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Initiative “Ärzte gegen Massentierhaltung”

Ein Interview mit Dr. Imke Lührs, Rheumatologin, und Mitbegründerin der Initiative “Ärzte gegen Massentierhaltung” esanum: Frau Dr. Lührs, vor gut einem Jahr haben Sie mit Mitstreitern

Ein Interview mit Dr. Imke Lührs, Rheumatologin, und Mitbegründerin der Initiative “Ärzte gegen Massentierhaltung”

esanum: Frau Dr. Lührs, vor gut einem Jahr haben Sie mit Mitstreitern eine Initiative gegründet, die sich “Ärzte Gegen Massentierhaltung” nennt. Was war Ihr Motiv?

Lührs: Es gibt zwei Gründe, die uns angetrieben haben. Zum einen habe ich in meiner Praxis oft mit den verheerenden Auswirkungen multiresistenter Keime zu tun. Gerade bei den immunsupprimierten Patienten sind die Folgen lebensgefährlich. Tendenz steigend. Und zum anderen habe ich mit meinem Mann einen kleinen Garten im südlichen Oldenburg. Hier gibt es die größte Dichte an riesigen Ställen und Schlachthöfen. Wir können diese Form der Landwirtschaft hautnah beobachten. Ihre Auswirkungen sind alarmierend.

esanum: Was macht Sie so besorgt?

Lührs: Es gibt keine industrielle Tierhaltung ohne massenweisen, oft ungezielten Einsatz von Antibiotika. Geflügel werden in ihrem Leben routinemäßig mehrfach über ihre Nahrung medikamentös behandelt, Schweine bekommen diese Medikamente planmäßig prophylaktisch, Kühe bekommen sie regelmäßig nach der Milch-Phase – das gehört zum festen Plan in der Massentierhaltung. Der Verbrauch nimmt ständig zu, weil die Tiere ohne Antibiotika diese Haltungsbedingungen nicht überleben würden. Die Tierärzte haben einen wirtschaftlichen Anreiz, die Medikamente zu verkaufen, zum Teil sogar mit Mengenrabatten.

esanum: Was macht das mit der Tiergesundheit?

Lührs: Wenn einzelne Tiere erkranken, kann man sie in diesen großen Herden nicht individuell behandeln – da bekommt grundsätzlich die ganze Herde ihre Dosis ab. Niemand weiß, ob Dosierung und Dauer der Gabe wirklich zielführend sind. So gesehen sind diese Ställe so etwas wie schnelle Brüter für Antibiotika-Resistenzen. Die Folge sind multiresistente Keime, die man im Fleisch findet, die über die Haut und die Ernährung auch auf den Menschen übergehen. 30 % der MRSA-Träger im Münsterland haben ihre Keime aus dem Stall.

esanum: Woher wissen Sie das?

Lührs: Die MRSA aus dem Tierstall sind nachweisbar etwas anders. 80 Prozent der Schweinezüchter tragen den Keim in sich. Der BUND hat kürzlich festgestellt, dass beinahe 90 Prozent des Putenfleischs aus dem Supermarkt multiresistente Keime in unsere Küchen bringt.

esanum: Was hat das konkret mit Ihren Patienten zu tun?

Lührs: Die multiresistenten Keime können sich in den Kliniken ausbreiten und kommen so mit den Patienten zu uns in die Praxis – weil es in den Kliniken aus verschiedensten Gründen um die Hygiene nicht so bestellt ist, wie es sein sollte. Meine Patienten sind durch ihre Erkrankung und deren Therapie viel infektanfälliger als stabil gesunde Menschen. Ich habe schon einige an diesen Keimen sterben sehen – nichts und niemand konnte helfen. Sie überstehen zum Beispiel eine OP zunächst gut, erholen sich auch, aber dann, wenn alles gut verlaufen scheint, sterben sie an solchen Keimen.

esanum: Also weniger Gefahr für Gesunde?

Lührs: Auch sie sind bedroht. Diese Keime können lange in uns schlummern – und wenn dann eine schwere OP oder zum Beispiel auch eine Chemo-Therapie ansteht, gewinnen sie die Oberhand. Oft mit tödlicher Wirkung. Vor einiger Zeit starben mehrere Frühgeborene in einer Bremer Klinik an diesen Keimen. Die Klinik hatte den Skandal. Aber die Umwelt ist krank.

esanum: Wie meinen Sie das?

