Chancengleichheit in der Medizin bleibt Zukunftsmusik

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Bundeskongress Gender-Gesundheit: Der Anteil der Ärztinnen in der Ärzteschaft steigt kontinuierlich an. Doch weiterhin verdienen sie deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen und sind seltener in Führungspositionen vertreten.

Wie ist es um die Chancengleichheit für Frauen im deutschen Gesundheitswesen und insbesondere in der Ärzteschaft bestellt? Offenbar sehr schlecht, wenn man die Analysen und Einschätzungen der drei Referentinnen einer Session zu eben jenem Thema auf dem 4. Bundeskongress Gender-Gesundheit in Berlin zugrunde legt. Ärztinnen verdienen als niedergelassene Medizinerinnen weniger, schneiden beim außertariflichen Verdienst in Krankenhäusern wesentlich schlechter ab als ihre männlichen Kollegen und sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.

Zahlen der Bundesärztekammer zufolge steigt der Anteil der Frauen unter den Ärztinnen seit Jahren kontinuierlich an. Gemessen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte erhöhte sich ihr Anteil im Jahr 2015 auf 46,0 Prozent im Vergleich zu 33,6 Prozent 1991. “Dieser Trend findet nicht nur in Europa, sondern weltweit statt”, erklärte Professorin Bettina Pfleiderer vom Universitätsklinikum Münster und designierte Präsidentin des Weltärztinnenbundes. Bei der Zahl der Erstsemester im Fach Humanmedizin liegt der Anteil der weiblichen Studenten in Deutschland inzwischen bei rund zwei Drittel. Diese Entwicklungen mit einem immer höheren weiblichen Anteil in der Medizin haben dazu führt, dass von einer Feminisierung der Medizin gesprochen wird. “Trotzdem bleiben Frauen weltweit in Führungspositionen in der Medizin in der Minderheit”, so Pfleiderer. Eine Entwicklung, die sie für bedenklich und ökonomisch unsinnig hält.

Doch wie lassen sich die Einkommensunterschiede erklären? Sowohl Pfleiderer als auch die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), Dr. Christiane Groß, wiesen in ihren Vorträgen darauf hin, dass sich Frauen bevorzugt auf Fachbereiche spezialisieren würden, die per se schlechter vergütet werden. Kinderheilkunde, Gynäkologie, Allgemeinmedizin und auf die menschliche Psyche spezialisierte Fächer sind einige Beispiele. “Frauen wählen seltener operative Fächer, sondern konzentrieren sich stärker auf die sprechende Medizin”, betonte Groß. Sind Frauen also selbst Schuld?

Ärztinnen arbeiten 400 Stunden weniger als männliche niedergelassene Mediziner

Hinzu komme, dass Frauen als niedergelassene Ärztinnen rund 400 Stunden im Jahr weniger arbeiten würden als Männer: 2.520 Stunden seien Ärzte und 2.116 Stunden Ärztinnen beruflich tätig; bei Hausärzten seien die Zahlen mit 2.604 Stunden (Männer) im Vergleich zu 2.302 Stunden ähnlich, was sich auf die Vergütung auswirkt. Die Beratungsgesellschaft Kienbaum notierte im Vergütungsreport “Ärzte, Führungskräfte und Spezialisten in Krankenhäusern 2015” einen Verdienstabschlag von Frauen gegenüber Männern von zwölf Prozent. Bis zu 64.000 Euro weniger beträgt das Honorar der Ärztinnen mit eigener Praxis gegenüber dem ihrer männlichen Kollegen. Pro Stunde und Patient liegt der Verdienst der Ärztinnen ebenfalls unter dem von Männern. Allerdings sind die Behandlungen von weiblichen Ärzten im Durchschnitt günstiger. “Möglicherweise denken die Ärztinnen ökonomischer”, schlussfolgert Groß.

Dr. Groß zufolge würden Ärztinnen bei chronischen Erkrankungen bessere Ergebnisse erzielen als Männer und außerdem empathischer kommunizieren. “Sie sprechen intensiver mit Patienten und berücksichtigen eher die gesamte Lebenssituation”, meint die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Nun sei es notwendig anhand von Studien diese Vorteile in belastbaren Zahlen auszudrücken. Das deutsche Gesundheits- und Kassensystem unterliegt einem chronischen Sparzwang; die Krankenhäuser sowieso. Würden die ökonomischen Vorteile eines höheren Anteils von Frauen in der Medizin gesehen, würde sicherlich ein Umdenken stattfinden – so argumentiert nicht nur Groß.

Doch welche strukturellen Ursachen führen zu den Unterschieden beim Verdienst? “Der Großteil der Entscheidungsträger in politischen und gesundheitlichen Gremien ist männlich”, erklärt Groß. Und insbesondere bei jenen Entscheidungsträgern würden weibliche Ärzte immer noch als ein “Problem” angesehen, ergänzte Pfleiderer. Zudem herrsche immer noch das Vorurteil, dass Frauen mit Kindern und Familien Schwierigkeiten hätten, ihr Privatleben mit den beruflichen Anforderungen in Einklang zu bringen. “Wir brauchen familienfreundlichere Arbeitszeiten, eine bessere Honorierung der sprechenden Medizin und Transparenz bei außertariflichen Gehältern”, fordert Groß. Den Verdienst schmälere zudem der geringere Anteil der Privatpatienten von Ärztinnen, die wiederum 7,2 Minuten mehr an Zeit für jeden GKV-Patienten aufwenden würden, was für die These spricht, dass Ärztinnen besser auf Patienten eingehen.

Mehr Flexibilität im Arbeitsalltag

Wie Flexibilität im Krankenhausalltag aussehen könnte, präsentierte Professorin Clarissa Kurscheid, Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Versorgungsforschung der praxisHochschule (igv) Köln. “Ein Ansatz sind verlässliche Dienstzeiten und Flexi-Dienste, die es Kollegen ermöglichen, beispielsweise für zwei Stunden für eine Kollegin mal einzuspringen und ihren eigenen Dienst zu verlängern”, schlägt Kurscheid vor. Die anderen Mitarbeiter beispielsweise einer Krankenhausstation können sich dann darauf verlassen, zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Hause zu gehen. Auch plädiert sie für eine Vertrauensarbeitszeit insbesondere bei Führungskräften und Jahreszeitenkonten, die wie in der Industrie der Ärztin die Möglichkeit geben, beispielsweise bei Krankheit des Kindes kurzfristig Tage frei zu nehmen. 24 Stunden Tagesmütter sieben Tage die Woche und mehr Belegplätze für Kitas seien weitere Ansätze.

Wie weitgehend die Unterschiede bei den beruflichen Chancen von Ärztinnen und Ärzte sind, zeigt eine weitere Statistik: “Zehn Jahre nach Abschluss ihres Medizinstudiums arbeiten nur 48 Prozent der Ärztinnen in Vollzeit”, so Kurscheid. Bei Männern liegt der Wert bei über 90 Prozent. Offenbar bleiben gerade in der Medizin die Frauen für die Betreuung des Kindes verantwortlich.

Der Bundeskongress Gender-Gesundheit wurde am ersten Tag von geschätzt 90 Prozent Frauen besucht – auch das ein Indiz, dass Chancengleichheit in der männlich dominierten Ärzteschaft bisher wenig Priorität genießt. Weitere Themen sind beispielsweise geschlechterspezifische Therapien in der Onkologie und Genderaspekte in Studien.

Text: V. Thoms

Foto: gpointstudio / Shutterstock

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