Mehr brasilianische Männer beim Schönheitschirurgen

Der Strand ist die Bühne der Brasilianer. Sehen und gesehen werden. Gerade in Rio de Janeiro gibt es einen Körperkult – nicht nur wegen der Olympischen Spiele. Das erzeugt Druck: immer öfter

Der Strand ist die Bühne der Brasilianer. Sehen und gesehen werden. Gerade in Rio de Janeiro gibt es einen Körperkult – nicht nur wegen der Olympischen Spiele. Das erzeugt Druck: immer öfter gehen deshalb auch die Männer zum Schönheitschirurgen. Ein Besuch im OP-Saal.

Mozart muss sein, wenn Doktor Pitombo anfängt, die Nase aufzuschneiden. Eine Krankenschwester drückt die kleine Stereoanlage auf Play, ein Klavierkonzert. Am Infusionsständer hängen Bilder der Nase des 24 Jahre alten Mannes, der tief schlummernd nun auf dem OP-Tisch in Pitombos exquisiter Privatklinik liegt. Auf den Fotos hat die Nase einen kleinen Buckel. Der wird 45 Minuten später Vergangenheit sein. Pitombo ist Nutznießer eines Trends in Brasilien.

“Die Zahl der Männer, die eine Schönheitsoperation wollen, wächst seit Jahren, bei den chirurgischen Eingriffen sind wir meines Wissens mittlerweile weltweiter Spitzenreiter”, sagt er. Rund 276 000 Männer hätten sich 2014 einer solchen OP unterzogen, vor fünf Jahren seien es erst 72 000 gewesen. Für 2015 gibt es noch keine abschließenden Zahlen, aber der Trend sei ungebrochen, meint Volney Pitombo, der auch Präsident der Vereinigung plastischer Chirurgen in Rio ist.

Branche boomt trotz Wirtschaftskrise

Nase oder Ohren anlegen, Augenlider straffen, Fett absaugen, lauten die häufigsten Wünsche. Von der Wirtschaftskrise, der tiefsten Rezession seit Jahrzehnten und der Inflation von 10,7 Prozent spürt der drahtige Professor wenig. “Wenn schon Krise, wollen die Menschen wenigstens etwas fürs Wohlbefinden tun”, glaubt der 63-Jährige, der sich auch international einen Ruf als “Dr. Nase” erworben hat.

Rund 8000 Nasen hat er schon operiert, auch aus den USA hat Pitombo Kunden. Enzo, ein Unternehmer, hat sich das Kinn straffen, die Nase machen und die Ohren anlegen lassen. “Ich habe mich beim Anschauen von Fotos schlecht gefühlt, ich hatte so eine lange Nase”, erzählt der 40-Jährige. 15 000 Dollar blätterte er hin. Und sagt fünf Monate nach der OP: “Ich fühle mich so viel besser. Das ist eine andere Realität, auch psychologisch sehr wichtig.” Mit seinen Freunden redet er offen darüber. “Viele wollen jetzt auch was machen lassen.”

40 Prozent der Patienten sind männlich

Es ist 8 Uhr morgens, Pitombo und seine drei Assistenten schneiden akkurat im Inneren der Nase ein Knorpelteil heraus, das für die Krümmung verantwortlich ist. Blut wird abgesaugt, im Hintergrund weiter Mozart. “Wir haben schon 40 Prozent Männer als Patienten”, schätzt Carla Santana, seit 16 Jahren assistiert sie Pitombo.

“Jetzt machen wir die Nase etwas pyramidenförmiger”, erläutert sie die abschließenden Schritte. Dann hält sie ein Foto mit der Ursprungsnase hinter das Gesicht des weiter schlummernden Mannes – die neue Nase ist gerade und wohlgeformt, er dürfte zufrieden sein.

Nicht jeder erreicht das Schönheitsideal

Auch Fettabsaugen sei schwer im Kommen, so Carla Santana. Kein Wunder beim Körperkult an der Copacabana, wo schon um sechs Uhr Jogger den Strand bevölkern oder Klimmzüge an den Trimm-Dich-Stationen machen. Aber es gibt auch das andere Extrem, ob der teils sehr fettigen Ernährung. Neulich hat ein Friedhof für Fettleibige eröffnet mit Steingräbern, die theoretisch bis zu 500 Kilo schwere Leichen aufnehmen können.

Pitombo geht rüber in den nächsten OP-Saal, Schönheit im Akkord. Er macht Dehnübungen – dann werden mit Fäden und Laser die Ohren eines 31-Jährigen angelegt. Er hat kurze Haare und empfand seine Ohren als zu abstehend. Der Laser hört sich an wie ein Lötkolben, es riecht etwas nach verbrannter Haut. Dann wird auch noch die Nase in Form gebracht, eine Stunde später ein neuer Mann. Mozarts Klänge mischen sich mit dem monotonen Piepen, das einen stabilen Kreislauf anzeigt.

Schönheitschirurgie als Kunsform

Im Foyer der Klinik liegen edle Fotobände aus dem Taschen-Verlag, auch Sebastião Salgados episches Fotowerk “Genesis”. “Plastische Chirurgie ist auch eine Form der Kunst, ich will die Menschen glücklicher machen”, lautet Pitombos Credo. In Brasilien wird weit unkritischer damit umgegangen, reiche Eltern zahlen mitunter für den Sohn oder die Tochter die Schönheitsoperation. “Frauen lieben es, darüber zu reden, wenn sie neue Brüste haben”, meint Pitombo. Aber auch bei Männern werde zunehmend offener darüber geredet. “Einige erzählen auf der Party stolz: Ich hab mir die Nase machen lassen.”

Letztlich zeigt das aber auch, was für einen gesellschaftlichen Druck der Schönheitswahn erzeugt. Der Strand in Rio, der Olympiastadt 2016, gleicht am Wochenende einer Model-Show. Einen Fall hatte Pitombo, wo er mal abwinken musste, das hätte er auch nicht mit dem schönsten Mozartkonzert hinbekommen. “Ein Mann kam vorbei und sagte, ich möchte genauso aussehen wie Elvis Presley.” Lippen, Nase, Wangen, Hals, alles wie beim King of Rock’n’Roll. “Ich sagte ihm, ein bisschen Ähnlichkeit schaffe ich vielleicht. Aber eine Kopie klappt nicht.”

Text und Foto: dpa /fw

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