Lührs: Sowohl die Keime als auch die Rückstände von Antibiotika landen schließlich über die Gülle im Boden und danach im Grundwasser. Da tickt eine Zeitbombe. Das Wasser, das wir jetzt trinken, ist von der Gülle belastet, die vor 20 Jahren ausgebracht wurde. Danach ging es aber mit der Massentierhaltung erst richtig los. Niemand kann also sagen, was da noch auf uns zukommt.

esanum: Was ist heute schon zu erkennen?

Lührs: Die vielfältigen Folgen multiresistenter Keime sind noch längst nicht gründlich erforscht. Darum wissen wir auch nicht so genau, wie groß das Problem wirklich ist. Für die meisten Erkrankungen mit multiresistenten Keimen gibt es ja keine Meldepflicht. Aber auch die bekannten Zahlen sind schon erschreckend. Ein häufiges Problem sind die MRSA-Träger. Vor einer planbaren Operation, zum Beispiel einer Gelenkersatzoperation werden Risikopatienten auf den Keim untersucht. Bei positivem Nachweis wird die OP verschoben, bis der Keim durch desinfizierende Maßnahmen mit speziellen Seifen und Salben eliminiert ist. Bei einer Notfallaufnahme aber schleppt ein MRSA-Träger den Keim in die Klinik ein, wenn er nicht über eine Screening-Untersuchung entdeckt wird. Im Gegensatz zu MRSA, deren Häufigkeit auf hohem Niveau stabil ist, nehmen die gramnegativen Keime, ESBL-Bildner, 3-MRGN und 4-MRGN und Vancomycin-resistente Enterokokken in letzter Zeit erheblich zu. Diese Bakterien können ihre Resistenzgene an andere Bakterien weitergeben, die dann selbst resistent werden. Die Therapie dieser Infektionen und die Isolierung der betroffenen Patienten ist enorm aufwändig und kostenintensiv.

esanum: Was will Ihre Initiative erreichen?

Lührs: Wir wollen zunächst mal darauf aufmerksam machen, in welchen unerhörten Ausmaß Antibiotika in der Tierzucht eingesetzt werden. Unterm Strich bekommen mehr gesunde Tiere diese Medikamente als kranke Menschen. Das ist pervers. Wir Ärzte dürfen das nicht dulden.

esanum: Was tun Sie konkret?

Lührs: Wir rufen Kolleginnen und Kollegen zur Unterschrift unter ein Positionspapier auf (www.aerzte-gegen-massentierhaltung.de). Wir wenden uns an alle in Heilberufen tätigen Personen: Ärzte und Ärztinnen, Zahnärzte, Medizinisches und Pflege-Personal in Praxen, Kliniken, Gesundheitseinrichtungen, Pharmazeuten, MTAs, PTAs, CTAs, Masseure, Altenpflegekräfte usw. Wir wollen der Politik Druck machen, damit sie bessere Rahmenbedingungen für unsere sowie für die Tier-Gesundheit schafft.

esanum: Was sind Ihre Forderungen?

Lührs: Wir fordern, dass Reserve-Antibiotika, die ja, wie der Name schon sagt, für besonders schwierige Fälle reserviert sein sollten, in der Tierzucht generell verboten werden. Und zwar sofort. Wir verlangen mehr Forschung zu multiresistenten Keimen, zur Epidemiologie und Therapie, mehr neue Antibiotika, bessere Hygienebedingungen in Kliniken, bessere Fortbildung der Mitarbeiter, mehr Krankenhaus-Hygieniker und nicht zuletzt mehr Pflegepersonal.

esanum: Und für die Tierhaltung?

Lührs: Die Förderung der industriellen Landwirtschaft muss gestrichen werden. Statt dessen sollen Betriebe gefördert werden, die unter vernünftigen Bedingungen arbeiten.

esanum: Sind Sie optimistisch, diese Ziele durchsetzen zu können?

Lührs: Die Aufmerksamkeit für dieses Thema wächst. 650 Kollegen haben unser Papier bereits unterschrieben. Neun Bundesländer haben sich dafür ausgesprochen, Reserve-Antibiotika für Tiere zu verbieten. Die Gesetze dazu sind aber Bundessache. Holländer und Skandinavier sind da Vorreiter. Sie haben den Einsatz von Antibiotika bei Tieren deutlich reduziert.

esanum: Schmeckt Ihnen Fleisch denn überhaupt noch?

Lührs: Ich bin nicht sentimental – manche Tiere leben, um gegessen zu werden. Aber sie sollen davor ein artgerechtes Leben haben. Geflügel kommt bei mir gar nicht mehr auf den Tisch. Und selbst Bio-Fleisch fasse ich nur noch mit Einmal-Handschuhen an.


Das Interview führte Vera Sandberg.

V Vera Sandberg#Vera Sandbergera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.