Spektrum reicht von Ratschlägen zum möglichst vollständigen Verzicht auf Kinderpornografie und zur Meidung "riskanter" Orte und Situationen - Kinderbereiche in Freibädern etwa oder das Alleinsein mit Kindern bei Verwandten und Freunden - bis hin zur Möglichkeit medikamentöser Unterstützung

Insgesamt ist der Therapieansatz einer im April 2018 veröffentlichten Studie der Charité-Gruppe zufolge durchaus erfolgreich. Nur einer von 56 Teilnehmern, die sechs Jahre nach ihrer Teilnahme befragt wurden, gab an, einen sexuellen Missbrauch begangen zu haben, wie der leitende Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier erläuterte. 

9.500 Menschen haben das Netzwerk bisher um Hilfe gebeten. Etwa 925 begannen Therapien, die zum Teil noch andauern. 360 schlossen sie erfolgreich ab. Dem steht gegenüber, dass sich Untersuchungen zufolge etwa 250.000 Männer zwischen 18 Jahren und 75 Jahren sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Nur die wenigsten werden zu Tätern, doch die Zahl der Missbrauchsfälle ist insgesamt weiter erschreckend hoch: 11.547 verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2017 - etwa ebenso viele wie jeweils in den Vorjahren seit 2010. Allerdings gehen die Ermittler von einer hohen Dunkelziffer aus, da längst nicht alle Taten angezeigt werden.

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