Bewegungskrankheit mit Hirnstimulation behandeln

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Wissenschaftler arbeiten an einem neuartigen Behandlungsansatz zur Behandlung der Reisekrankheit.

Die Methode basiert auf einer Hirnstimulation, die eines Tages mit Hilfe eines sehr einfachen und tragbaren Geräts durchgeführt werden könnte. Es wäre vorstellbar, dass ein solches Gerät in Apotheken vor einer entsprechenden Exposition abgeholt oder sogar direkt über das eigene Smartphone durchgeführt werden könnte.

Forscher des Imperial Colleges in Großbritannien behaupten, dass ihre Behandlung, welche milde elektrische Ströme ins Gehirn leitet, circa 10 Minuten dauert, lediglich ein Anbringen von Elektroden auf die Kopfhaut erfordert und keinerlei Nebenwirkungen zu haben scheint.

Die Ergebnisse eines ersten kleinen Testlaufs wurden nun im Journal Neurology veröffentlicht und erwecken tatsächlich die Hoffnung eine neue Behandlungsmethode für Kinetosen gefunden zu haben.

“Wir sind zuversichtlich, dass Menschen in etwa 5 bis 10 Jahren die Möglichkeit haben in die Apotheke zu gehen und dort ein Anti-Seekrankheitsgerät erwerben können”, sagt Erstautor Dr. Qadeer Arshad, ein Wissenschaftler der medizinischen Abteilung der Universität.

Ein weiterer Autor, Michael Gresty, seinerseits Gastprofessor an der Imperial und weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der räumlichen Orientierung und Bewegungskrankheit, erklärt die Vorteile, die ein solches Gerät für Menschen, die fortwährend an Reisekrankheit leiden, mit sich bringen könnte:

“Das Problem bei der Behandlung von Bewegungskrankheit ist, dass die effektiven Methoden normalerweise Tabletten sind, welche die Person als Nebenwirkung schläfrig machen. Das ist ein Effekt der bei Passagieren oder Personen auf kürzeren Reisen kein Problem darstellen mag. Sehr wohl ist er jedoch von Relevanz, wenn es sich bei der Person um beispielsweise einen Mitarbeiter auf einem Kreuzfahrtschiff handelt, der die Symptome während seiner Arbeit hat und behandeln möchte.”

Die Kinetose ist ein weitverbreiteter Zustand den nahezu jeder von uns schon mindestens einmal im Leben erfahren hat –  Beispielsweise auf einem turbulenten Flug, einer schaukligen Schiffsfahrt oder auch während einer Achterbahnfahrt. Meistens sind die Symptome mild. Bei 3 von 10 Menschen kommt es jedoch zu sehr ausgeprägten und unangenehmen Symptomen wie starker Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Kaltschweißigkeit.

Die transkranielle Gleichstromstimulation

Niemand weiß gegenwärtig genau, was die Kinetose auslöst. Dennoch sind viele Wissenschaftler der Meinung, dass sie etwas mit dem Versuch unseres Gehirns zu tun hat, widersprüchliche Signale von unseren Ohren und Augen zu verarbeiten während wir uns bewegen.

Vorrangegangene Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass ein funktionierendes Vestibuläres System – also der Teil des Innenohrs, der Bewegungen wahrnimmt – eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Kinetosen spielt. Dr. Arshad und seine Kollegen haben mit diesem Vorwissen im Hinterkopf getestet, wie sich die Symptome verhalten, wenn man die Signale aus dem vestibulären System an das Gehirn abschwächt.

Ein Weg eine solche Abschwächung der Bewegungssignale aus dem Innenohr zu erreichen ist die Anwendung einer transkraniallen Stromstimulierung durch die Kopfhaut hindurch und in die entsprechend verantwortliche Hirnregion. Die transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation – tDCS) ist eine nicht-invasive, schmerzlose Behandlungsmethode, die durch schwache elektrische Ströme spezifische Teile des Gehirns stimulieren kann. Es gibt zwei Arten der transkraniellen Gleichstromstimulation: die anodale Stimulation, welche die die Aktivität der Gehirnzellen steigert und die kathodale Stimulation, bei der die Aktivität inhibiert oder reduziert wird.

