Cannabis-Ernte in Deutschlands erster legaler Cannabisanlage gegen Ende des Jahres

Nach 40 Jahren Tomaten, Blumen und Zimmerpflanzen wollte Han Duijndam etwas Neues. In Neumünster fand er eine Herausforderung in Deutschlands erster legaler Cannabisanlage. Dort will der Chefanbauer Ende des Jahres erstes Cannabis zu medizinischen Zwecken ernten.

Neue Herausforderung nach 40 Jahren Tomaten, Blumen und Zimmerpflanzen

Nach 40 Jahren Tomaten, Blumen und Zimmerpflanzen wollte Han Duijndam etwas Neues. In Neumünster fand er eine Herausforderung in Deutschlands erster legaler Cannabisanlage. Dort will der Chefanbauer Ende des Jahres erstes Cannabis zu medizinischen Zwecken ernten.

Selbst probiert hat Han Duijndam Cannabis nie. "Ich muss keine Tomaten mögen, um die besten Tomaten der Welt anzubauen", sagt der Niederländer. Mit Cannabis zu tun hat er täglich. Duijndam leitet die Pflanzenaufzucht in Deutschlands erster legaler Cannabis-Produktionsanlage in Neumünster. Dort soll noch dieses Jahr - zum ersten Mal in Deutschland - medizinisches Cannabis geerntet werden - beispielsweise für den Einsatz in der Schmerztherapie.

Die Anlage des Unternehmens Aphria RX hat 1600 Quadratmeter Anbaufläche. "Hier ist immer Sommer", sagt Duijndam. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Jeder, der mit den Pflanzen Kontakt hat, arbeitet in Schutzkleidung und muss durch Luftschleusen. Um mögliche Infektionen nicht von einer der acht, jeweils 165 Quadratmeter großen Kammern in die nächste zu tragen, wechselt der Chefanbauer 16 Mal am Tag die Kleidung.

Bis zu 4,7 Ernten pro Jahr und Pflanze möglich

Hinter dicken Stahlbeton-Wänden absolvieren die Pflanzen einen Schnelldurchlauf. Natürliches Sonnenlicht sehen sie nie, stattdessen simulieren LED-Lampen Sonnenauf- und -Untergänge. Die künstliche Sonne scheint bis zu 18 Stunden am Tag, die Temperatur beträgt 27, 28 Grad. Zwei Blockheizkraftwerke mit je 1.000 Megawatt sorgen für Energie.

Aphria-Geschäftsführer Hendrik Knopp spricht von der modernsten und sichersten Indoorplantage der Welt. Das Investitionsvolumen für die 12.000 Quadratmeter große Plantage liege im zweistelligen Millionenbereich. Jährlich gut eine Tonne will das Unternehmen anbauen. "Bis zu 4,7 Ernten sind pro Jahr und Pflanze möglich", sagt Werksleiter Thorsten Kolisch.

Exkremente werden nach jedem Toilettengang geschreddert

Seit 2017 können sich PatientInnen Cannabis für medizinische Zwecke regulär ärztlich verschreiben lassen. Bislang importiert Deutschland Cannabis-Blüten. Deshalb hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zwei weiteren Firmen den Anbau erlaubt.

Die Sicherheitsanforderungen sind immens. 14.000 Tonnen Stahlbeton wurden verbaut. Die Außenwände sind 24 Zentimeter dick. Detektoren und Sensoren registrieren, wenn sich jemand nähert. Drinnen gilt das Vier-Augen-Prinzip. Sogar die Exkremente der Mitarbeitenden werden nach dem Toilettengang geschreddert. Bis Ende des Jahres sollen 50 Mitarbeitende einen Job gefunden haben.

Passende Rahmenbedingungen für rasches Wachstum der Pflanzen nicht so schwer wie deren richtige Ernährung

Passende Rahmenbedingungen für rasches Wachstum der Pflanzen sind laut Duijndam nicht so schwer wie deren richtige Ernährung. Neben ihm kennen nur zwei weitere Mitarbeiter die Rezepte für die Nährlösungen. "Jede Wachstumsphase hat ihren speziellen Wachstumsbedarf", sagt der 61-Jährige. Er verfügt über knapp 40 Jahre Berufserfahrung. "Ich spielte bereits als Kind im Gewächshaus und habe grüne Daumen."

1984 startete Duijndam mit seiner Frau in den Niederlanden sein eigenes Gewächshaus, baute darin Blumen und Pflanzen an. "2010 haben wir das Geschäft verkauft." Danach arbeitete er jahrelang für eine Firma in Iran, Georgien, Kasachstan und Russland, um dort die Pflanzenaufzucht zu lehren. Schließlich suchte er einen Job näher an seiner Heimat und landete im Norden. "Im ersten Moment dachte ich: Ups! Cannabis. Wirklich?"

Reizvolle Herausforderung, medizinisches Cannabis mit konstant hohem THC-Gehalt anzubauen

Ihn reize die Herausforderung, medizinisches Cannabis mit einem konstant hohen THC-Gehalt anzubauen, sagt Duijndam. Seine Frau sei mit dem Job zunächst nicht glücklich gewesen. "Ihre Augen wurden groß." Sie habe dies zunächst mit dem Untergrund verbunden. Als sie erfuhr, dass es sich um medizinisches Cannabis handelt, sei sie jedoch erleichtert gewesen. "Meine Tochter arbeitet in der Palliativpflege. Sie ist wirklich neugierig und möchte sich die Fabrik ansehen, wenn die Produktion läuft."

Bis dahin werden noch ein paar Wochen vergehen. Von außen erinnert der Bau eher an eine Lagerhalle als eine hochmoderne Cannabis-Plantage. Voraussichtlich im Herbst sollen die ersten Setzlinge gepflanzt werden. Sie werden importiert von der kanadischen Mutterfirma. Die baut nicht nur drei verschiedene Sorten an wie in Neumünster geplant, sondern weit mehr als zwei Dutzend.

Teil des Cannabis-Geschäfts aus dem Untergrund holen

"Es ist der interessanteste Job, den ich je hatte", sagt Duijndam. Ziel sei auch, zumindest einen Teil des Geschäfts aus dem Untergrund zu holen. "Der Vorteil bei medizinischem Cannabis ist, dass Nutzer genau wissen, wie viel Cannabidiol (CBD) darin enthalten ist." Die Wirkstoffe CBD und Tetrahydrocannabinol (THC) sollen bei der Ware aus dem Norden konstant sein und nicht so stark variieren wie bei illegalen Produkten im Straßenverkauf.

In der Apotheke kostet das Gramm aktuell mehr als 20 Euro. Nach Angaben der Apothekerkammer erhalten dies allein in Schleswig-Holstein knapp 700 PatientInnen regelmäßig. Oft gebe es aber Lieferprobleme. Letzteres soll sich durch die Anlage in Neumünster ändern.

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