Bald Millionen mehr Blutdruckpatienten in Deutschland?

Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Wenzel, Experte der Deutschen Hochdruckliga, zu den neuen Zielblutdruckwerten der ACC/AHA und deren Bedeutung für Deutschland.

Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Wenzel, Experte der Deutschen Hochdruckliga, zu den neuen Zielblutdruckwerten der ACC/AHA und deren Bedeutung für Deutschland.

In Deutschland sind 20 bis 30 Millionen Menschen von Bluthochdruck betroffen. Die American Heart Association (AHA) und das American College of Cardiology Guidelines (ACC) haben jetzt ihre neuen Hypertonie-Leitlinien vorgestellt. Diese klassifizieren nun bereits Blutdruckwerte von 130 bis 139 mmHg systolisch und 80 bis 89 mmHg diastolisch als Hypertonie Grad 1. Die Deutsche Hochdruckliga wird die neuen Empfehlungen sorgfältig prüfen, plädiert jedoch dafür, moderate Ziele für die Blutdrucksenkung anzusetzen.

esanum: Herr Professor Wenzel, in den USA werden die neuen Grenzwerte die Anzahl der Bluthochdruck-Patienten unter 45 Jahre deutlich erhöhen (die Anzahl der männlichen Patienten wird sich verdreifachen und die der weiblichen verdoppeln). Was hieße eine solche Anpassung für Deutschland? 

Wenzel: Die Zahl der Hochdruckpatienten würde analog den amerikanischen Zahlen enorm steigen. Auch in Deutschland handelt es sich um Millionen.

esanum: Ärzte beäugen die antihypertensive Pharmakotherapie skeptisch, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass Medikamente weiterhin unkritisch verschrieben werden, obwohl eine Veränderung des Lebensstils ausreichen würde. Was haben Sie dem entgegenzusetzen?

Wenzel: Ärzte beäugen antihypertensive Pharmakotherapie nicht skeptisch. Blutdrucksenkung ist das Produkt aus nichtmedikamentösen Maßnahmen (gesunde Ernährung, Sport, Gewichtsreduktion) und medikamentöser Therapie.

Wenn der Patient die nichtmedikamentösen Maßnahmen massiv umsetzt, kann der Arzt deutlich weniger Medikamente verschreiben. Leider können (oder wollen) aber viele Patienten die nichtmedikamentösen Maßnahmen nicht umsetzen.

esanum: Wie beurteilen Sie die Notwendigkeit einer solchen Anpassung? Namhafte Kardiologen weisen auf Defizite der SPRINT-Studie hin, zum Beispiel auf die Vielzahl der Störvariablen, die die Ergebnisse verzerrt haben könnten. Ist es berechtigt, sich bei einer derart weitreichenden Änderung der europäischen Grenzwerte allein auf die SPRINT-Studie zu stützen?

Wenzel: Die Sprintstudie ist primär erst einmal hervorragend. Leider wird die dort vorgenommene Weise der Blutdruckmessung (automatisierte Praxisblutdruckmessung) in Deutschland aktuell noch sehr selten bis gar nicht verwendet und es ist leider nicht möglich, die Blutdruckwerte auf die in Deutschland gemessenen Blutdruckwerte umzurechnen.

Daher tun wir uns schwer, den amerikanischen Empfehlungen zu folgen. Zu der Blutdruckmessung gibt es eine Publikation der Deutschen Hochdruckliga (Blutdruckmessung und Zielblutdruck. Stellungnahme der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL®/Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention. Krämer BK, Hausberg M, Sanner B, Kusche-Vihrog K, Weil J, Weisser B, Wenzel U, Trenkwalder P; für die Task Force Wissenschaftliche Stellungnahmen und Leitlinien der DHL®. Dtsch Med Wochenschr. 2017 Sep;142(19):1446-1447)

esanum: Hat die AHA im Rahmen ihrer Entscheidungen zwischen Diabetikern, die eine Hochrisikogruppe bilden, und Nichtdiabetikern differenziert?

Wenzel: Ja, während Nichtdiabetiker mit Blutdruckwerten zwischen 130 und 140 mmHg bei niedrigem kardiovaskulärem Risiko (<10% in den nächsten 10 Jahren) zunächst nur nichtmedikamentös behandelt werden, sollte bei Diabetikern sofort eine medikamentöse Therapie erfolgen.

esanum: Ab welchem Alter empfehlen Sie Nichtrisiko-Patienten eine antihypertensive Pharmakotherapie, wenn sie die derzeitigen Grenzwerte überschreiten?

Wenzel: Ich empfehle jedem Patienten, der systolische Blutdruckwerte über 140 mmHg hat, eine nichtmedikamentöse Therapie. Wenn diese den Blutdruck nicht senkt, verschreibe ich eine medikamentöse Therapie.

esanum: Für wie effektiv stufen Sie die von Ärzten empfohlenen Lebensstilinterventionen ein? Sollten diese Ansätze Ihrer Auffassung nach erneuert beziehungsweise verändert werden?

Wenzel: Die Effektivität ist gut bis sehr gut, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Man muss das Rad hier nicht neu erfinden. Leider schaffen es aber die meisten Patienten nicht, sie konsequent umzusetzen. Sie schaffen es nicht (oder sie wollen es nicht), Gewicht abzunehmen, regelmäßig Sport zu machen und sich gesund zu ernähren ("Mittelmeerkost" mit viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch, wenig Salz).

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