“Das Hauptproblem sind Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen”

Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) über Schwächen einer Impfpflicht, impfskeptische Ärzte und eine mögliche Ausweitung des Impfkatalogs Die STIKO ist die maßgebliche

Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) über Schwächen einer Impfpflicht, impfskeptische Ärzte und eine mögliche Ausweitung des Impfkatalogs

Die STIKO ist die maßgebliche Instanz für alle Fragen rund ums Impfen in Deutschland. Insbesondere im Zuge des aktuellen Masernausbruchs mit Schwerpunkt Berlin zeigt sich, dass auch hierzulande als überwunden angesehene Krankheiten wieder intensiv auftreten können, falls nicht flächendeckend geimpft wird. 95 Prozent Impfabdeckung gelten hier als Zielmarke. Dr. Jan Leidel, Vorsitzender der STIKO, befürwortet Impfungen, steht aber trotzdem einer Impfflicht kritisch gegenüber. “Eine wichtige Rolle kommt den Ärzten zu, Patienten auf die Notwendigkeit von Impfungen hinzuweisen”, betont Leidel. “Es gibt aber auch impfkritische Ärzte in Deutschland.”

Herr Dr. Leidel, warum sind Sie gegen eine Impfpflicht?

Leidel: Wenn in Deutschland staatliche Maßnahmen vorgesehen werden, die in Grundrechte der Bürger eingreifen, muss zuvor die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme geprüft werden. Dabei wird festgestellt, ob die Maßnahme geeignet ist, um das gewünschte Ziel zu erreichen, ob sie erforderlich und ob sie angemessen ist. Nach meiner Überzeugung ist es fraglich, ob durch eine Impfpflicht gegen Masern tatsächlich erreicht werden könnte, dass mindestens 95 Prozent der deutschen Bevölkerung immun gegen Masern sind – unabhängig davon, ob sie geimpft oder aufgrund einer Erkrankung geschützt sind. Eine Impfpflicht würde sich nach der gegenwärtigen Diskussion zunächst an Kleinkinder richten. Diese sind aber gar nicht so schlecht geimpft. 2012 waren bei der Einschulung 96,7 Prozent der Kinder mit Impfausweis (8 Prozent hatten keinen vorgelegt) wenigstens einmal gegen Masern geimpft, 92,4 Prozent sogar zweimal.

Unser Hauptproblem sind eher die Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wie man diese für eine Impfpflicht erreichen könnte, erschließt sich mir nicht. Es ist überhaupt nicht geklärt, welche Sanktionen für Impfverweigerer denkbar und effektiv sind. Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, würden ebenfalls von der Impfpflicht verschont bleiben. Und ich könnte mir vorstellen, dass impfkritische Ärzte, die es ja leider auch gibt, relativ großzügig mit entsprechenden Attesten umgehen würden. Schließlich halte ich es für wahrscheinlich, dass zum Beispiel Eltern, die letztlich trotz Bedenken ihr Kind derzeit impfen lassen, auf staatlichen Zwang mit einer “Trotzhaltung” reagieren könnten – und dass es so sogar zu einer Verringerung der Beteiligung kommen könnte.

Auch erforderlich scheint mir die Impfpflicht nicht zu sein. Das wäre sie, wenn alle anderen Maßnahmen zur Steigerung der Impfquoten ergebnislos geblieben wären. Tatsächlich gibt es durchaus Möglichkeiten, Impfzahlen zu verbessern. Allerdings werden diese zu wenig genutzt. Und schließlich zur Angemessenheit: Die Masern sind zwar nicht so harmlos, wie manche denken. Aber sie sind auch nicht so bedrohlich, wie es die Pocken waren, die durch eine gerechtfertigte Impfpflicht ausgelöscht werden konnten.

Bei einer zunehmenden Impfskepsis in der Bevölkerung: Welche Rolle sollten Haus- und Kinderärzte einnehmen, so dass die Impfquote erhöht werden könnte?

Leidel: Die meisten Kinderärzte impfen sehr engagiert. Allerdings gibt es auch solche, die Schutzimpfungen kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. In einem Rechtsgutachten des Medizinrechtlers Professor Deutsch führt dieser aus, dass Ärzte trotz eigener Bedenken die Pflicht haben, jeden Patienten oder dessen Sorgeberechtigten auf die Notwendigkeit von Impfungen hinzuweisen. Macht er das nicht, verletzt er in schwerwiegender Weise seine ärztliche Pflicht.

Bei Hausärzten und anderen Facharztgruppen ist das Impfen nicht im gleichen Maße etabliert wie bei den Kinderärzten. Hier könnte durch Fortbildungsmaßnahmen und wirtschaftliche Anreize eine Verbesserung erreicht werden. Wir wissen aus Telefonbefragungen, dass sich viele nicht geimpfte Patienten durchaus impfen lassen würden, wenn ihr Arzt sie darauf ansprechen würde. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang auch eine das Impfen erleichternde Praxissoftware mit der Möglichkeit der automatischen Erinnerung an Impftermine und dergleichen.

Auf welcher Basis gibt die STIKO ihre Impfempfehlungen ab? Warum empfiehlt die STIKO gerade Impfungen gegen die derzeit 14 in den Empfehlungen enthaltenen Krankheiten?

Leidel: Die STIKO spricht ihre Empfehlungen auf der Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz aus. Diese gewinnt sie in einem außerordentlich aufwändigen Verfahren, das auf systematischer Literaturrecherche beruht, sowie auf der Bewertung der Glaubwürdigkeit und Beweiskraft der einzelnen Studien. Letztlich spielen für die STIKO die Krankheitslast der jeweiligen Zielkrankheit, Wirksamkeit und Sicherheit der Impfung und eine Nutzen-Risiko-Abwägung auf Bevölkerungsebene eine wesentliche Rolle.

Zahlreiche Eltern machen sich Sorgen um Säuglinge, die noch nicht gegen Masern geimpft werden können. Weshalb ist eine Impfung gegen Masern frühestens ab dem 9. Monat möglich?

Leidel: Derzeit sind Masernimpfstoffe erst ab dem 9. Monat zugelassen. Das hängt damit zusammen, dass nicht geklärt ist, ob das Immunsystem noch jüngerer Säuglinge auf die Impfung angemessen reagieren kann und dass außerdem etwa vorhandene von der Mutter diaplazentar übertragene Antikörper den Impfstoff unwirksam machen könnten. Aber entsprechende Überlegungen und Forschungen werden bereits durchgeführt.

International treten immer wieder Epidemien auf: Ebola in Westafrika oder die Pest in Madagaskar sind nur zwei Beispiele. Für welche weiteren Krankheiten wären in Deutschland Impfungen denkbar und ratsam?

Leidel: Weltweit gesehen, wäre ein Impfstoff gegen Dengue-Fieber wünschenswert. Manche Hersteller forschen in diesem Bereich sehr engagiert. Weitere Impfstoffe, die auch für Deutschland interessant wären, sind Impfungen gegen HIV, Hepatitis C, Tuberkulose sowie Zytomegalieviren, die vor allem auch in der Transplantationsmedizin eine wichtige Rolle spielen, und Staphylokokken. Die Forschung beschäftigt sich auch mit nicht infektiösen Krankheiten wie Alzheimer oder bestimmten Krebserkrankungen.

 

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