“Das Medizinstudium muss praxisnäher werden”

Stefanie Weber, Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund, über Änderungsbedarf im Medizinstudium und Erwartungen an den ärztlichen Berufsalltag.

Stefanie Weber, Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund, über Änderungsbedarf im Medizinstudium und Erwartungen an den ärztlichen Berufsalltag.

Stefanie Weber ist Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund. Die 28-Jährige studiert im zehnten Semester Medizin an der Universität Göttingen. Sie spricht sich dafür aus, dass die Studenten während des Studiums mehr Wahlmöglichkeiten erhalten und beispielsweise auch betriebswirtschaftliche oder kommunikationsorientierte Kursen belegen können. “Viele der Studenten haben Angst, sich niederzulassen, weil ihnen das notwendige Wissen fehlt”, beklagt sie. Eine noch stärkere Verankerung der Allgemeinmedizin im Studium lehnt sie ab.

esanum: Frau Weber, Sie fordern eine Reform des Medizinstudiums. Was genau stört Sie?

Stefanie Weber – Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund

Weber: Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, die geändert werden sollten. Es beginnt bereits bei der Zulassung zum Medizinstudium. Die übermäßige Fokussierung auf die Abiturnote führt für viele Studenten zu enormen Wartezeiten. Stattdessen sollten auch eine Berufsausbildung und die Persönlichkeit eine Rolle spielen. Assessment-Center und der bundesweite Test für Medizinische Studiengänge (TMS) könnten ein Weg sein, um die geeignetsten Studenten auszuwählen.

Zusätzlich ist das Studium zu sehr spezialisiert und verschult. Es bietet kaum noch Freiraum zur Eigeninitiative. Wir benötigen mehr Wahlmöglichkeiten auch in nicht-medizinischen Fächern. Außerdem gibt es an vielen Universitäten während des Studiums nicht ausreichend Kontakt mit den Patienten.

esanum: Welche Änderungen schweben Ihnen vor?

Weber: Aus meiner Sicht geht es darum, den Studenten während ihres Studiums sowohl fachliche Wahlmöglichkeiten, aber auch optionale Kurse anzubieten in Betriebswirtschaft, Kommunikation oder auch Konfliktmanagement. Ganz konkret sollten die Studenten heute lernen, wie sie beispielsweise Patienten schlechte Botschaften überbringen, ein empathisches Patientengespräch führen oder wie sie eine Praxis gründen können. Viele meiner Kommilitonen haben Angst, sich niederzulassen, weil ihnen dafür das Vorwissen fehlt. Es wäre Aufgabe des Studiums, genau dieses zu vermitteln.

Viel zu wenige Kliniken bieten in den ersten Semestern den Unterricht am Krankenbett oder Modellstudiengänge an, wie sie die Charité durchführt. Es fehlt einfach ein intensiver Arzt-Patienten-Kontakt und damit die soziale Kompetenz, mit Patienten richtig umzugehen. Wir brauchen mehr Praxisnähe im Studium und nicht erst Patientenkontakt nach dem Physikum.

esanum: Sie sprechen sich dagegen aus, dass die Allgemeinmedizin während des Studiums verpflichtend mehr Raum einnehmen soll, um damit mehr Hausärzte auszubilden. Warum lehnen Sie das ab?

Weber: Die Allgemeinmedizin vermittelt wichtige Grundlagen, die insbesondere auch bei der Behandlung der wachsenden Zahl chronischer Erkrankungen wichtig sind. Umfragen zeigen, dass Allgemeinmedizin ein sehr großes Potenzial besitzt. Etwa 50 Prozent der Studenten wollen ja ihren Facharzt gegebenenfalls in Allgemeinmedizin machen. Mir geht es vielmehr um die Wahlfreiheit. Die Studenten sollen zu einem gewissen Grad selbst entscheiden können, worauf sie ihren Schwerpunkt legen wollen.

Außerdem erscheint mir der Zeitpunkt für eine weitere Intensivierung der allgemeinmedizinischen Aspekte während des Studiums wenig sinnvoll. Die letzte Änderung der Approbationsordnung sah ja bereits Maßnahmen zur Förderung der Allgemeinmedizin vor. Jetzt verlassen die ersten davon betroffenen Studenten die Uni und wir sollten die Entwicklung abwarten, welche berufliche Richtung sie einschlagen und wie erfolgreich die Änderungen waren. Weitere Pflichtabschnitte und die M3-Prüfung, wie sie Professor Gerlach von der DEGAM als Kompromiss wünscht, lehnt die Mehrzahl der Studenten dem MB-Studi-Barometer 2016 zufolge übrigens eindeutig ab.

esanum: Welche Erwartungen haben die Studenten generell an den ärztlichen Berufsalltag?

Weber: Wie gesagt haben zahlreiche Studenten großen Respekt davor, sich niederzulassen. Das erscheint vielen zu riskant. Sie präferieren stattdessen die Sicherheit einer Festanstellung in einer Klinik. Außerdem ist für unsere Generation Y, zu der wir als Studenten gehören, eine Einzelpraxis kein Zukunftsmodell, da  es bedeutet mehr oder weniger rund um die Uhr für seine Patienten da zu sein.

Die jetzige Generation an Studenten ist zwar bereit viel zu arbeiten, verlangt aber trotzdem eine ausgewogene Work-Life-Balance mit Zeit für Familie und Freizeit. Das bedeutet, dass wir vor allem auch die Arbeitsbedingungen für Frauen in der Medizin anpassen müssen. Mehr Teilzeitmodelle etc.

esanum: Wie beurteilen Sie die Chancen von Frauen in der Medizin?

Weber: Ich habe das Gefühl, dass sich die früher vielleicht bestehenden Widerstände relativiert haben und so nicht mehr existieren. Außerdem lässt sich ja an den Zahlen ablesen, dass der Anteil von Frauen in der Medizin zunimmt. Wir haben in der Medizin fast 70 Prozent Studentinnen.

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