Für ihre Studie luden die Forscher 10 Männer und 10 Frauen ein. Sie setzten ihnen eine Mütze mit passenden Elektroden auf die Köpfe über welche die tDCS für ungefähr 10 Minuten durchgeführt wurde. Danach wurden die Probanden einer gut etablierten Methode zur Simulierung einer Bewegungskrankheit unterzogen. Dafür saßen sie in einem Stuhl der die Person unterschiedlich schnell in verschiedene Richtung drehte und kippte.

Die Teilnehmer die vor der Simulation eine tDCS erhielten, zeigten eine geringere Übelkeit und erholten sich nach Beendigung schneller

Der Versuch war ein doppelt verblindeter Test, bei dem weder die Teilnehmer noch die Techniker, welche die Behandlung durchführten, wussten, ob die jeweilige Person eine signaldämpfende (kathodal) oder eine signalsteigernde (anodal) tDCS für ihr Innenohr erhielt. Den Probanden wurde völlig zufällig eine der beiden Stimulationsarten zugeteilt.

Die Ergebnisse dieses Versuches zeigten, dass die Probanden welche die korrekte, also dämpfende, Stimulation erhielten mit geringer Wahrscheinlichkeit Übelkeit zeigten und sich auch besser von den Symptomen erholten als jene, die eine stimulierende tDCS bekamen.

Prof. Gresty erklärt, dass sie sehr begeistert von dem Potential dieses Geräts seien und es als effektive Alternative zu gegenwärtigen Behandlungsmethoden erachten, da sie, wie anfangs erwähnt, keinerlei Nebenwirkungen hat. Er fügt hinzu: “Die Vorteile welche wir beobachten konnten sind sehr nah an der Wirkung, welche wir von den besten Kinetose-Medikamenten kennen.”

Die Arbeitsgruppe befindet sich bereits in Gesprächen mit potentiellen Industriepartnern, um das Gerät weiterzuentwickeln zu können. Auch von anderen Parteien wurde schon Interesse bekundet. Ein möglicher militärischer Einsatz des Gerätes wäre zum Beispiel bei Bedienungspersonal von ferngesteuerten Drohnen denkbar. Durch das lange gucken auf die Bildschirme, welche die Aufnahmen der Kameras der Drohnen zeigen, leidet diese Arbeitsgruppe nämlich häufig an Bewegungskrankheit.

Für die Zukunft sagt Dr. Arshad die Entwicklung eines Gerätes voraus, das vergleichbar zu dem der TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation) ist, welches aktuell zur Behandlung von Rückenschmerzen eingesetzt wird. Aber auch noch kleinere und mobilere Formen sind vorstellbar:

“Wir hoffen, dass das Gerät vielleicht sogar in ein einfaches Mobiltelefon integriert werden kann. Diese würden in der Lage sein über die Kopfhörerklinke, die nötige Elektrizität für die Stimulation aufzubringen. In jedem Fall wäre es nötig vor der Reise kurzzeitig kleine Elektroden an der Kopfhaut anzubringen.”

Dr. Arshad sagt, dass die Ströme mit denen gearbeitet wird sehr schwach sind und es deswegen nicht zu erwarten sei, dass irgendwelche Nebenwirkungen beim kurzfristigen Einsatz der Technik auftreten. Im Moment gilt die transkranielle Gleichstromstimulation noch als eine experimentelle Form der der Gehirnstimulation – eine Genehmigung für den allgemeinen Einsatz durch die Food and Drug Administration (FDA) in den USA steht noch aus.

Text: esanum /pvd

Foto: Johan Swanepoel / Shutterstock.com

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