Ärztevertreter wollen BWLer-Denken in Klinikleitungen beenden

Repräsentanten der Fachgesellschaften DGIM und DDG fordern Abkehr von der Ökonomisierung des Krankenhaussektors. Die sprechende Medizin soll gestärkt werden.

Manchmal ist das Fernsehen geradezu visionär: In der Mitte der Achtziger Jahre im ZDF gestarteten Fernsehserie “Schwarzwaldklinik” gab es einen Verwaltungsdirektor namens Mühlmann, dem besonders gut ausgelastete Betten, eine Premium-Behandlung von Privatpatienten sowie stimmige Geschäftszahlen wichtig waren. Auf der anderen Seite stand Chefarzt Professor Brinkmann, der natürlich stets ausreichend Zeit für seine Patienten hatte, gerne mit ihnen scherzte, finanzschwache Patienten auch mal kostenlos behandelte und insgesamt streng medizinisch urteilte.

Was salopp klingt, hat in der Realität ernsthafte Diskussionen zum Hintergrund. In einer ähnlichen Zwangslage wie die TV-Schwarzwaldklinik scheinen sich aktuell in Deutschland nämlich eine Vielzahl von Krankenhäusern zu befinden, die oftmals von der öffentlichen Hand als Folge von Finanzknappheit und Privatisierungszeitgeist an private Träger verkauft wurden und nun konsequent als Wirtschaftsunternehmen geführt werden. Selbst medizinisch-fachliche Entscheidungen der Ärzte unterstehen dem Diktat der Ökonomie und unterliegen der Forderung nach Gewinnerzielung.

“Der Patient steht nicht mehr im Zentrum”, beklagte denn auch Professorin Petra-Maria Schumm-Draeger, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM), auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin. Die DGIM hat ein Positionspapier veröffentlicht, in der sie Lösungsvorschläge präsentiert, wie der zunehmenden Ökonomisierung und dem betriebswirtschaftlichen Optimierungswahn in Krankenhäusern begegnet werden soll. Tatsächlich werden hauptsächlich eine Reihe von Missständen erwähnt, die seit Jahren von Ärzten, Politikern und Gesundheitsökonomen diskutiert werden, aber bislang immer in der Erkenntnis auf politischer Ebene endeten, dass im Gesundheitssystem gespart werden müsse.

Insbesondere kritisierten Schumm-Draeger wie auch DGIM-Generalsekretär Professor Ulrich R. Fölsch, dass “Betriebswirte auf der Leitungsebene nicht das Wohl der Patienten im Blick” hätten. Stattdessen gehe es vorrangig um die Erzielung von Umsatz und Gewinn, so dass künftig wieder Ärzte verstärkt die Leitung von Krankenhäusern übernehmen sollten, so ihre Forderung. “Es herrscht ein ungeheurer Druck auf den Chefärzten sowie dem Pflegepersonal, kosteneffizient zu arbeiten”, analysierte Fölsch. Das DRG-System basierend auf Fallpauschalen würde dazu führen, dass in immer mehr Krankenhäusern eine Fokussierung auf lukrative Behandlungen und Operationen erfolge, die aufgrund ihrer zunehmenden Häufigkeit enorme Kosten verursachten und nicht immer medizinisch geboten zu sein scheinen.

Volkskrankheiten erfordern stärkeren Fokus auf kommunikative Medizin

“Die sprechende und kommunikative Medizin muss gestärkt werden”, fordert Schumm-Draeger – bezugnehmend vor allem auf Fachbereiche wie Diabetologie, Rheumatologie, Endokrinologie und Pulmologie, die einen Großteil der Volkskrankheiten mit Millionen von Patienten abdecken. Sie macht sich ebenfalls für eine Abschaffung der an ökonomische Kennzahlen gekoppelten Bonus-Zahlungen für Ärzte stark, da diese zu Fehlanreizen führen und das Arzt-Patienten-Verhältnis stören würden. Im Ergebnis steht für die DGIM-Spitze fest: “Alle Krankenhausleistungen müssen vorgehalten werden, die für die Bevölkerung notwendig sind und nicht nur diejenigen, die das meiste Geld bringen”, bilanzierte Fölsch.

Vor diesem Hintergrund schlägt die DGIM vor, eine Medical-Corporate-Governance-Leitlinie für den Kliniksektor zu entwickeln, die definiert, was verantwortungsvolles Handeln aller Beteiligten in einem Krankenhaussystem ausmacht. Die “Versorgung kranker und damit auf ärztliche Hilfe angewiesener Menschen ist keine Dienstleistung, die Kunden nach Bedarf verkauft wird”, stellt die DGIM in ihrem Positionspapier fest. Patienten sollten sich intensiver einbringen und sich beispielsweise in Patientenvereinigungen engagieren. Darüber hinaus fordern die Autoren des Positionspapiers eine Stärkung der Weiterbildungsmöglichkeiten für Ärzte im Krankenhaus und insbesondere in der Inneren Medizin. “Der Druck auf Kliniken und Ärzte, im DRG-System optimal abzurechnen, drängt die Weiterbildung immer mehr an den Rand”, bedauert Professor Müller-Wieland, Mediensprecher der DDG und Mit-Autor des Positionspapiers. “Es muss personell und finanziell sichergestellt sein, dass Fachärzte weiterhin eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten, um unsere Patienten bestmöglich zu versorgen”, so der Internist aus Aachen. Eine Fokussierung der Weiterbildung auf für die Klinik ertragreiche Bereiche sei nicht akzeptabel.

Vage blieben die Teilnehmer der Pressekonferenz, wie die Krankenhäuser künftig finanziert werden sollen, so dass eine allein am Patientenwohl orientierte Behandlung wieder möglich ist und die Ökonomie eine geringere Rolle spielt. “Die Gesellschaft wird anerkennen müssen, dass Fortschritte der Medizin und der demografische Wandel auch im Krankenhaussektor kontinuierlich mehr finanzielle Mittel erfordern werden”, steht im Positionspapier. Es müsse also mehr Geld ins System fließen. Klingt nicht nach einer Senkung der Krankenkassenbeiträge.

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