Brüssel stellt Kriterien für endokrine Disruptoren vor

Chemikalien, die die Fortpflanzungsfähigkeit beeinflussen könnten? Damit will wohl niemand in Berührung kommen. Doch Stoffe, die zumindest einen Einfluss auf das Hormonsystem haben, gibt es überall. Zu deren Bewertung soll es nun klarere Vorgaben geben.

Die EU-Kommission hat Kriterien zur Einstufung hormonschädigender Chemikalien vorgelegt. Diese sogenannten endokrinen Disruptoren stehen im Verdacht, die Fortpflanzungsfähigkeit stören oder Brustkrebs auslösen zu können. Das Europaparlament und die EU-Staaten müssen die Vorschläge nun prüfen. Sowohl von grünen Politikern als auch aus der Pflanzenschutzbranche kam Kritik.

Stoffe mit Auswirkungen auf den Hormonhaushalt von Mensch und Tier können auch natürlich in Lebensmitteln vorkommen, etwa in Nüssen oder Sojaprodukten. Sie sind aber auch zum Beispiel in Unkrautvernichtungsmitteln enthalten. Wenn sie die Gesundheit von Mensch oder Tier beeinträchtigen, spricht man von endokrinen Disruptoren.

Auf Grundlage der am Mittwoch in Brüssel vorgestellten Kriterien sollen nun die EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und die EU-Chemikalienagentur (Echa) die Gefährlichkeit konkreter Substanzen bewerten. Viele solcher Stoffe sind bereits verboten. Weltweit wäre die EU damit nach Angaben der EU-Kommission Vorreiter. Nirgendwo anders würden wissenschaftliche Kriterien zur Bewertung von endokrinen Disruptoren rechtlich festgeschrieben.

Der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling warf der Behörde vor, sie stelle die Interessen der Pestizidhersteller über die Gesundheit der Bürger. Die EU-Kommission habe die Stoffe zu eng definiert und zu viele Ausnahmen zugelassen. Er monierte die “halbgaren Kriterien”.

Die Pflanzenschutz-Branche kritisierte hingegen, angesichts der Kriterien gebe es “das Risiko, dass Substanzen betroffen sein können, die gesundheitlich unbedenklich, aber zugleich in der Landwirtschaft – etwa bei der Pilzbekämpfung – zur Produktion sicherer Lebensmittel unverzichtbar sind”, wie der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar, Volker Koch-Achelpöhler, mitteilte.

Der europäische Branchenverband Ecpa kritisierte die Kriterien ebenfalls als zu schwammig. “Dies könnte aus unserer Sicht zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln führen, die die selben hormonstörenden Eigenschaften haben, die sich auch in alltäglichen Produkten wie Kaffee finden”, kommentierte Ecpa-Generaldirektor Jean-Charles Bocquet.

Der CDU-Europaabgeordnete Jens Gieseke begrüßte die Vorschläge im Prinzip, bemängelte aber: “Die Dosis macht das Gift – und das hätte sich auch in den Kriterien widerspiegeln sollen.”

Die EU-Kommission stützt sich mit ihrem Vorschlag auf die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO. Demnach schädigt ein endokriner Disruptor die menschliche Gesundheit, wirkt auf eine ihm eigene Weise und löst genau dadurch Schaden aus.

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