COVID-19-Erkrankungsrisiko von IBD-Patientinnen und -Patienten

Ein französisches Forschungsteam hat davor gewarnt, voreilige Schlüsse aus Veröffentlichungen zum Risiko von Patientinnen und Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) an COVID-19 zu erkranken, zu ziehen.

Keine Datengrundlage für COVID-19-Risiko bei IBD – französische AutorInnen warnen vor voreiligen Schlüssen

Französische WissenschaftlerInnen haben davor gewarnt, voreilige Schlüsse aus Veröffentlichungen zum Risiko von PatientInnen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) an COVID-19 zu erkranken, zu ziehen.1 Zwei Studien zu PatientInnen aus dem italienischen Bergamo2 bzw. aus dem chinesischen Wuhan3 hatten zuvor berichtet, keine COVID-19-Erkrankungen unter den von den Forschungsgruppen jeweils beobachteten IBD-PatientInnen beobachtet zu haben.

Die Studien hätten diese Beobachtung mit der Einnahme bzw. Nicht-Einnahme von Immunsuppressiva durch die Patienten in Verbindung gebracht und ebenso voreilig wie in der Aussage gegenläufig über ein durch die Einnahme bzw. Nicht-Einnahme reduziertes Ansteckungsrisiko spekuliert.

In ihrer Stellungnahme verweisen die französischen AutorInnen um Corinne Gower-Rousseau von der Universität Lille auf Zahlen aus dem EPIMAD Register, der seit 1988 sämtliche IBD-Erkrankungen in einer rund 6 Millionen EinwohnerInnen umfassenden Region in Nordfrankreich erfasst. Aufgrund der aktuellen Statistiken zu Erkrankungen und Hospitalisierungen im Zusammenhang mit COVID-19 in Frankreich errechnen die Forschenden eine Zahl von 20 IBD-Erkrankten, die zum aktuellen Zeitpunkt wegen einer COVID-19-Erkrankung in Krankenhäusern der Region behandelt werden sollten. Diese Fallzahl sei jedoch entschieden zu niedrig, um statistisch belastbare Ergebnisse zu wechselseitigen Einflüssen von COVID-19 und IBD belegen zu können. Und das gelte auch für die vorgelegten Studien aus Bergamo bzw. Wuhan.

Am Beispiel ihrer Fallzahl-Berechnung illustrieren die französischen WissenschaftlerInnen, wie schwierig es gerade in Zeiten einer Pandemie ist, drängende Fragen wissenschaftlich tragfähig und  sauber zu beantworten. Die Spekulationen über die Ursache der nicht vorhandenen COVID-19-Infektionen bei IBD-PatientInnen in den Studien aus Bergamo und  Wuhan weisen sie ausdrücklich als statistisch unhaltbar zurück.

Die Beobachtungsstudie aus Bergamo – unveränderte Weiterbehandlung

Die "Bergamo"-Studie2 hatte das Auftreten von COVID-19-Infektionen unter den 522 IBD-Erkrankten (davon 59 PatientInnen im Alter < 18 a) im Einzugsbereich des "Papa Giovannni XXIII Hospital" zwischen dem 19. Februar und 23. März 2020 untersucht. Die AutorInnen berichteten, dass es unter diesen eng an die Klinik angebundenen PatientInnen keinen einzigen Fall auch nur des Verdachts einer Infektion mit COVID-19 gegebenen habe, während gemäß einer Modellrechnung 21 Fälle zu erwarten gewesen wären. Die Behandlung der PatientInnen war über den Beobachtungszeitraum nicht geändert worden, gleichgültig ob sie die Einnahmen von Immunsuppressiva umfasste oder nicht.

In ihrer Auswertung der Ergebnisse spekulieren die AutorInnen der Studie, ob die Einnahme von Immunsuppressiva zu einem verminderten COVID-19-Infektionsrisiko unter den IBD-PatientInnen geführt haben könnte. Zudem verweisen sie auf die Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse, ohne jedoch mögliche Einflussfaktoren oder Fehlerquellen im Zusammenhang mit ihren Ergebnissen zu diskutieren.

Genau diesen Punkt kritisieren die französischen AutorInnen von der Epimad Registry Group in Lille als voreilig und letztlich unsubstanziiert.

Wuhan – Aussetzen der immunsuppressiven Therapie

Die AutorInnen der "Wuhan"-Studie3 konzentrieren sich in ihrer Untersuchung vorrangig auf die Bedeutung einer engen Patientenführung und einer Beendigung der immunsuppressiven Therapie für das COVID-19-Infektionsrisiko ihrer IBD-PatientInnen. Letztere erhöhe, so ihr Vortrag, potentiell das Infektionsrisiko der betroffenen PatientInnen. Zusammenfassend erkennen die AutorInnen in der engen, insbesondere auch hygienischen Führung der PatientInnen und dem Aussetzen der immunsuppressiven Therapie ein Modell, um diese sicher durch die Pandemie-Zeit zu bringen.

Gower-Rousseau et al. halten dies Schlussfolgerung jedoch, wie oben ausgeführt, ebenfalls für voreilig und unbegründet. Sie mahnen an, nicht überhastet statistische und wissenschaftliche Kriterien über Bord zu werfen, nur weil ein hohes Bedürfnis nach klärenden Aussagen bestehe. Schnelle, gründliche und durchdachte Forschung sei derzeit gefragt, nicht gehetzte Veröffentlichungen ohne ausreichende Substanz.

Referenzen:
1. Gower-Rousseau C, et al. (for the Epimad Registry Group). Inflammatory bowel disease and the SARS-CoV-2 pandemic: more speed, less haste, Gastroenterology (2020), doi: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2020.05.013.
2. Norsa L, et al. Uneventful course in IBD patients during SARS-CoV-2 outbreak in northern Italy. Gastroenterology 2020. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2020.03.062. [Epub ahead of print]
3. An P, et al. Prevention of COVID-19 in patients with inflammatory bowel disease in Wuhan, China. Lancet Gastroenterol Hepatol 2020 Published Online April 17, 2020 https://doi.org/10.1016/S2468-1253(20)30121-7.

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